Amerikanische Politiker müssen sich ihre Wahlkämpfe zum größten Teil selber finanzieren; weshalb sie beispielsweise zum Abendessen laden, und der Eintritt kostet 10 000 Dollar, welche die Gäste dann von der Steuer abschreiben dürfen. Fundraiser heißt so etwas, und bei den Republikanern waren das auch in diesem Jahr steife Abende im Stil der längst abgehalfterten Wasp-Elite. Man reicht Philly Cheese Steaks (abscheulich), und vielleicht kommt der eine oder andere Star aus der zweiten Garde. Die Demokraten dagegen geben rauschende Parties - und Hollywood feiert mit.
Da liest sich die Politikseite der New York Times auf einmal wie die Society-Spalte von People. Ein Partytornado fegte durch Los Angeles - noch bevor die Convention überhaupt begonnen hatte. Barbra Streisand gab, bei sich zu Hause, einen Brunch, der 10 Millionen Dollar für Clintons Presidential Library einbrachte. Brad Pitt und Jennifer Aniston waren da, Muhammad Ali auch und natürlich der Präsident persönlich. Spiderman-Erfinder Stan Lee lud zu einer Party für Hillary Clintons Senatswahlkampf, wo Bill Clinton ebenfalls erschien; Stevie Wonder, Cher und Patti LaBelle spielten zum Tanz auf. Hugh Hefner feierte Gores Wahlkampf in der Playboy-Mansion. Der Fotograf Herb Ritts gab eine Kostümparty. Und die acht tätowierten Paskowitz-Brüder - berühmte Surfer - richteten für das Democratic National Committee in Santa Monica eine Strandparty aus.
Der Höhepunkt war natürlich das abschließende Galakonzert am Donnerstag. Schon die Ortswahl zeigte Gespür für Symbolik: Das Shrine Auditorium ist eines der bekanntesten Gebäude der Welt; jedes Jahr im Frühling sehen Hunderte von Millionen Menschen, wie die glamourösesten aller Filmstars hier während der Oscar-Zeremonie einmal nicht Stärke, Sex und Souveränität ausstrahlen, sondern Nervosität, Neurosen und Neid.
Al Gore hat es schon immer verstanden, Symbole im Wahlkampf radikal zu simplifizieren. Als die Amerikaner 1992, mitten in der Rezession die Wahl zwischen dem Kalten Krieger George Bush Sr. und dem Provinz-Babyboomer Bill Clinton hatten, prägte Al Gore einen zündenden Begriff: Information Superhighway. Damit erinnerte er an Eisenhowers Superhighways - das Symbol für allgemeinen Wohlstand in guterschlossenen Suburbs.
Mit seinem Glamour-Konvent in Los Angeles spielt Al Gore wieder auf ein historisches Vorbild an. Der Konvent von 1960, ebenfalls in Los Angeles, auf dem John F. Kennedy zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, gilt als Beginn einer neuen Ära. Kennedy hatte nicht bloß Glamour; der irischstämmige Katholik besiegelte den Wechsel der amerikanischen Gesellschaft, die der Soziologe David Brooks in seinem Buch “Bobos in Paradise" so beschreibt: Es war der Übergang von der Aristokratie des Wasp-Establishments - der White Anglo Saxon Protestants - zu jener Meritokratie, in der jeder seine Chance bekommen sollte.
Will Gore den Machtwechsel von den Industriegiganten zu den Medien- und Dotcomstars verkünden?
Gore Vidal gab während des 1960er Konvents eine legendäre Party im damaligen In-Lokal Romanoff's, auf der Politik und Glamour zum ersten Mal so richtig aufeinanderprallten. Der Schwarzenrechtler und Kongressabgeordnete Adam Clayton Powell flirtete mit Gina Lollobrigida, Kennedys Berater Arthur Schlesinger Jr. plauderte mit Lauren Bacall, der spätere Vizepräsident Lyndon Johnson parlierte mit Gary Cooper und Henry Fonda. Und die beiden Welten fanden Gefallen aneinander. Die einen hatten die Macht, die anderen das Charisma. Kennedy hatte beides. Eine grandiose Referenz also dieses Jahr in Los Angeles.
Und so schwebten sie am Donnerstag ins Shrine Auditorium. Die glücklichen Delegierten, die eine Karte ergattert hatten. Noble Spender und liberale Prominenz. Sie standen stramm, als Boys II Men die Nationalhymne sangen, freuten sich über Whoopie Goldbergs Witze und jubelten Enrique Iglesias' Hüftschwüngen zu “La Bamba" zu. Das alles war nur noch Vorprogramm, als der Star des Abends die Bühne betrat: The Barbra. Mrs. Streisand im Konzert zu sehen, ist ein fast so seltenes Ereignis, wie den amerikanischen Wappenadler in freier Natur zu erspähen. In den letzten 30 Jahren hat sie vier Konzerte gegeben, und im September wird sie in Los Angeles und New York für die offiziell letzten vier Konzerte ihres Lebens auf die Bühne treten.
Und sie enttäuschte die demokratische Anhängerschar keine Sekunde ihres kurzen Auftritts. Der Vorhang hinter der Backup-Band lüftete sich, und ein rund hundertköpfiger Chor erschien. “On A Clear Day You Can See Forever" sang sie mit einer Dynamik, die selbst hartgesottenen Schnulzenfeinden eine Gänsehaut verursacht. Danach “I Believe", und schon war sie bei ihrem Lieblingsthema: Politik.
Eindringlich warnte sie vor der wahren Gefahr, die ein Regime Bush Junior mit sich bringen würde. “Der nächste Präsident wird wahrscheinlich vier neue Verfassungsrichter ernennen", sagte sie. Ein konservativer Supreme Court könnte dann sämtliche Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung und der Frauenbefreiung innerhalb von wenigen Jahren zunichte machen. Als Wahlkampfthema zu abstrakt. Als Zukunftsaussicht eher beängstigend.
Doch dann hob sie noch einmal zum Finale an. Sie sang “Somewhere", und die Gores kamen auf die Bühne, die Liebermans, die Stars, die Politiker. Barbra Streisands kurzes Gastspiel war vielleicht das Äquivalent zu Marylin Monroes Auftritten fürs Weiße Haus der Kennedys, welche die glamouröse Aura des irischen Politikerclans noch perfektionierte.
Auch Barbra Streisand ist längst eine Ikone. Die Karten für ihre beiden Schlusskonzerte gehören zu den rarsten und begehrtesten Tickets in der Geschichte der Popmusik. Clinton und Gore haben schon zu Beginn ihrer White-House-Laufbahn mit dem Kennedy-Image gespielt. Beide sind jung - zumindest für Politiker-Verhältnisse. Beide symbolisieren Aufbruch und Neuanfang. Bei beiden haperte es während ihrer Wahlkämpfe allerdings mit dem Charisma. Warum sollen sie sich das also nicht beim Halbgott der amerikanischen Geschichte ausleihen?
Nichts spricht dagegen. Denn dass die Gratwanderung zwischen Glamour und Politik den Demokraten gelungen ist, zeigten sie nicht nur auf den Parties. Wo die neue Protestbewegung in Seattle, Washington und Philadelphia gezeigt hatte, dass sich hier eine wichtige Stimme des globalen Volkes etabliert, standen die Demonstranten, zivilen Widerständler und Autonomen in Los Angeles auf verlorenem Posten. Keiner wollte sie hören. Ihre Forderungen deckten sich zu sehr mit dem Wahlkampfprogramm des Gore-Lieberman-Teams; auch wenn die beiden damit wahrscheinlich - wie schon Clinton - an den Realitäten der amerikanischen Politik scheitern werden. Selbst die Alternativpresse bemängelte die leicht stalinistische Besserwisserei der Demonstrationskommittees. Und schließlich knüppelte das brutale Los Angeles Police Department so lange die Straßen frei, bis sich die Demonstrationen an alle Auflagen der Behörden hielten.
Der Nachrichtensprecher von CBS Dan Rather brachte die Sache auf den Punkt: “Im Übrigen - vor dem Gebäude gab es Demonstrationen. Es gab Polizeiaktionen. Nichts Ernstes. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht."
Die Demokraten konnten ungestört triumphieren. In nur acht Jahren hat sich das Land aus einer tiefen Rezession in einen unvergleichlichen Boom katapultiert. Und in einer Anspielung auf die Stammpartei der Kapitalisten, zitierte Bill Clinton höhnisch Harry Truman: “Wenn Sie leben wollen wie die Republikaner, müssen Sie die Demokraten wählen."