Fussball, so weiterhin die landläufige Meinung, gehört zu der gleichen Sorte europäischer Unarten wie slipförmige Herrenbadehosen, fistelige Discomusik und weiß geschminkte Pantomimen, die außerhalb ihrer natürlichen Lebensräume an Mittelmeerstränden und in historischen Altstädten nichts zu suchen haben. Nun meldete die New York Times am Donnerstag zwar, dass Fussball auf dem Vormarsch sei, schließlich habe man sich im ganzen Land über die schmachvolle Niederlage gegen die tschechische Mannschaft geärgert.
In Wahrheit kennt natürlich kein Mensch die Namen der amerikanischen Nationalspieler, nur das mit dem Verlieren widerspricht dem amerikanischen Naturell so stark, dass man eben auch bei einem Exotikum wie Fussball keine Ausnahme machen will. Und auch die New York Times schert sich in Wahrheit nicht um die WM, zumindest drehten sich die Berichte im Sportteil vom Freitag um Golf, Eishockey und Baseball. Für die Weltmeisterschaft reichte den Redakteuren ein schmaler Riegel am unteren Ende der ersten Seite.
A propos Nichtstun - im ergebnisorientierten Amerika geht eine Mannschaftsportart, bei der es so wenige Punkte zu holen gibt, schon gar nicht. Zwei Stunden vor dem Fernseher mit der Aussicht auf zwei, drei Tore oder gar ein Null zu Null? Was sollen außerdem diese weibischen Fifa-Regeln, dass man sich weder anrempeln, noch den Ball mit den Händen berühren darf? Wie lässt sich das denn mit den unhygienischen Ritualen vereinbaren, bei jedem Tor zu Schmusen und zum Schluss auch noch verschwitzte Trikots zu tauschen? Und ist es nicht überhaupt verdächtig, dass sich der berühmteste Spieler der Welt von einem notorisch schlecht gelaunten Ex-Spicegirl zur Modepuppe und Vorbild der so genannten Metrosexuellen machen ließ?
Womit wir gleich bei der Rolle des Fußballs im restlichen Amerika wären. Dort ist Fußball nämlich ein Sport für behütete Mädchen aus der Suburbia. Das hat einerseits das politische Schlagwort von den “Soccer Moms" geprägt, jenen ehrgeizigen Müttern,
Letztendlich bleibt einem nichts anderes übrig, als auf Augenhöhe zu kontern. Fußballer sind schließlich schon auf den ersten Blick als kunstfertige Athleten zu erkennen, was man von den Protagonisten der amerikanischen Mannschaftssportarten wie den Anabolikamonstern des Football, den Riesenwüchsigen des Basketball und den Wampenträgern des Baseball nicht gerade behaupten kann. Da muss man dann nur aufpassen, dass man nicht als Bestätigung für noch so ein hartnäckiges Vorurteil gegenüber dem Fußball gesehen wird - den gewaltbereiten Hooligan.
New York im Juni '06 - Als Fussballfan hatte man in New York schon immer einen schweren Stand, denn dort reagiert man auf diese Sportart seit jeher mit einer herzhaften Mischung aus Desinteresse und Vorurteilen. Nun gab es im New York der Siebziger Jahre zwar kurzfristig die legendäre Mannschaft des Cosmos Soccer Club, für den Weltstars wie Pelé und Beckenbauer eingekauft wurden. Aber weil viel zu viel Geld und viel zu wenig Sportsgeist im Spiel waren, ging die kurze glorreiche Zeit des amerikanischen Fussball auch bald wieder zu Ende.
Nein, wenn die Fussball-WM im Bewusstsein der New Yorker Öffentlichkeit überhaupt etwas bewirkt, dann ist es die Bestätigung landläufiger Vorurteile. Der Zeitunterschied führt zum Beispiel dazu, dass die Spiele hier zwischen neun Uhr morgens und drei Uhr nachmittags beginnen. Wer kann es sich zu solchen Tageszeiten leisten, in einer Kneipe zu sitzen und sich eine Sportübertragung anzusehen? Stichproben in einschlägigen Lokalen ergeben eindeutig, dass es sich dabei fast ausschließlich um verwöhnte Europäer handelt, die sich mit ihren wochenlangen Jahresurlauben sowieso schon verdächtig machen.
die ihre Töchter mehrmals in der Woche im Minivan zum Training fahren und mit ihrer mütterlichen Mischung aus Beschützerinstinkten und Wertkonservatismus einen heiß umkämpften Wechselwählerblock bilden. Auf der anderen Seite ist Fussball nun die erste Mannschaftssportart, bei der die Frauenliga eindeutig besser ist, als die der Männer. Was im notorisch männerfixierten Sportland Amerika dann auch dazu geführt hat, dass Nick Hornby's herzzerreißendes Fussballbuch “Fever Pitch" als Baseballfilm gedreht wurde.

Trailer für die Cosmos-Doku
"Once in a Lifetime" ansehen
Trailer für
"Fever Pitch ansehen
Zurück zum Inhalt