KRIEG DER STERNE

Weltweit kämpfen Kunst und Kultur gegen den Krieg.
© Andrian Kreye

Jedesmal wenn der Schauspieler Martin Sheen bei einer der Friedenskundgebungen die Bühne betritt oder wenn er im Fernsehen gegen den Krieg agitiert, was er beides in letzter Zeit sehr häufig tut, erfahren die meisten im Publikum einen kurzen, fast psychedelischen Moment des Realitätsverlustes. Das kann man als Europäer vielleicht nicht ganz nachvollziehen, weil man Martin Sheen vor allem als Captain Willard kennt, der sich in “Apocalypse Now" finster vor sich hinbrütend durch den vietnamesischen Dschungel zog, um Marlon Brando zu erschlagen. In Amerika hat der heute 63jährige in den letzten vier Jahren allerdings eine furiose Fernsehkarriere hingelegt, weil er in der Erfolgsserie “Westwing" den Präsidenten Josiah Bartlet spielt, der mit väterlicher Souveränität all die Dinge tut und sagt, von denen man hofft, dass sie ein Präsident auch im wirklichen Leben so sagt und tut. Und wenn er dann auf so einer Kundgebungsbühne steht und mit präsidialem Pathos in der Stimme verkündet, dass ein Krieg im Irak wahrscheinlich zwei Millionen Flüchtlinge in die Wüste vertreiben und hunderttausende Zivilisten töten wird, und dass nichts auf der Welt solche Zahlen rechtfertigt, dann geht in diesem kurzen Moment für die meisten seiner Zuschauer der Traum in Erfüllung, dass der amerikanische Präsident ganz ehrlich eingesteht, was die so genannte “Politik mit militärischen Mitteln" in Wirklichkeit anrichtet.

Nun fragt man sich zu Recht - darf der das? Immerhin hat der Mann in jungen Jahren mit Absicht seine Aufnahmeprüfung für die University of Dayton in Ohio vergeigt, weil er lieber Schauspieler werden wollte, als etwas ordentliches zu lernen. Und das ist noch einer der freundlicheren Vorwürfe, die man ihm derzeit vorhält, denn Martin Sheen gilt in Amerika als Symbolfigur der Promiaktivisten, denen jetzt aus den konservativen Medien und dem patriotischen Volk ein kräftiger Gegenwind ins Gesicht bläst. Nicht ganz zu Unrecht argumentiert man, dass die meist mangelnde Allgemeinbildung Pop- und Filmstars eigentlich disqualifiziert, als Meinungsführer in die öffentliche Diskussion einzugreifen. Was bisher allerdings noch keinen Star davon abgehalten hat, seine Medienwirksamkeit für seine persönliche Überzeugung auszunutzen.

Für die Moderatoren der konservativen Nachrichtensender CNBC, Fox News und CNN sind die Antikriegspromis inzwischen ein so beliebtes Sekundärfeindbild wie Frankreich und Deutschland. Leitartikler wetzen die rhetorischen Messer. Und auf Webseiten wie “Citizens Against Celebrity Pundits" und “GI Jargon" tobt der orthographisch nicht ganz sattelfeste Pöbel gegen die prominenten Vaterlandsverräter. Deren schwarze Listen sind lang. Ganz oben stehen neben Sheen Schauspieler wie Sean Penn, Susan Sarandon, Tim Robbins, Kim Basinger, Alec Baldwin, Richard Gere, Dustin Hofman, George Clooney, Matt Damon und Edward Norton, sowie Popstars wie Madonna, Sheryl Crow, Bruce Springsteen und George Michael. Und sie wird immer länger. Ganz im Gegenteil zur Liste der Stars, die George W. Bushs Kriegspläne auch öffentlich unterstützen. Da finden sich außer Kid Rock, Jennifer Lopez und Mariah Carey, die ihren Patriotismus mit Besuchen bei der Truppe bewiesen, nur ein paar Actionstars wie Bruce Willis, Mel Gibson und Jean-Claude Van Damme.

Es war nicht zuletzt die Flut der Haß- und Drohbriefe, die sich derzeit über Martin Sheen ergießt, welche die Schauspielergewerkschaften SAG und IATSE letzte Woche dazu veranlaßte, eine Erklärung zu veröffentlichen, in der sie daran erinnerten, dass Hollywood ja schon einmal für seine politischen Ansichten verfolgt wurde - mit den berüchtigten schwarzen Listen der McCarthy-Ära. Was der bekannte konservative Kolumnist Jonah Goldberg ernsthaft mit der Bemerkung kommentierte, die “Hollywood Ten" seien ja wirklich Mitglieder der von Moskau finanzierten kommunistischen Partei gewesen, die es sich zum Ziel gemacht habe, die amerikanische Regierung zu stürzen und hätten es durchaus verdient, auf den schwarzen Listen zu landen.

Woher kommt die Angst, die Konservative dazu bringt, erneut zur Hexenjagd zu blasen, obwohl die McCarthy-Ära doch selbst in Republikanerkreisen als Schandfleck der amerikanischen Geschichte gilt? Weil es nicht mehr die Gegen- und Subkulturen sind, die hier gegen den Krieg protestieren, sondern Mainstream, Kanon und Breitenpop. Nicht nur in den USA. Weltweit.

Anne-Sophie Mutter und André Previn spielten in Barcelona für den Frieden. Die spanische Schauspielerelite nutzte die Verleihung der Goya-Filmpreise für eine Proklamation. In London drehte George Michael für MTV Europe ein Video zu Don McLeans Antikriegssong “The Grave" und selbst Cat Stevens ging ins Studio, um zwei Friedenshymnen aufzunehmen. In Australien veröffentlichte die Organisation “Peace Not War" eine CD mit Protestliedern von Gruppen wie Massive Attack, Public Enemy und Chumbawamba. Senegals Superstar Youssou N'Dour hat aus Protest seine US-Tournee abgesagt.

In Deutschland haben über 400 Intellektuelle, Künstler und Politiker den Berliner Appell unterschrieben. Die deutsch-französische “Aktion für mehr Demokratie" unterstützen unter anderem Günter Grass, Christa Wolf, Peter Härtling, Joachim Król und Wolfgang Niedecken. Nach dem letzten Künstlertreff im Kanzleramt unterzeichneten Ingo Schulze, Martin Walser, Peter Sloterdijk und Marius Müller-Westernhagen eine Erklärung, mit der sie die Antikriegshaltung der Bundesregierung unterstützten. Und im Namen der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sprachen sich zum Beispiel Rolf Boysen, Dieter Dorn, Loriot und Uwe Timm gegen den Krieg aus.

Und auch in den USA schließen sich die prominenten Friedensaktivisten inzwischen zu Organisationen zusammen. Die meisten der oben genannten Hollywoodstars gründeten United To Win Without War, die sogar teure Fernsehspots mit Martin Sheen geschaltet hat und die Bevölkerung zum konzertierten E-Mail und Fax-Protest aufrief. David Byrne und Rapmogul Russell Simmons organisierten die Musikindustrie in der Gruppe Musicians United To Win Without War, deren Anzeigen unter anderem Busta Rhymes, Lou Reed, Missy Elliott, Brian Eno, Jay-Z, die Mitglieder des Kronos Quartet, von Massive Attack, und R.E.M. unterschrieben. In New York solidarisierten sich rund hundert Bühnen als Theatre Against War.

Doch es sind ja nicht nur die Stars. Eine Aufzählung der Theateraufführungen, Kunstausstellungen, Filmprojekte, Demonstrationen, Protestaktionen, Konzerte, Lesungen und Vorträge gegen den Krieg der letzten Wochen würde eine ganze Zeitungsseite einnehmen. Viele der Aktionen finden auf internationaler Ebene statt. Am Montag letzter Woche wurde in über 1000 Städten rund um die Welt Aristophanes antike Antikriegskomödie Lysistrata gelesen. Und auch die akademische Welt vereinigt sich gegen den Krieg. Fast jede Fakultät hat schon ihre prominentesten Mitglieder an die Friedensfront geschickt - Architekten, Historiker und Mediziner protestierten mit Anzeigen gegen die Kriegspläne. Im Januar veröffentlichten 41 Wissenschaft- und Wirtschafts-Nobelpreisträger eine Friedenserklärung.

Beeindruckend für eine Bewegung gegen einen Krieg, der noch gar nicht begonnen hat. Die Wirksamkeit der kulturellen und prominenten Friedensappelle läßt sich nur schwer ermessen. Sind sie doch nur prominente Stimmen in einem weltweiten Protest der Massen. Auch in den USA ist die Stimmung längst umgeschlagen. Da bemühen sich die Umfrageinstitute im Auftrag der großen Fernsehsender zwar noch redlich, eine breite Unterstützung der Kriegspläne im Volk herbeizurechnen. Doch genau betrachtet steht nur noch ein rundes Drittel aller Amerikaner wirklich hinter einem Angriff auf den Irak. Vielleicht ist es ja ganz gut, dass die prominenten Friedenskämpfer keine politologische Vorbildung haben. “Greift den Irak nicht an", forderte Martin Sheen in den Fernsehwerbespots ganz einfach. “Die Inspektionen führen zum Erfolg. Nicht ein Krieg." Das verstehen die Fernsehzuschauer. Und weil es der Präsident aus “West Wing" ist, glauben sie es auch.





Zurück zum Inhalt