Auge um Auge - da erblindet die Welt

In Washington, New York und Städten in Lateinamerika, Europa und Australien gehen Tausende gegen den drohenden Krieg auf die Straße.
© Andrian Kreye



New York, 29. September - Rund Fünftausend marschierten am Samstag in Washington gegen den Krieg. Zehntausende in über 30 Städten von New York und Austin bis nach Rio, Rom und Sidney. “Auge um Auge - da erblindet die Welt" stand auf ihren Transparenten. Und: “Wir haben den Horror der Aggression gesehen - genug!" Ursprünglich sollte sich der Aufmarsch in Washington gegen die Konferenz der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds richten. Über 100.000 Demonstranten und schwere Krawalle wie in Seattle, Göteborg und Genua waren erwartet worden. Washingtons Metro Police wollte sogar einen drei Meter hohen Zaun um die Innenstadt errichten. Doch nach dem 11. September wurde die Wirtschaftskonferenz abgesagt. Die Bewegung disponierte kurzfristig um. Statt gegen Kapitalismus und Globalisierung ging sie nun gegen den Krieg auf die Straße.

Die Stimmung blieb am Samstagnachmittag weitgehend friedlich. Es gab lediglich einen kurzen Zusammenstoß mit Einsatzpolizisten, bei dem Reizgas eingesetzt und 11 Demonstranten verhaftet wurden. Eine kleine Gruppe Gegendemonstranten, die eine militärische Antwort auf die Anschläge vom 11. September befürworten, beschränkte sich auf lautstarke Beschimpfungen. Ansonsten hielten sich die Demonstranten an die genehmigte Marschroute vom Freedom Plaza zum Kapitol.

Die neue Friedensbewegung formierte sich letzte Woche in New York. Hinter dem Kürzel A.N.S.W.E.R. (Act Now to Stop War and End Racism) stehen Aktivisten, Akademiker und Organisationen aus allen Lagern der Menschen-, Bürgerrechts- und Protestbewegungen. Zentrum der Bewegung ist das International Action Center. Der Anwalt Ramsey Clark rief das IAC 1992 als Sammelstelle für Menschenrechtsorganisationen ins Leben. Clark, der unter Präsident Lyndon B. Johnson als oberster Staatsanwalt der USA fungierte, hatte sich nach seiner Amtszeit zum kontroversen Aktivisten und Verteidiger gewandelt. Das International Action Center engagierte sich in den letzten Jahren gegen die Sanktionen gegen Irak, Kuba und Jugoslawien, gegen Todesstrafe, Drogenkrieg und die Nahostpolitik der USA.

Der erste Friedensmarsch fand am Freitag den 21. September statt. Rund 5000 Demonstranten versammelten sich am Union Square, marschierten ohne Genehmigung entlang der Park Avenue mit Ziel Times Square. Es kam zu Spannungen, doch in erster Linie mit Passanten, die angaben, Verwandte oder Freunde im World Trade Center verloren zu haben. Erst kurz vor dem Times Square kesselten Einheiten der NYPD die Demonstranten mit Barrikaden ein. Der Solidaritätsmarsch am Samstag war genehmigt. Rund 700 marschierten vom Bryant Park die 5th Avenue nach Süden. Am Zielort Union Square improvisierten die Marschierenden eine kurze Kundgebung. Viele der Ansprachen waren verbale Reflexhandlungen aus der alten Friedensbewegung. “Wir wollen das nicht", rief eine Rednerin. “Krieg ist es ja keiner. Also, ich weiß auch nicht was. Aber wir wollen das nicht." Und auch die Gegner schlingerten in ihrer Rhetorik. Feuerwehrmann Allan Schwartz, der vor Kameras unter Tränen sagte, er habe so viele Kollegen verloren und seit Tagen in Ground Zero gearbeitet, schimpfte, die Demonstranten seien eine vorlaute Minderheit. Dann diskreditierte er sich mit seiner Forderung, Irak, Iran, Sudan und Afghanistan mit Nuklearwaffen anzugreifen.

A.N.S.W.E.R. hat angekündigt in den kommende Wochen weiter Demonstrationen und Kundgebungen zu veranstalten. An den Inhalten wird noch gearbeitet.

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