DER ÄLTESTE ROCKSTAR DER WELT

Bei ihrem (vorerst) letzten Konzert
in New York erinnerten die Fugs an die Zeit,
als Sozialkritik noch Spaß machen durfte.

© Andrian Kreye

Kurz bevor die Fugs letzte Woche ihren Antikriegs-Gassenhauer “Kill For Peace" anstimmte, erwähnte Ed Saunders noch kurz, dass ihm Hunderte von Vietnamveteranen erzählt hätten, wie sie sich den Song immer wieder anhörten, während sie im Dreck der südostasiatischen Schützengräben lagen. Das gab Applaus und einen Moment lang schien es, als ob sich die meisten im Publikum noch gut an ihre Jugend damals erinnern konnten. Man hätte es sich daraufhin leicht machen können an jenem schwülen Sommerabend im New Yorker Greenwich Village letzte Woche, als die alten Recken der Beatnik- und Hippiebewegung die steilen Treppen in den klaustrophobischen Kellerclub des Village Underground hinunterstiegen, um das vorerst letzte Konzert der Fugs zu hören, jener legendären Undergroundband um Tuli Kupferberg und Ed Saunders. Ein wenig Ironie, ein bißchen Zynismus - Veteranentreffen haben ja meist etwas leicht tragisches, vor allem in der Popkultur. Tuli Kupferberg behauptet ja selbst, er sei älteste Rockstar der Welt, womit er recht haben könnte, denn im September wird er 80. Aber so leicht haben es einem die Fugs noch nie gemacht.

Weil sie eigentlich nie eine Rockband waren, sondern Beatnik-Literaten mit elektrischen Gitarren. Da darf man sich allerdings nichts vormachen - ein Großteil der Lyrik, Prosa, Musik und Kunst die damals von Beatniks produziert wurde war nervtötetender Dilettantismus, der seine Existenzberechtigung ausschließlich aus der Situation heraus bezog. The Fugs waren da am Anfang keine Ausnahme. Man muß sich nur ihr erstes Album anhören, das den Rockkritiker Lester Banks an “einen Haufen Neandertaler, die um ein Feuer herumsitzen, auf Holzscheite einschlagen und den Mond anheulen" erinnerte.

Als Tuli Kupferberg und Ed Sanders 1964 beschlossen, eine Rockband zu gründen und sie nach Norman Mailers Euphemismus für Amerikas beliebtesten Gossenfluch aus “Die Nackten und die Toten" zu benennen, hatten sie sich in den Bohemevierteln von Downtown New York schon Namen als Dichter gemacht. Sie verkauften selbstgedruckte Subkulturzeitschriften, in denen sie ihre Freunde Jack Kerouac, Amiri Baraka oder Allen Ginsberg veröffentlichten. Sanders betrieb den “Peace Eye"-Buchladen im East Village.

Und Tuli Kupferberg war mit seinen 41 Jahren längst eine Beatnik-Ikone. Allen Ginsberg hatte ihn in seinem epischen Generationsgedicht “Howl" verewigt, das mit den Zeilen beginnt “Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn", und später fortfährt “die von der Brooklyn Bridge sprangen das ist wirklich passiert und unerkannt und vergessen in die gespenstische Umnachtung von Chinatown verschwanden, in den Gassen voller Suppenküchen und Löschzügen der Feuerwehr, wo sie nicht mal ein einziges Bier umsonst bekamen." Damit spielte Ginsberg auf jene Nacht an, als der junge Tuli Kupferberg aus Liebeskummer von der Brücke sprang, überlebte, und den mißglückten Selbstmord lange verschwieg, anstatt wie so viele, die ähnliches überlebten, zu einem jener Stars der Boulevardpresse zu werden, die in den Bars der Bowery unbegrenzt Freibier bekamen.

Zum ersten Auftritt der Fugs versammelten sich dann auch vor allem Literaten im Peace Eye Bookstore - William Burroughs, James Michener, George Plimpton. Die Blumentransparente hatte Andy Warhol gemalt. Um die Musik ging es jedenfalls nicht. Ed Saunders “wollte Parties feiern und Bacchus nacheifern: Spaß haben und gleichzeitig für die Revolution arbeiten." Erst später, als die Fugs 700 Mal hintereinander im Players Theater spielten, gesellten sich gestandene Musiker dazu, die aus dem Geschrammel der Dichter jenen Protopunkrock machten, der den Weg für Frank Zappas Mothers of Invention, für die Velvet Underground und die Stooges bereiten sollte.

Fünf Jahre lang zelebrierten die Fugs ihren anarchischen Humor mit einer Respektlosigkeit, die ihnen mehrere Plattenverträge kostete und eine langjährige Untersuchungen des FBI einbrachte. 1969 hatte sich der Spaß erschöpft. Die verbissene Ernsthaftigkeit der Joan-Baez-Generation war ihnen sowieso ein Greuel.

Vielleicht waren ja deswegen so viele junge Zuhörer im Village Underground - Surfkids, Jungpunks und gepiercte Protestler. Weil sich der Kreis zu schließen scheint und sich schon wieder autoritäres Establishment und dogmatische Subkultur gegenüberstehen. Und weil es eben nicht resigniert klingt, wenn die Fugs ihr Repertoire aktualisieren und “Kill for peace - again?" singen und Justizminister Ashcroft einen “Government Surveillance Yodel" widmen. Es ist genau diese lässige Klarheit, mit der sich die Fugs damals über den “Give Peace A Chance"-Pathos hinwegsetzten, der auch heute wieder vernünftige Oppositionen im ideologischen Keim erstickt. Und wenn die drei Profimusiker, mit denen Ed Saunders und Tuli Kupferberg seit 1984 hin und wieder durch Colleges und Rockclubs tingeln, den Folkpunk von damals mit einer gewissen Souveränität spielen, dann kann das nicht schaden. Immerhin sind die Sturm-und-Drang-Nächte der Fugs nun schon 40 Jahre her. Jetzt wollen sie die seltenen Konzerte allerdings ganz sein lassen. Vorerst. Zur Sicherheit heißt das neue Album aber “Die letzte CD der Fugs - Teil 1".





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