Harold Meyerson vom American Prospect sieht das Vergleichsmodell in Amerikas eigener Geschichte, und zwar in der Doktrin, die Theodore Roosevelts 1898 nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg verkündete: “Amerikas Kurs muß das Imperium sein." Was Diane Kunz von der Columbia University brüsk zurückweist: “Bush gründet sein Vorgehen auf den Wilsonschen Prinzipien. Woodrow Wilson führte Amerika 1917 mit den Worten in den Krieg: Wir werden unser Blut und unsere Schätze opfern, um die Prinzipien zu schützen."
Die unmittelbarsten und häufigsten Vergleichsmodelle in der Analyse der aktuellen Ereignisse bleiben der Zweite Weltkrieg und Vietnam. Die Kriegsbefürworter halten es mit dem stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, der sagte “Das Gefühl dafür, was in Europa im Zweiten Weltkrieg passiert ist, hat viele meiner Ansichten geprägt". Für die Kriegsgegner ist der Vorwand, den Irak zu entwaffnen dagegen so fadenscheinig, wie die Lüge vom angeblichen Angriff auf amerikanische Zerstörer Maddox im Golf von Tonkin im Jahre 1964. Und ist die Dominotheorie, dass nach der Demokratisierung des Irak der gesamte Nahe Osten der Freiheit entgegenstreben wird nicht genauso hirnrissig, wie die Annahme, dass sich der Kommunismus von Vietnam aus wie die Pest über den Planet ausbreiten wird? Denn, so der Schriftsteller Tariq Ali: “Einem Ölstaat wird Amerika nie und nimmer wahre Demokratie zugestehen."
In einem sind sich die Historiker, Politiker und Essayisten einig. Egal ob der Casus Belli seine Wurzeln in der Geostrategie oder im Idealismus hat, Amerika muß sich nicht nur der Verwantwortung, sondern auch der Gefahren seiner imperialen Rolle bewußt sein. Der Direktor des Center for Cultural Conservatism William Lind vergleicht den Einmarsch in den Irak mit 1806, als Napoleons bei Jena die Preußen besiegte und sieht auch das als warnendes Vorzeichen für die Gefahren einer imperialen Politik, die nicht nur Napoleon, sondern auch das Spanien der Habsburger ihre Vormachtsstellung kostete. “Wann immer eine Nation versucht, den Rest der Welt zu dominieren, treibt sie alle anderen in eine Koalition gegen sie."
Doch mit welchem Ereignis soll man nun das Patt im Sicherheitsrat vergleichen? Mit dem Aufbruch der Barbaren, das römische Reich zu zerschlagen? Oder ist hier die Chance, aus den Fehlern des Völkerbundes zu lernen und die imperialen Ambitionen Amerikas in die Balance mit der Welt zu bringen? Und ist nicht gerade die hysterische Historisierung noch nicht vollzogener Ereignisse, der Beweise, dass dieser Krieg ganz anders ist? Muß man den Angriff auf den Irak nicht als Teil eines komplexen Konfliktes sehen, der sich mit seinen Asymetrien den klassischen Kategorisierungen der Geschichte weitgehend entzieht?
Lind führt Clauswitz an, der die Definition eines Krieges als wichtigste aller strategischen Überlegungen beschrieb. Doch die USA, so Lind, versuchten nun, einen Krieg der Vierten Generation, also einen Krieg gegen eine nichtstaatliches Gebilde, in einen tradtionellen Eroberungsfeldzug gegen einen Feindstaat zu verwandeln. Schließlich betrachten selbst die Superfalken der Bush-Regierung den Angriff auf den Irak als Teil des Krieges gegen den Terror. Der aber stellt eine weltweite Bewegung religiöser Fundamentalisten gegen eine weltweite Moderne einer säkularen Weltwicht und beide hat es in dieser Form noch nie gegeben.
Engültig an ihre Grenzen stoßen die historischen Vergleiche jedoch an der Heimatfront. Auch wenn der Kongressabgeordnete Jerry Nadler kürzlich meinte, man müsse eben in die Zeit vor der Verabschiedung der Magna Charta im Jahre 1215 zurückgehen, um Vergleiche für die Innenpolitik der Bushregierung zu finden.
Die Historikerin Frances Fox Piven hat das Verhältnis der aktuellen Innen- und Außenpolitik am besten beschrieben. “Wir Historiker sind bisher davon ausgegangen, dass jeder Herrscher und jede Regierung im Kriegsfalle große Zugeständnisse machen muß. Immerhin - um einen Krieg zu führen, brauchen die Herrschenden das Blut und das Geld ihres Volkes." So zog der Erste Weltkrieg in Amerika eine tiefgreifende Demokratisierung nach sich. Der Zweite Weltkrieg wurde mit den Geldern der Reichen finanziert, die bis zu 94 Prozent ihres Einkommens abführen mußten. Und er ebnete den Weg für die Bürgerrechtsbewegung und den Massenwohlstand der Mittelschichten in den Suburbias. Selbst vom Vietnamkrieg profitierte die amerikanische Bevölkerung. Nicht zuletzt die Jugend, als das Wahlalter auf 18 gesenkt wurde.
Gleichzeitig haben Justiz- und Innenministerium gleich drei innenpolitische Fronten eröffnet. Mit Gesetzespaketen wie dem Patriot Act wurde ein großer Teil der Bürgerrechte außer Kraft gesetzt. Die patriotische Grundstimmung während des Krieges soll nun davon ablenken, dass ein zweites Gesetzespaket mit noch tiefgreifenderen Konsequenzen verabschiedet wird. Der Einfluß der Gewerkschaften wird derzeit drastisch eingeschränkt. Tom Delay schrieb in einem Rundbrief sogar: “Die Gewerkschaften sind eine eindeutige Gefahr für die Sicherheit zu Hause und unserer Truppen." Und schließlich sollen Sozialleistungen und Gesundheitssystem in bisher einzigartigem Maße reduziert werden.
Für den Emeritus der Boston University Howard Zinn reduziert sich die historische Analyse auf eine ganz schlichte Beobachtung: “Dies ist ein schändlicher Moment in der Geschichte Amerikas." Es ist an der amerikanischen Oppoistion und der Weltöffentlichkeit, dafür zur sorgen, dass dieser Moment nicht der Beginn einer Ära wird.
Ein großer Krieg soll es werden. Ein heldenhafter Feldzug gegen das Böse in der Welt, der George W. Bush in eine Reihe mit Woodrow Wilson und Harry Truman stellen wird. Oder ist es vielleicht doch nur der Erstschlag einer imperialen Vision, mit der Bush gleichzeitig die Rollen Julius Cäsars, Napoleons und Theodore Roosevelts einnimmt? Verzweifelt versuchen Historiker, Politiker und Essayisten historische Analogien für den Angriff auf den Irak zu finden. Die gesamte Geschichte der letzten 200 Jahre muß herhalten und hie und da auch die Antike. Da vergleicht Phyllis Bennis vom Institute for Policy Studies in Washington die Doppelmoral amerikanische Demokratie mit den Athenern, die den Bewohnern von Milos verkündeten: “Für uns die Demokratie, für euch das Imperium." Immer wieder fällt die Jahreszahl 146 vor Christus, wahlweise als Hoffnung, dass Amerika nach der Zerstörung des sowjetischen Karthago die Welt befrieden, oder im imperialen Größenwahn implodieren wird.
Doch jetzt? “Wir erleben einen umgekehrt historischen Moment, weil diese Regierung zum ersten Mal gar nicht daran denkt, das Volk für den Krieg zu gewinnen." Im Gegenteil. Von den zwei Billionen Dollar, die Bushs Steuerreform kosten wird, sollen zwei Drittel dem oberen einen Prozent der Einkommensklassen zu Gute komme. Einer Wirtschaftselite, die ihren Anteil am Gesamteinkommen Amerikas während der letzten zehn Jahre sowieso schon von 14 auf 21 Prozent erhöht. Dazu hat Bush das Budget für die Streitkräfte auf 400 Milliarden erhöht. Die Kosten für den Krieg nicht eingerechnet.
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