Mit dem Schicksal der Mayasprachen lässt sich eine Entwicklung beschreiben, vor der sich heute halb Europa fürchtet. Da wurde die Sprache der regionalen Mayagroßmacht von der Sprache der spanischen Invasoren erst mit den Worten für die kulturellen Importe ausgehöhlt, später kamen die bastardisierten Ausdrücke für die technischen Neuerungen aus dem Norden dazu, bis die endgültige Kolonisierung die ursprüngliche Sprache zum lokalen Dialekt degradierte.
Kein Wunder also, dass die Debatte um die Zukunft der Sprachen in Europa mit einer emotionalen Heftigkeit geführt wird, die ein paar modische Anglizismen kaum rechtfertigen. Für Bernd Hüppauf, Leiter des Deutschen Hauses an der New York University, ein Grund mehr, die Tagung zum Thema “Das Schicksaleuropäischer Sprache im Zeitalter der Globalisierung - die Zukunft des Deutschen" in New York zu veranstalten. “Mit der geographischen Verlagerung schaffen wir auch den gedanklichen Abstand von der erhitzten Debatte", sagte er in seiner Eröffnungsrede. Denn hier in New York erschienen Hüppauf die Ängste vor dem Englischen ein wenig wie die Versuche der Ludditen im 19. Jahrhundert, sich gegen die technischen Neuerungen des Industriezeitalters zu wehren.
Unter den 29 Referenten fand sich kaum einer, den die Dominanz des Englischen und die Vermehrung der Anglizismen wirklich beunruhigt hätte. Vor allem die Linguisten sahen die Entwicklung eher gelassen. So stellte der Vortrag von Hans-Werner Eroms fest, man könne keineswegs von einer Invasion der Anglizismen sprechen, schließlich gäbe es keine aktiven Anstrengungen, sie zu verbreiten, vielmehr würden sie bereitwillig adaptiert. Für die meisten angelsächsischen Worte gäbe es ja auch keine adäquaten deutschen Synonyme. Ein Hit sei eben kein Schlager, das high nicht bloßes Vergnügen, und für Hip Hop gibt es gar keinen Ersatz. Bernhard Kettemann von der Universität Graz stellte fest, dass es schätzungsweise 3500, höchstens 5000 Anglizismen im Deutschen gebe. Angesichts eines gängigen Wortschatzes von 500000 sei das keineswegs beunruhigend. Auch sei die Furcht vor den linguistischen Invasionen keineswegs eine Neuigkeit. Bereits im 19.Jahrhundert agitierte der Allgemeine Deutsche Sprachverein “wider die Engländerei".
Viel zu oft, da waren sich die meisten der Vortragenden einig, entpuppt sich die Sprachdebatte als Stellvertreterdiskussion. Da geht es um Identität, politische Macht, akademische Kompetenz. So sah der sächsische Kultusminister Hans Joachim Meyer den einzigen Weg, die deutsche Sprache zu stärken, darin, das immer noch von der historischen Schuld angeschlagene deutsche Selbstbewusstsein aufzubauen. Ulrich Ammon und Konrad Ehlich stellten dazu passend fest, der Niedergang des Deutschen als Sprache der Wissenschaften habe schon in der Nazizeit begonnen.
Eine interessante These dafür, was hinter der bereitwilligen Annahme der Anglizismen stecken könnte, legte die Semiotikerin Prisca Augustyn vor. Es sei die Sehnsucht nach einer neuartigen Territorialität der Eliten, die sich hinter den Anglizismen verberge. Die Verheißung endloser Möglichkeiten und Horizonte sei das Grundmotiv der Globalisierung. Das Englische stehe so für die berauschende Freiheit, wohin man gehen könnte, das Deutsche dagegen für die beengende Realität des Ortes, an dem man sich befindet.
Für den Germanisten Peter Eisenberg war die Aufregung um alle Anglizismen eine fast schon amüsante Angst des Bildungsbürgertums vor dem Pöbel. Latein und Französisch waren mit ihren Fremdworten Sprachmoden der Eliten. “Anglizismen werden dagegen von einer anderen Schicht benutzt", sagte er. “So bekommt das Bildungsbürgertum zum ersten Mal das zu spüren, was die Unterschichten seit Jahrhunderten erfahren: Dass sie von einem Wortschatz ausgeschlossen werden."
Vor allem aber sollte man die Assimilationskraft der deutschen Sprache nicht unterschätzen. Von den 50000 Einträgen im Fremdwörterduden stammten beispielsweise nur zehn Prozent aus anderen Sprachen. Der Rest seien Neologismen aus dem Deutschen. Das Wort Handy gibt es etwa im Englischen genausowenig wie den Begriff Rail & Fly. Sicherlich habe das Englische jetzt schon für tiefe strukturelle Änderungen in der deutschen Sprache gesorgt. Doch, so Steinberg abschließend, der englische Einfluss auf unsere Sprache sei harmlos im Vergleich dazu, wie Französisch und Latein auf das Deutsche eingewirkt hätten. Im Gegensatz zu den Anglizismen gehörten die Sprachinvasionen und -moden von einst eben längst schon zum Bildungswortschatz.