Es gibt sehr wohl Grenzen für den uns bekannten Pop. Im Hinterland klingt alles anders. Dort gibt es verborgene Popkulturen, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren, wie die unsere, mit den gottgleichen Stars, einem Rhythmus der das Volk vereint, Melodien für die Massen, Texten die für jeden sprechen, einer Ästhetik zur Musik. Die Zentren des Pop heißen allerdings nicht mehr London und New York, sondern Kinshasa, Kairo oder Bogotá. Weil es Kräfte gibt, die stärker sind als der Glanz von Madonna, der Charme der Beatles und der Schmelz von Frank Sinatra. Pop funktioniert eben nicht wie ein Markenprodukt. Es geht nicht um Status, sondern um Identität und Gefühle, die lassen sich nicht global gültig vorfabrizieren. Doch statt theoretischem Beweis, eine kurze Reise um die Welt.
Rangun (Burma).
Ein Tonstudio im Erdgeschoß einer Kolonialvilla nicht weit vom Haus der Freiheitskämpferin An Saung Suu Kiy. Vor dem Mikrophon steht eine junge Frau im Hosenanzug und singt einen Hit von Madonna. Allerdings mit burmesischem Text. In Burma kennt kein Mensch Madonna. Alle kennen die junge Frau. Der Produzent mischt die Stimme über das Playback, das er gestern zusammen mit seinen Studiomusikern eingespielt hat. Seit das Experiment der Militärs mit dem "sozialistischen Nirvana" schiefgelaufen ist und die Grenzen geöffnet wurden, um Touristen und Westgeld einzulassen, gibt es einen neuen Hunger auf importierten Konsum. Den bedient er. Doch es gibt ein Problem mit dem Westpop: "Keiner versteht die Worte". Deswegen dichtet der Produzent die Hits ganz einfach um. Aus Madonnas "Papa Don't Preach", das schon wegen seinem katholischen Inhalt in Burma nicht funktioniert, wird an diesem Nachmittag "Der Fisch, der sich im Netz verfängt", eine dörfliche Fabel um eine fatale Affäre. Zwei- bis dreihundert Westhits burmatisiert der Produzent im Jahr. Kein einziger läuft im Radio. Die Kassetten gibt es nur auf dem Schwarzmarkt. Doch kein Produzent kann ohne Radio überleben, auch nicht in Burma. Deswegen warten im Nebenraum schon fünf Mädchen von der Musikschule, mit denen er gleich ein traditionelles Liebeslied aufnehmen wird.
Gaza (Palästinensische Autonomiegebiete).
Sami, der Chauffeur, fährt eine Fotografin der Zeitschrift National Geographic in seinem Peugeot 504 durch den Gazastreifen. Im Handschuhfach liegt ein Stapel Kassetten. Sami legt ein. Spitze Elektroklänge, blechernes Trommelrasseln, dazu singen die Stars des ägyptischen Shaabi wie Sami Ali und Hassan el Asmar, die sich auf Vierteltonleitern verstehen. Halbobszöne Gassenhauer aus Kairo, alle paar Minuten ein herzerweichendes "Habibi" - Liebling. Nach ein paar Stunden bittet die Fotografin Sami, doch etwas anderes aufzulegen. Sie kennt sich aus in der arabischen Kultur, will ihm etwas vorspielen, von dem sie glaubt, daß es ihm gefällt. Cheb Khaled, den Star des algerischen Raï. Klingt ähnlich wie die ägyptischen Schlager, ist aber in Paris und teurer produziert, deswegen für Westohren leichter erträglich. Sami hört zu, nur schlägt er den Rhythmus nicht mehr mit dem Daumen aufs Lenkrad. Wie es ihm gefällt, will die Fotografin wissen. Er zuckt mit den Schultern. "Ganz gut." Er solle nicht höflich sein. "Nun ja", sagt er. "Etwas fremdartig." Sie einigen sich auf Fairouz, die Diva aus dem Libanon, die das Heimweh nach Jerusalem besingt.
Khartum (Sudan).
Im Staatspalast tagen die Islamisten. Nach jeder Rede Kampfparolen: "Allah O Akbar, der Westen wird untergehen!" Die Führungsschicht des Sudan will arabischer sein als die Araber. Ein paar hundert Meter weiter steht ein Zeltdach am Nil. Ein hagerer Bursche legt Kassetten in den Rekorder. Rumbarhythmen mit westafrikanischen Gitarrenglissandi - Soukouss aus dem Kongo. Männer in weißen Kaftanen trinken Limonade und wippen im Takt. Ein paar stehen auf und tanzen.
Keine Stadt ist so weit entfernt von Pop wie Khartum und trotzdem ist die Mode aus dem Kongo hier angekommen. Die erste panafrikanische Musik, die von Johannesburg und Lagos bis in die Diaspora von Paris, London und New York zu hören ist. Ein Beat für den gesamten Kontinent, der im Kinshasa der 60er entstand, als der ganze Kongo zu kubanischen Schallplatten tanzte. Papa Wemba hat ihn während der 80er in die Welt getragen und die Mode dazu. Les Sapeurs nennen sich die Soukouss-Jünger nach den Sociétées d'Ambiance et d'Élegance, den Dandy-Gangs in den Armenviertel von Kinshasa, die zu den Soukouss-Hits Wettbewerbe austragen, wer am elegantesten auftritt. "Bien sape!" ruft einer im Zelt am Nil, den Jubelschrei der Sapeurs, wenn etwas besonders gut gelungen ist. Das verstehen sie alle und beweisen sich heute abend damit, daß der Sudan zu Afrika gehört.
Dakar (Senegal).
In der Bar du Nil ist nichts los. Die Barmädchen tanzen alleine oder mit ihren Freunden, die der hochgewachsene Türsteher mit dem Cowboyhut heute einläßt, weil keine Touristenfreier kommen. Der DJ muß keine Rücksicht nehmen, also packt er aus. Er weiß, was die Mädchen mögen und so steigert er sie in die Ekstase. Er fängt mit Hip Hop an, dem Gruß der Brüder aus Amerika. Dann wechselt der Rap zu Woloff, der Landessprache mit dem harten, arabischen Einschlag. Über den Beats liegen jetzt grelle Gitarren, die er zum Soukouss hinübermischt, dann legt er einen Salsa dazwischen, zurück zu Papa Wemba, bis zum Höhepunkt, den die Mädchen mit lautem Jubeln begrüßen: Youssou'n d'Our, der Weltstar aus Dakar. Der DJ freut sich, daß er zeigen darf, was er kann - trotz der verzinkten Rhythmen aus Kuba, Kongo, New York und Sengal mischt er keine Lücken. "Tout le monde est l'Afrique!", ruft er auf die Frage, wie er das schafft. Die ganze Welt ist Afrika. Es wird schon hell, als er aufhört zu spielen. Und kein Freier hat ihn heute gestört.
Cartagena (Kolumbien).
Samstag kurz vor Mitternacht. Vor dem Sportstadion haben die Garküchen ihre Stände aufgebaut und eine Menge sammelt sich, weil sich hier die Picoteros treffen, die Straßen-DJs. Die haben ihre Anlagen auf Handwagen gebaut, mit zwei Plattenspielern, zwei Boxen, Mischpult, einer Autobatterie, ringsrum verziert mit bunten Bildern, Spiegeln und Lampen. Kurze Zeit später dröhnen tausende von Watt durch die Nacht. An jeder Ecke ein Wettstreit - wer bringt die Menge schneller zum Tanzen. Nur zwei Stile haben auf den Plattentellern der Karibikküste eine Chance: Champeta und Vallenato. Champeta als dritte Generation der transatlantischen Fusion mit den ungleichen Rhythmen, die in hundert Jahren von Westafrika nach Kuba, zurück in den Kongo und jetzt nach Kolumbien wanderten. Ab und zu legen die Picoteros zusammen, dann fährt einer von ihnen nach Afrika und kauft die neusten Hits.
Vallenato ist dagegen ein Echo der europäischen Wurzeln. Rasende Akkordeonläufe über Zwiefachen wie aus den Alpen, dazu inbrünstige Liebesgesänge aus Spanien. Diomedes Diaz, der König des Vallenato, hat sich längst zum Superstar gemausert. Inklusive Skandal - im Koksrausch hat er ein Mädchen versklavt und sie drei Tage im Keller gefangen gehalten. Die Medien waren begeistert. Solche Geschichten gibt es sonst nur aus den USA.
Belgrad (Jugoslawien).
Das blonde Mädchen nennt sich Miss Goga. Vor dem Krieg war sie Stylistin in Zagreb. Da konnte sie als Serbin nicht bleiben. Jetzt stylt sie die Stars des Turbofolk, der Mischung aus Techno und serbischer Volksmusik. Samstags geht Miss Goga in eine Kellerdisco in der Belgrader Altstadt. Hier wird keine Musik aus dem Westen gespielt, sondern ausschließlich Hits aus der Heimat. Kahlgeschorene Muskelmänner lehnen an der Bar, auf der Tanzfläche nur Mädchen. Die Muskelmänner nennt man "Dieselistas", weil sie Diesel Jeans aus Italien tragen. Niemals Levi's, das Symbol für den verhaßten Westen. Die Dieselistas haben viel Geld. Während des Krieges zogen sie mit den Milizen durch Bosnien und Kroatien, dort plünderten die Dörfer. Jetzt kontollieren sie den Schmuggel. Ihre Stars: die Sängerin Ceca und der Milizführer Arkan "der Tiger". Als die beiden heirateten, wurde im ganzen Land gefeiert. Miss Goga hat sich mit ihrer neuen Welt abgefunden, aber sie sehnt sich nach ihrer Kindheit in den Jahren von Tito. "Das war unser Summer of Love", sagt sie. Ganz leise.
Kingston (Jamaika).
Im Sommer findet auf der großen Wiese am Rande der Stadt der "Reggae Sunsplash" statt, das Festival der alten Herren mit den langen Locken, zu dem die Touristen pauschal eingeflogen werden. Während der zwei Nächte zwischen Weihnachten und Neujahr, an denen das "Sting Festival" steigt, lassen sich allerdings kaum Ausländer blicken. Die Stars heißen Buju Banton und Bounty Killer, sie haben sich die Haare kurz geschoren, tragen goldfarbene, durchsichtige Hemden, viel Schmuck und sie haben die friedliche Gottesfürchtigkeit ihrer Rasta-Vorgänger zum beinharten "Auge um Auge"-Fundamentalismus getrieben. Wen schert es, daß die Ausländer schaudern, wenn sie den Tod aller Schwulen fordern. Gott bestraft die widernatürliche Unzucht, proklamieren sie über die Kaskaden aus dem Schlagzeugcomputer, und dann erzählen sie vom mörderischen Leben in den Ghettos. Früher applaudierte das Publikum mit Pistolenschüssen in die Luft. Das ist jetzt verboten. Die aggressive Stimmung ist geblieben. Ein Radioreporter aus England will Fragen stellen, aber er scheitert an der mundfaulen Arroganz der Stars. Die weißen Produzenten mit dem vielen Geld werden schon kommen, wissen sie. Die kamen noch immer, weil sie in Jamaika die musikalische Kraft fanden, die es in "Babylon" längt nicht mehr gibt.
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