DER ABTRÜNNIGE

Mit seiner Kritik an den amerikanischen
Außenpolitik zementiert Francis Fukuyama
die Debattenhoheit der Neocons

© Andrian Kreye

New York im März '06 - Die Häme war groß, als mit dem Politologen Francis Fukuyama im Sommer 2004 einer der Vordenker der neokonservativen Ideologie sowohl seine Weggefährten, als auch die Außenpolitik der USA mit einem Essay in der Vierteljahresschrift "The National Interest" aufs Schärfste kritisierte. Immerhin hatte Fukuyama die Blaupause für die chronische Selbstüberschätzung der so genannten Neocons geliefert, als er mit seinem Buch vom “Ende der Geschichte" gleich nach dem Mauerfall den vermeintlichen Endsieg der Demokratie und des freien Marktes verkündete. “The Neoconservative Moment" war dann der schlichte Titel seines Essays im “National Interest", das eine hitzige Debatte zwischen den führenden Ideologen des Neokonservatismus auslöste. Und je schwieriger die Lage im Irak wurde, desto mehr führende Konservative wie William F. Buckley, Bruce Bartlett und Andrew Sullivans wechselten ins Lager der Bushkritiker. Als sich die Kritik am Präsidenten dann auch unter Konservativen in Kongress und Senat mehrte, witterten Bushgegner und Demokraten schon eine große Krise der konservativen Bewegung. Was Fukuyma jedoch in Wahrheit erreicht hat, ist eine endgültige Debattenhoheit der amerikanischen Konservativen.

Nun hat Fukuyama seine Kritik an der Bewegung zu einem Buch mit dem Titel “America at the Crossroads - Democracy, Power and the Neoconservative Legacy" erweitert, das vor einigen Wochen in den USA und diese Woche auch in Deutschland erschienen ist (“Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg", Propyläen, 200 Seiten, 20,00 Euro). Ausführlich zeichnet er da die Geschichte der Neonkonservativen und ihren Weg in den Irakkrieg nach. Er zeigt den Sprung von Kissingers pragmatischer Realpolitik zur ideologisch aufgeheizten Interventionspolitik Roland Reagans und die immer weltfremderen Planspiele der Ideologen.

Der schwerwiegendste Denkfehler der Neokonservativen war laut Fukuyama die Annahme, dass die Implosion Kommunismus ein historisches Versprechen gewesen sei, dass sich die Demokratie nun weltweit ausbreiten und von allen Bürgern dieser Welt gleichsam begrüßt würde. Die neokonservativen Schlussfolgerungen, dass eine Strategie der Prävention, eine gut gemeinte weltweite Vorherrschaft und eine unilaterale Weltpolitik der USA die globale Ausbreitung der Demokratie ermögliche, hätten schließlich zu jenen Irrtümern geführt, die sich im Irak tagtäglich als fatale Sackgasse erweisen.

So haben Bush, Cheney und Rumsfeld längst die Gesetzgeber, Geheimdienste und Militärs gegen sich aufgebracht. Die letzten Apologeten des Irakkrieges und seiner Feldherren haben sich in den Talkshows des Murdochsenders Fox News und den Redaktionsräumen des Weekly Standards eingebunkert, wo sie mit immer größeren rhetorischen Verrenkungen versuchen, die Debakel und Inkompetenzen der Bushregierung schön zu reden.

Fukuyama geht durchaus ins Detail. Er geißelt Rumsfeld für seine taktischen Fehler und seine ehemaligen Weggenossen William Kristol und Robert Kagan für ihre unrealistischen Expansionsträume. Vor allem aber warnt er vor einer Überschätzung der moralischen Überlegenheit. “Bevor andere Länder eine Führungsrolle der USA akzeptieren können, müssten sie nicht nur Amerikas gutem Willen überzeugt werden, sondern auch davon, dass die USA klug genug sind, ihre Macht so anzuwenden, dass sie ihre selbst gesteckten Ziele auch erreichen."

Als letzten Schluss sagt sich Fukuyama in “America at the Crossroads" von der neokonservativen Bewegung los, weil sie nun für immer mit der fatalen Poltik der Bushregierung in Verbindung gebracht würde. Das wiegt besonders schwer, weil er da über tadellose Referenzen verfügt. Er war Student des Philosophen Allan Bloom, der wiederum Schüler des geistigen Vaters der Neokonservativen Leo Strauss gewesen war. SeinS Studienfreund war William Kristol, der heute als Chefredakteur des neokonservativen Zentralorgan Weekly Standard fungiert. Er arbeitete für den Historiker Albert Wohlstetter, die Rand Corporation sowie für Paul Wolfowitz, als dieser in seiner Funktion als stellvertretender Verteidigungsminister die Planung des Irakkrieges vorantrieb. Vor allem aber gehörte er dem berüchtigten Think Tank “Project for the New American Century" an, in dem er gemeinsam mit Männern wie Kristol, Wolfowitz, John Bolton, Dick Cheney und Donald Rumsfeld die ideologische Grundlage für eine uneingeschränkte globale Vormachtstellung der USA formulierte.

In seiner Reinform ist der Neokonservatismus ja auch durchaus debattenfähig. Wie die meisten Ideologien beruht er auf einem Gerechtigkeitsgedanken, der in sich schlüssig und durchgängig moralisch ist. Es lässt sich nur schwer von der Hand weisen, dass Demokratie, Bürger- und Menschenrechte für eine arabische Welt, deren Regierungen solche Grundwerte ablehnen und ihre Fürsprecher verfolgen, ein erstrebenswertes Ziel sind. Es ist nur immer wieder die Praxis, die Theorien zum Scheitern bringt und ins Reich der Utopien verdammt, wie Fukuyama nun nachweist.

Doch man darf seine Kritik auch nicht überbewerten. Letztlich ist er nur vom Lager der neokonservativen Ideologen ins Lager der neokonservativen Realisten gewechselt. Der Historiker Louis Menand schreibt in seiner Rezension des Buches im New Yorker: “'America at the Crossroads' ist keine theoretisches Traktat über die Staatskunst, sondern eine Polemik, in der Fukuyama argumentiert, dass der Krieg gegen den Terror im Allgemeinen und der Irakkrieg im besonderen nicht die Anwendung der neokonservativen Prinzipien sei, wie er sie verstanden hätte, und dass Bush, Cheney und Rumsfeld eben keine neokonservativen Intellektuellen, sondern Rechtsradikale mit einem Messiaskomplex seien, deren Ausführung des Krieges sich auf amerikanische Interessen verheerend ausgewirkt habe."

Was sich in den politischen Kreisen Amerikas abzeichnet ist also keineswegs eine große Krise der Konservativen Bewegung, sondern vielmehr eine interne Debatte. Man darf auch nicht vergessen, dass Fukuyama nicht nur für eine vernünftige Außenpolitik und die Rettung des neokonservativen Grundgedankens, sondern auch um seinen eigenen Ruf kämpft. Es war vielleicht nicht sein Fehler, dass sein Buchtitel vom “Ende der Geschichte" zum vielzitierten und schließlich umstrittenen Schlagwort für die historische Entwicklung nach dem Kalten Krieg wurde. 17 Jahre nach dem Erscheinen seines Essays erscheint es ja eher, als hätte sich der Lauf der Geschichte nur noch beschleunigt. Anstatt lediglich gegen den Kommunismus zu stehen, müssen sich Liberalismus und Demokratie heute gegen so unterschiedliche und finstere Strömungen wie Nationalismus, ethnischen Separatismus, Desäkularisierung, Islamismus und die Sehnsucht nach den Oligarchien und Parteidiktaturen der jüngeren Vergangenheit wehren.

Francis Fukuyama ist sich dessen durchaus bewusst. Fast zeitgleich mit “America at the Crossroads" hat er eine Neuauflage von “Ende der Geschichte" herausgegeben, das er um ein aktuelles Nachwort ergänzt hat. Da weist er noch einmal darauf hin, dass dieses Schlagwort ja keineswegs von ihm, sondern von Hegel stammte und von Karl Marx aufgegriffen wurde. Während Marx das Ende der Geschichte in einem sozialistischen Utopia gesehen habe, habe er 1989 lediglich festgestellt, dass es keine höhere Gesellschaftsform geben könne, als eine, die auf Freiheit und Gleichheit beruhe. Die universelle Gültigkeit dieser Prinzipien zweifle er auch heute nicht an.

Was die Häme über die neokonservative Debatte aber auch zeigt, ist die Schwäche der demokratischen Partei und der amerikanischen Linken. Eine Opposition, die ihre Erfolge nur noch über die Misserfolge ihrer Gegner definieren kann, ist zwangsläufig zur Irrelevanz verdammt. Genau das hat John Kerry letztendlich den Wahlsieg gekostet, denn auch wenn die Republikaner im Entscheidungsstaat Ohio mit zweifelhaften Methoden gearbeitet haben, wären ein paar gemauschelte Prozent bei einem klaren Vorsprung der Demokraten kein Problem gewesen.

Der Streit, den Fukuyama losgetreten hat, ist eigentlich die Debatte, die Amerika schon vor Jahren auf nationaler Ebene hätte führen müssen. Wenn die Liberalen nun die Debattenhoheit im Streit um Alternativen zur entgleisten Außenpolitik der Bushregierung auch noch den Konservativen überlassen, rückt das Ziel des Chefstrategen im Bushkabinett Karl Rove wieder einmal ein Stück näher, nach dem Vorbild Franklin D. Roosevelts die Macht der Republikaner auf dreißig Jahre zu zementieren und so die amerikanische Gesellschaft von Grund auf zu verändern.








Beitrag des rechtskonservativen Fernsehsenders
MSNBC über Francis Fukuyamas Kritik an der
nekonservativen Ideologie im Irakkrieg (3:35 Minuten).


Webseite des Project For A New American Century


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