Es gibt natürlich gute Gründe für den aktuellen Pessimismus. Die Realitäten. Die Politik. Und gerade die Profis der Zukunftsforschung haben in den letzten zehn Jahren mit ihrem Produkt ähnlichen Schindluder getrieben, wie die Propheten des Neuen Marktes mit der Börse. Da wurden inflationär Prophezeiungen und Erwartungshaltungen in die Welt gesetzt, die sich dann als grober Unfug erwiesen. Beispiele gibt es genug. Vom papierlosen Büro, über den Internetkühlschrank und die diagnostische Toilette bis hin zum interaktiven Fernsehen wurden den Verbrauchern Revolutionen verkündet, die niemals stattfanden. Je detaillierter die Voraussagen, desto absurder schienen sie schon kurze Zeit später. Da versprach der Forscher Line Kye Young im Jahre 1991, dass nieder Putz- und Küchenarbeiten schon in fünf bis sieben Jahren von Robotern erledigt würden, die spätestens 2001 in jedem Haushalt zu finden wären. Andere Futuristen stellten so schlichte Beobachtungen an wie der Biologe João Pedro de Magalhães, der feststellte, dass man nur die altersbedingten Krankheiten ausmerzen müßte, um die Lebenserwartung der Menschheit zu verlängern. Manche Voraussagen waren schlichtweg fatal, so wie die Ankündigung des kalifornischen Molekularbiologen Peter Dusenberg, der 1988 meinte, der HIV-Virus sei “ein Klacks".
Was die jüngste Generation der modernen Futuristen von ihren Vorgängern unterschied, war ihre Motivation. Die bekanntesten der heutigen Zukunftspropheten wie John Naisbitt, Alvin Toffler und Paul Saffo hatten die so genannte Dritte Welle ausgerufen, eine güldene Ära der Informationsgesellschaft, die der Industriegesellschaft ein Ende bereiten sollte. Damit lagen sie nicht ganz falsch. Nur fehlten ihren Schlüssen das weltoffene Verständnis und die intellektuelle Unabhängigkeit, welche die Arbeit ihrer Vorgänger wie Iaac Asimov, Buckminster Fuller oder Daniel Bell ausgezeichnet hatten. Viel zu oft war der Kunde auf dem freien Markt der Zukunftsforschungen König, und so entwarfen die Futuristen schon bald ein Bild von der Welt, das vor allem Venturekapitalisten und Aufsichtsräten gefallen sollte.
Mit ihrer Nähe zur Industrie ebneten die Tofflers und Naisbitts auch noch den Weg für eine Gattung futurologischer Quacksalber, die sich mit großem Gestus an der Schnittstelle zwischen Lifestylejournalismus und Marktforschung etablierte - die Trendberater. Die New Yorker Bestsellerautorin Faith Popcorn perfektionierte die Kunst als erste, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strömungen einen griffiges Label zu verpassen und damit Allgemeinwissen für viel Geld an die Industrie zu verkaufen. Der Streufaktor dieser Branche war enorm. Um ihren Marktwert zu erhöhen propagierten Faith Popcorn und ihre Epigonen bewährte Betrachtungen zusätzlich in Büchern, Zeitschriften und Fernsehinterviews. Bis das Szenario der Dritten Welle nur noch auf der Euphorie beruhte, welche die technischen und wirtschaftlichen Quantensprünge ausgelöst hatten.
Kein Wunder also, dass die Enttäuschung nun so groß ist. Es haben ja nicht nur die Zukunftsforscher, die zehn Jahre lang zu viel versprochen haben. Nun stellt sich auch noch heraus, dass positive Wirtschaftsdaten für 95 Prozent der Bevölkerung keinerlei Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Mit der amerikanischen Wirtschaft geht es ja derzeit steil bergauf. Der Dow Jones kletterte wieder über die 10.000er-Marke. Die Wachstumszahlen steigen. Doch die von amerikanischen Wirtschaftsblättern derzeit so viel gepriesene erhöhte Produktivität beruht beispielsweise vor allem auf der Tatsache, dass viele Angestellte die Arbeit ihrer gefeuerten Exkollegen mittragen müssen. Der Wirtschaftswissenschaftler Austan Goolsbee von der University of Chicago sind selbst die angeblich sinkenden Arbeitslosenzahlen schlichte Augenwischerei, weil Millionen Arbeitslose als Behinderte und hunderttausende Soldaten als Beschäftigte registriert wurden.
Auch der Zustand des permanenten Fehlalarms zeigt langsam Wirkung. Soeben verbrachte Amerika seine Feiertage in der zweithöchsten Alarmstufe Orange. Die dazugehörigen Sicherheitsmaßnahmen sind eine permanente Erinnerung vor Ort, dass sich Amerika im Kriegszustand befindet. Nun vollzieht sich ein Wandel, der auch auf den Rest der Welt wirken wird. Früher stand Amerika für das Prinzip Hoffnung. Heute steht Amerika für das Prinzip Angst.
Doch die Prognose Nummer neun alleine sollte die Arbeit der Futorologen schon rechtfertigen. Da wird verkündet, dass Wissenschafter schon bald Wege finden werden, mit Hilfe von Umleitungen zerstörter Nerven gelähmten Menschen zu helfen, ihre Glieder wieder zu benutzen. Eine Utopie? Ganz bestimmt. Doch ohne Utopien kann es keinen Fortschritt geben. Und gerade im Umgang mit Utopien zeigt sich der Unterschied zwischen Amerika und Europa ganz deutlich. Im Deutschen hat sich die Zukunftsskepsis schon in der Sprache verwurzelt. Das Deutsche Wörterbuch von Wahrig definiert den Begriff “utopisch" als “nur in der Vorstellung befindlich" und “nach Unmöglichem strebend". Der amerikanische Thesaurus bietet für das Adjektiv “utopian" gleich 13 Deutungsmöglichkeiten, darunter: hoffnungsvoll, idealistisch, optimistisch und visionär. Bleibt nur zu hoffen, dass Amerika seinen Zukunftsglauben bald wiederfindet.
Es gibt kaum eine Publikation, in der die Kunst der Karikatur so hingebungsvoll gepflegt wird, wie in der Wochenzeitschrift New Yorker, weswegen die kleinen Zeichnungen am Seitenrand Zustand und Laune der amerikanischen Gesellschaft oft schlüssiger beschreiben, als manches große Essay. Neulich war da zum Beispiel das Bild zweier Passanten zu sehen, die vor einem Kiosk stehen, wobei der eine dem anderen erklärt: “Für meine Altersversorgung ist so ein Lottogewinn ganz entscheidend." Solch tiefschürfenden Pessimismus gibt es selten in Amerika, das auf dem Prinzip Hoffnung gegründet wurde und sich normalerweise mindestens so besessen mit der Zukunft beschäftigt, wie das kontinentale Europa mit der Vergangenheit. Dafür gibt es in den USA mit der Futorologie und den Futuristen sogar eine eigene Wissenschaft und einen ganzen Berufsstand. Ausgerechnet die Zeitschrift Wired, Zentralorgan der pathologisch zukunftsgläubigen Dotcomkultur, verkündete allerdings in ihrer Dezemberausgabe: “Futurismus ist tot!" Laut Meinungsumfragen ist der Kurswert der Zukunft in Amerika auf einen historischen Tiefststand gesunken. Damit ziehen die USA mit den übrigen Industrienationen gleich, die einen ähnlich finsteren Blick auf die Welt von morgen haben. Da ist fatal, denn in puncto Optimismus und Hoffnung hatte Amerika für den Rest der Welt traditionsgemäßen Vorbildcharakter.
Nun läge den Futuristen selbst nichts ferner, als auch nur ansatzweise Unfehlbarkeit zu beanspruchen. Da zitierte Wired den Leiter des Washingtonbüros der World Future Society WFS Eric Garland: “Wenn Futuristen etwas falsch voraussagen, erinnert sich Jahre später meist niemand mehr daran. Wenn sie allerdings das Glück haben, richtig zu liegen, prahlen sie überall damit herum." Die Fehlerquoten der Futuristn sind auch nichts Neues. Die Zukunfstbilder aus der Blütezeit der Zukunftsforscher in den 50er und 60er Jahren sind legendär. In Biosphären und Turmstädten sollten wir leben, durch die wir uns mit Luftkissenfahrzeugen und Helikopterrucksäcken bewegen würden. Ferien auf dem Mond, Kontakt zu Außerirdischen und Träume auf Bestellung waren nicht nur der Stoff von Groschenromanen, sondern auch Grundlagen akademischer Planspiele.
Die World Future Society veröffentlichte auch dieses Jahr wieder eine Top-10-Liste mit den zehn wichtigsten Prophezeiungen des Jahres. Da fand sich wieder die übliche Mischung der Futurologie. Ein paar Banalitäten, die jeder aufmerksame Zeitungsleser kennen müßte. Zum Beispiel die Möglichkeit von Sicherheitskräften, Menschen mittels neuer Apparate am Gang zu erkennen. Die Tatsache, dass sich immer mehr Menschen im heiratsfähigen Alter dazu entschließen, alleine zu leben. Manche Prognosen mögen auf solidem Statistikmaterial beruhen. So wie das Problem, dass zwei Drittel der Menschheit im Jahre 2050 mit Wasserknappheit zu kämpfen haben wird. Die immer tödlichere Wucht von Erdbeben, weil weltweit die Hälfte aller rapide wachsenden urbanen Ballungszentren in der Nähe von tektonischen Verwerfungen liegen. Andere Voraussagen beruhen jedoch auf reiner Spekulation. Die Annahme, dass bis zum Jahre 2020 100 Prozent aller Nutzpflanzen genetisch modifiziert sind. Die Behauptung, dass Eisbären bis zum Jahre 2100 ausgestorben sind, weil bis dahin ihre arktischen Jagdgründe weggeschmolzen sind.
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