* BERICHTE AUS AMERIKA

KUNST AM PARK

In wenigen Wochen steht Christos Installation
“The Gates" im New Yorker Central Park.

© Andrian Kreye


New York 14.01.'05 - Am 12. Februar ist es soweit. Dann stehen im New Yorker Central Park auf einer Wegstrecke von 37 Kilometern sechzehn Tage lang 7500 Kunststofftore, von denen aus fünf Meter Höhe saffranfarbene Nylonbahnen im Wind wehen, um die Fußwege des Parks nach der Vorstellung von Christo und seiner Frau Jeanne-Claude in ein Netz aus goldschimmernden Adern zu verwandeln. Wie “The Gates" aussehen wird, kann man schon jetzt ein bisschen erahnen. Seit letzter Woche laufen die Aufbauarbeiten und im Norden des Parks reihen sich entlang der Wegränder die ersten paar hundert der kompakten Stahlsockel, an denen vorübergehend neonrote Plastikwinkel angebracht sind, damit kein Spaziergänger im Zwielicht der Winterabende über einen der Grundsteine des ehrgeizigsten Kunstprojektes in der Geschichte der Stadt stolpert und sich dabei eine versicherungsfällige Verletzung zuzieht.

In eleganten Pirouetten schlängeln sich die warnfarben gesäumten Wege unter der dunkelgrauen Skyline der Upper Westside um die Hügel und Felsen. Das bringt Bewegung und Dynamik in die Parklandschaft, die im Graubraun der Wintermonate sonst matt und müde wirkt. Man hat fast den Eindruck, als strecke und dehne sich der Park in diesen Wochen wie nach einem bleiernen Schlaf. Jeden Tag stellen die 110 Arbeiter und 31 Gabelstapler der Projektmannschaft ein paar hundert neue Sockel auf, wächst das Netz gen Süden. Zum endgültigen Aufbau kommen dann nochmal fünfhundert Helfer dazu. Ein organisatorischer Kraftakt, den der Bauingenieur Vince Davenport und seine Frau Jonita aus drei Baubaracken auf dem Parkplatz des Central Park Boathouse Restaurant leiten, die als Hauptquartier des “The Gates"-Projektes dienen. Da bleibt kaum Zeit für Reporter. “Vince ist kaum zu fassen", sagt Jonita. “Wir sind hinterher." Ihr Mann klagt derweil über Schlafstörungen. Er hat für Christo zwar schon 1760 gelbe Schirme in die kalifornischen Sierras gestellt und mitgeholfen, den Reichstag in Berlin mit 100.000 Quadratmeter Aluminiumplanen zu verhüllen, aber in ein paar Wochen das Gestänge für 7.500 Tore mit 165.000 Bolzen zu verschrauben ist auch für ihn eine Herausforderung.

Trotz der schleichenden Panik verlaufen die Arbeiten im Park sehr höflich, denn auch in New York scheitern große Ambitionen öfter an den kleinbürgerlichen Empfindlichkeiten von Stadtverwaltung und Anrainern, als man glauben möchte. Deswegen klemmen die Arbeiter eben unter jeden Sockel zwei Warnwinkel. Deswegen marschieren vor und hinter jedem der Gabelstapler Aufpasser mit roten Warnwimpeln, die das Gerät für jeden Spaziergänger stoppen und so lange stehen bleiben, bis man den Kleinstkonvoi passiert hat. Und deswegen freut sich Jeanne-Claude auch über das miserable Wetter, das New York derzeit mit graunasser Tristesse heimsucht. “Nieselregen ist für uns perfekt", sagt sie. Weil das die Arbeiten nicht behindert, aber die Zahl der Parkbesucher auf ein paar Dutzend unentwegte Jogger und eichhörnchefütternde Rentner reduziert, was in einem Park mit 25 Millionen Besuchern pro Jahr nicht allzu oft vorkommt.

Der Vertrag, den Christo und Jeanne-Claude mit der Stadt abgeschlossen haben, war ja auch 43 Seiten lang. Jedes kleinste Detail wurde da geregelt, vom Budget von 21 Millionen Dollar, das Christo und Jeanne-Claude selbst aufbringen, über die 3 Millionen Dollar Spenden für wohltätige Vereine, die den Park betreuen, bis zu den 150 Schneeschaufeln, die nach dem Abbau in den Wochen nach dem Projektende am 27. Februar den Park Rangers bleiben werden. Und damit die Dimension des Projektes auch begriffsstutzigen Reportern begreiflich wird, liefert sie noch ein paar mathematische Anekdoten dazu. Zum Beispiel die Information, dass für “The Gates" rund fünftausend Tonnen Stahl verarbeitet werden, was zwei Drittel der Tonnage entspricht, die für den Eiffelturm verbaut wurde.

Bei so viel Infohäppchen könnte man fast vergessen, dass hinter “The Gates" auch noch eine Vision steckt, auch wenn sich der Visionär im gemeinsamen Loft des Paares in freiwillige Klausur begeben hat, um all die Originalzeichnungen fertig zu stellen, die für dreißig- bis sechshunderttausend Dollar verkauft werden und das Budget decken sollen. “The Gates" ist das vielleicht bedeutendste Projekt von Christo und Jeanne-Claude. Nicht nur wegen der Anstrengung, ein so umfangreiches Projekt an einem der dichtbesiedelsten Flecken der Erde zu installieren. “The Gates" hat auch eine der längsten Entstehungsgeschichten der modernen Kunst. 25 Jahre lang hat es offiziell gedauert, um das Projekt zu verwirklichen. Genau genommen eigentlich 41 Jahre, denn damals im Jahr 1964, als der bulgarische Künstler und seine französische Frau von Paris nach New York zogen, arbeiteten sie schon an ersten Plänen für ihre neue Heimat.

“Als wir ankamen beeindruckte uns zunächst vor allem die Skyline", erinnert sich Jeanne-Claude. “Ursprünglich wollten wir die Skyline nutzen und zwei Gebäude im Süden einpacken. Exchange Place Nummer 1 und Broadway Nummer 2. Christo fertigte schon Zeichnungen, Fotomontagen und Modell an. Die Besitzer der Gebäude haben uns allerdings für verrückt erklärt." Versuche Genehmigungen für das Gebäude Times Square Nummer eins, das Museum of Modern Art oder das Whitney Museum zu bekommen scheiterten ebenfalls. “Das erste Gebäude, das wir verhüllt haben war dann die Kunsthalle in Bern. Danach haben wir unsere Projekte in Australien, Colorado und Kalifornien verwirklicht, haben aber immer an New York gedacht." Bis sie zu dem Schluss kamen, dass es weniger die Gebäude, als die Menschen sind, welche die Essenz der Stadt ausmachen. “Christo nennt sie die meistbegangene Stadt der Welt. Ganz kurz haben wir überlegt, etwas mit den Bürgersteigen zu machen", erzählt Jeanne-Claude. “Das war uns aber gleich klar, dass wir dafür keine Genehmigung bekommen würden. Der einzige Ort, an dem die Menschen gemächlich gehen ist der Central Park."

Die ersten Pläne für die Tore im Park entstanden 1979. Christo und Jeanne-Claude fand mit dem Safrangelb eine Farbe, die im New Yorker Winterlicht von Gold bis Rot changieren würde. Doch der erste Antrag wurde prompt abgelehnt. Auch weitere Versuche scheiterten im Rathaus. Erst als im Jahre 2001 mit dem Medienmogul Michael Bloomberg ein Fan von Kunst am Bau und langjähriger Bewunderer von Christos und Jeann-Claudes Arbeiten zum Bürgermeister gewählt wurde, gab es erstmals realistische Chancen für “The Gates".

Was nicht heisst, dass die Kritik verstummt wäre. Die notorisch europafeindliche New York Post, die Deutsche als dumme Krautfresser und Franzosen als dekadente Terroristenfreunde bezeichnete, schimpfte erst neulich kräftig über “The Gates" als selbstherrliche Geldverschwendung wirrköpfiger Franzosen. Aber selbst etwas gemäßigtere Kritiker beschreiben die monumentalen Installationen von Christo und Jeanne-Claude regelmäßig als prätentiös und aufdringlich.

Auch die offizielle Historikerin des Parks Sara Cedar Miller, die in den Diensten der Central Park Conservancy steht, war nicht von Anfang an begeistert. “Der Park selbst ist eines der grandiosesten Kunstwerke der Welt", sagt sie. 1979 sei auch der denkbar ungeeignetste Zeitpunkt gewesen, um so ein Projekt vorzuschlagen. “Wer sich an die schlimmen 70er Jahre in New York erinnert, der weiß auch noch, dass der Park damals ein weltbekanntes Schandmal war." Alles Grün war zu Braun verdörrt, sämtliche Mauern waren mit Graffiti beschmiert, Bänke, Lampen und Brücken kaputt, und das Klischee vom Straßenräuber hinter jedem Busch war damals noch Alltag.

1979 war aber auch das Jahr, in dem die Central Park Conservancy gegründet wurde, um die 340 Hektar künstlich angelegter Landschaft zu altem Glanz zu verhelfen. “Christo und Jeanne-Paul wollten damals noch 15.000 Tore aufstellen. Vor allem aber wollten sie dafür 30.000 Löcher in den Boden bohren." Das kam an einem Punkt, an dem die Renovierung des verwahrlosten Parks erst am Anfang war überhaupt nicht in Frage.

300 Millionen Dollar und 25 Jahre später ist der Central Park heute wieder eine Touristenattraktion, statistisch der sicherste Polizeibezirk der Stadt und bei schönem Wetter scheint sich die halbe Welt auf den Wiesen zu tummeln. “Dabei darf man nicht vergessen, dass wir 85 Prozent der Gelder für Restaurierung, Unterhalt und Verwaltung privat auftreiben", sagt Sara Cedar Miller. Deswegen wird die Conservancy die städteplanerische Aschenputtelgeschichte zeitgleich zu “The Gates" auch mit einer Ausstellung in der Municipal Art Society dokumentieren.

Der entscheidende praktische Unterschied zum ursprünglichen Plänen sei die Aufstellung gewesen. Statt Löcher zu bohren stünden die Tore nun eben auf Stahlsockeln, die den Erdboden des Parks nicht beschädigen. Auch ihren ursprünglichen Einwand, dass die Tore dem eigentlichen Zweck des Parks widersprechen, den in notorisch lichtarmen Straßenschluchten lebenden New Yorkern ein wenig freien Himmel zu eröffnen, hat sie inzwischen revidiert. “In seinem Konzept schreiben Christo und Jeanne-Claude, dass sie mit den Toren einen Raum aktivieren, der sonst nicht wahrgenommen wird." Und zwar den Raum zwischen den Füssen der Besucher und den unteren Zweigen der Bäume. Gerade deswegen eignet sich ja auch der Februar so perfekt für “The Gates". Dann bremst nämlich kein Laub den freien Blick aufs Werk. Für alle New Yorker, die sich in ihrem bodenständigen Ultrarealismus noch immer nicht überzeugen lassen, hat Stadtvater Bloomberg das entscheidende Argument. Die Steuerzahler kostet das Projekt keinen Cent. Im Gegenteil. Das Fremdenverkehrsamt rechnet für den sonst touristenarmen Februar mit einer halben Million zusätzlicher Besucher, was einem Umsatz von rund 80 Millionen Dollar entspricht. Das einzige Lokal im Park Central Park Boathouse nimmt für die Zeit schon seit Monaten Reservierungen an. Das hat jetzt selbst die Nörgler von der New York Post umgestimmt.


“The Gates" ist vom 7. Bis 27. Februar im gesamten Central Park zu sehen. Alle weiteren Informationen auf der Webseite des Paares.

Die Ausstellung “Celebrating Central Park's 25-Year Transformation" ist vom 2. Februar bis zum 15. März in der Municipal Arts Society zu sehen (457 Madison Avenue zwischen 50. und 51. Strasse, täglich außer Donnerstag und Sonntag 11:00 bis 17:00 Uhr).

Das Central Park Boathouse nimmt unter der Telefonnummer 212-517-2233 noch Reservierungen an.





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