Generation Yes

Die Rebellion der Jugend gegen die ewig Jugendlichen
© Andrian Kreye



Warum können die über 30-jährigen mit Techno nichts anfangen? Keine Synkopen. Sie vermissen die versetzten Taktschläge, die seit Jahrzehnten den Swing im Jazz ausmachen, den Groove im Soul und den Beat im Rock. Techno arbeitet mit dem geraden Schlag auf jede Note, 140, 160 mal in der Minute. So muß Rock'n'Roll für die Swing-Fans der Benny Goodman- und Glenn Miller-Generation geklungen haben, damals, als die Jugend zum ersten mal gegen das Alter rebellierte.

Heute rebelliert die Jugend nicht mehr gegen das Alter, sondern gegen die etwas ältere Jugend. Das hat schon Geschichte, denn die Grundprinzipien der Jugendrebellion haben sich von Ödon von Horvaths "Jugend ohne Gott" bis zu Douglas Couplands "Life After God" gar nicht so sehr verändert.

Die Hedonisten der Discogeneration kämpften mit Koks und schwulem Glitter gegen die heterosexuelle Betulichkeit der Hippies, die Punks zogen sich "Disco Sucks"-T-Shirts an und droschen mit klassenkämpferischer Brachialgewalt auf die Manierismen der "Saturday Night Fever"-Welt ein, gefolgt von den Dandies des 80er-Jahre-Pop, die Ideologie mit Eleganz bekämpften, worauf ihre Nachfolger als urbane Anthropologen im Hip Hop die Kraft des Ghetto-Elends entdeckten. Immer schneller wechseln sich die Bewegungen ab.

Keine Phase hat die Chance, sich zu überleben, weswegen heute jedes bessere Großstadt-Cafe als lebendes Museum dienen kann. Da stehen die, die nie erwachsen werden wollten und senden deutlich ihre Signale. Man sieht die Althippies in braunen neben den New Wavern in schwarzen Lederjacken, die Jünger der Discozeit in knallengen Jeans neben den Pop-Karrieristen in Helmut-Lang-Jacketts und den Früh-90er-Ravern in Stüssy-Blousons.

Und wie plazieren sich die 18- bis 25-jährigen von Heute in dieser Landschaft der Archetypen? Noch sind sie die Jugend ohne Label. Generation Yes trifft den Punkt wohl eher, als Generation X, denn nicht Rat- und Hoffnungslosigkeit prägen die Jungen der späten 90er Jahre, sondern ein Gegenwarts-bezogener Zweckoptimismus, der die Jugend Heute mit einem Selbstbewußtsein gesegnet hat, der sie eher mit den Vorvätern der Jugendkulturen verbindet, den Hipstern und Beatniks der Be-Bop-Ära, als mit den Rebellen von Rock bis Pop. Warum noch verbissen Barrikaden stürmen? Alle Schranken sind gefallen.

Neue Formen gilt es zu schaffen. Heute im Europa nach dem Kalten Krieg genauso, wie damals im Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg. Aufbauen auf den Trümmern und der Geschichte. Generation X ist eine Schublade, die von den europäischen Medien blind aus den amerikanischen Zeitschriften übernommen wurde. Niemand hat bemerkt, daß sich die europäische und amerikanische Jugend seit fünf Jahren vollkommen anders entwickeln. Es gibt kein Techno in New York, und die Raves von Los Angeles sind ein Stück exotische Pop-Internationale, das aus London übernommen wurde.

Die Rebellion der Jugend gegen ihre Väter, die heute oft nur fünf Jahre älter sind, dient nur noch zur Abgrenzung, um sich vor der Dominanz und Besserwisserei der Ewig-Jugendlichen zu schützen, die glauben, das letzte Wort der Subkulturen wurde zu ihrer Zeit gesprochen.

Hier könnte ein Einwand kommen, daß heute alles nicht mehr so einfach ist. Daß es wohl nicht genügen kann, wenn die Jugend nur gegen die Ästhetizismen und Rhythmen jener kämpft, die die magischen 30 schon überschritten haben. Doch hier geht es um Jugend- und Subkultur, nicht um Weltpolitik. Die großen Themen, Kultur- und Klassenkampf, Globalisierung und Krieg der Geschlechter, Sinnleere und Paradigmenwechsel sind in der postideologischen Ära nach dem Kalten Krieg viel zu ernst geworden, um sie mit der Leichtigkeit der Jugend zu behandeln. Die Jugend drückt sich hier gar nicht, doch wir sprechen vom Generationenkonflikt, einem Spiel, das mit harten Realitäten nicht mehr viel zu tun hat.

Die Form bleibt wie gewohnt: die Jugend schafft sich eine Welt, die ist so elitär und verschlüsselt, daß die Alten sie nicht mehr verstehen. Irgendwann wird diese Welt kulturfähig, danach zum Standard, dann kommt die nächste Jugend dran. Und immer versucht die vorherige Jugend, die Neue zu diskreditieren. Oder will irgend jemand behaupten, daß zwischen dem Argument, Elvis spiele "Negermusik für Verbrecher" und dem Vorurteil Techno sei "Marschmusik für frigide Autisten" ein qualitativer Unterschied ist?

Der neuen Generation kann allerdings keiner was vormachen. Das Propagandaspiel von Medien und Werbung haben sie längst durchschaut, schließlich haben schon ihre Eltern und Lehrer Marshall McLuhan gelesen. Sie kümmern sich nicht um die Arroganz der etablierten Medien. Sie wissen es besser. Die Vorurteile stimmen nicht. Beispiele? Die Entsexualisierung der Aids-Generation. Ganz im Gegenteil. Während die Magazin-Shows der Privatsender noch Alberheiten wie Fetisch-, Lack- und Lederkult als die ultimative Kompensation der Sex-Seuche verkaufen, haben sich die Jungen schon längst eine neue Sinnlichkeit geschaffen, deren Erotik viel subtiler ist, als der plakative Sexmessen-Schwachsinn. Sie erfinden neue erogene Zonen. Die Mädchen der Hip-Hop-Crews fingen damit an. Sie lenkten die Blicke der Jungs auf ihre Hüftknochen, indem sie überweite Latzhosen mit knappen Slips und T-Shirts trugen. Das ist jetzt sogar schon kulturfähig. Edelschneider Gucci fährt zur Zeit eine Werbekampagne, da sieht man ein Mädchen im hochgeschlossenen weißen Kleid mit ausgeschnittenem Hüftknochenteil.

Nächstes Thema - Drogen. Die Kiffer und Kokser der älteren Jugend behaupten, daß Ecstasy den Rauschgiftgenuß zur Konsumkultur degradiert. Doch die Jünger der bunten Pillen scheinen sich nicht so oft zu schlagen wie Säufer, sie lügen nicht wie die Kokser, sind nicht so faul wie die Kiffer und sie bleiben auch länger wach und lebendig wie die Junkies, die ehemaligen Könige der Drogenkultur.

Die Techno-Kultur steht auch nicht im geschichtsfreien Raum. Ganz im Gegenteil. Sie bildet die optimistische Antithese zur globalen Entwicklung. Überall auf der Welt hat sich Angst breitgemacht. Vor Säkularisierung, Technokratie und Sinnleere. Viele Kulturen reagieren darauf mit Rückschritt und Gewalt. Religiöser Fundamentalismus und ethnischer Separatismus sind die beiden Extremformen dieser Reaktion. Techno tut das Gegenteil. Musik ohne Text und Naturklang. Drogen aus der Psychotherapie, die Anfang dieses Jahrhunderts der erste Versuch war, der Sinnentleerung der Säkularisierung zu begegnen. Das Spiel mit der Mode als Identitätsstifter. Die Jungen versuchen den Lauf der Geschichte nicht aufzuhalten. Sie umarmen ihn.

Und die Synkopen? Sind auch wieder da. Bis zu 500 in der Minute, eingepackt in atemberaubend schnelle Arabesken aus dem Drumcomputer. Jungle oder Drums & Bass nennt sich das. Fast schon eine Persiflage auf Swing und Groove. So haben die amerikanische Hipster der 40er Jahre das auch gemacht. Das Alte überdrehen, überziehen, dann entsteht etwas Neues.

Ein Loblied auf die Jugend von Heute? Keineswegs. Dies soll auch kein Aufruf zu Versöhnung und Verständnis sein. Der Generationenkonflikt muß bleiben, sonst gibt es keinen Fortschritt. Die über 30jährigen müssen über Techno lästern, sonst würden sie sich selbst verraten. Dies sollte nur ein Hinweis darauf sein, daß der Kampf der Generationen immer von der Jugend gewonnen wird. Und wenn sie dann über 30 sind, wird er auch wieder verloren. Zurück zum Inhalt