Selbst die beiden Friedensnobelpreisträger Adolfo Peréz Esquivel aus Argentinien und Mairead Maguire aus Irland hatten den üblichen Argumenten gegen den Kapitalismus als Kriegstreiber nicht viel hinzuzufügen. Noch es ist zu früh für eine kohärente, gemeinsame Linie. Die wahre Leistung der Friedensbewegung in Amerikas neuem Krieg formulierte ein breitschultriger Mann, der im Armeeparka ans Podium trat und sich als David Klein von der Organisation “Vietnam Veterans Against War" vorstellte.“Amerika führte schon drei Jahre lang Krieg in Vietnam, bevor der Unmut zu einer Bewegung angewachsen war", sagte er. Der ehemalige Kombattant hält heute Pazifismus für die oberste Patriotenpflicht; In jedem Fall aber bedeute “Widerspruch nicht, illoyal zu sein."
Leicht wird es die neue Friedensbewegung nicht haben. Die Wogen der Patriotismus schlagen hoch. Die Argumente der Gegenseite sind nicht mehr so einfach von Hand zu weisen wie bei früheren Militäreinsätzen des Landes: Die Anschläge vom 11. September forderten mehr Todesopfer als Pearl Harbor; es gilt inzwischen als historisch plausibel, dass es auch die zögerliche Haltung Amerikas war, die dem Terrorismus seit den 70er Jahren Aufwind gab; der Rückzug aus dem Libanon nach den Bombenanschlägen auf den Stützpunkt der Marines und die Botschaften in Beirut; der Rückzug aus Somalia nach dem Tod amerikanischer Soldaten in Mogadischu; der inkonsequente Golfkrieg. So argumentieren inzwischen selbst Vorzeigeliberale wie Bill Moyers in der ansonsten äußerst linkskritischen Fernsehsendung Frontline.
Doch die Linke und die Protestbewegung reagierten in den ersten Wochen nach den Anschlägen auf die veränderte Weltlage mit den vorhersehbaren Reflexen. Sofort suchte man die Schuld der neokolonialistischen Außenpolitik der USA. Das ging bis zu der Verschwörungstheorie einer Ärztegruppe, die in einem Email-Rundschreiben polemisierte: “Die Terrorattacken sind den Machthabern hinter G.W. Bush mehr als willkommen, womöglich wurden sie nicht einmal ernsthaft verhindert." Höhepunkt eines linken Zynismus, der die historischen Tatsachen vollkommen verkennt. Denn selbst wenn man die USA als diktatorische Weltmacht betrachten will, wäre dies doch eine Diktatur des Idealismus, der solcherlei Gedankengänge niemals zulassen würde.
Der amerikanischen Linken fehlt es zudem an glaubwürdigen Leitfiguren. Intellektuelle wie Susan Sontag, Paul Virilio oder Edward Said sind nur einer kleinen Bildungsbürgerschicht in den Metropolen bekannt. Die grauen Eminenzen der linken Polemik Noam Chomsky und Ralph Nader erschöpfen sich diesmal in redundanten Plattitüden. Die neue Protestbewegung trat bisher nur als bunte, aber gesichtslose Masse auf. Kein Wunder also, dass selbst liberale Publizisten zunächst aggressiv auf die Linke reagierten. Christopher Hitchens schimpfte Noam Chomsky einen liberalen Trottel, David Horowitz ernannte ihn sogar zum “pathologischen Ajatollah des antiamerikanischen Hasses". Und selbst David Rieff, Autor von Antikriegsbüchern wie “Crimes of War" und “Slaugtherhouse Bosnia" warf den Pazifisten Antiamerikanismus und Weltfremdheit vor.
In den ersten Wochen war es sicherlich nicht einfach, gegen einen Krieg zu protestieren, der noch gar nicht begonnen hatte. Schon am 12. September formierte sich die neue Bewegung auf den Straßen von Manhattan. Am Union Square, jenem Platz zwischen 14. Straße, Broadway und Park Avenue, der an diesem Tag noch die nördliche Grenze des Sperrgebietes markierte, versammelten sich die Mitglieder der Charas Foundation, einer Koalition aus Basisaktivisten, Hausbesetzern und Autonomen, die sich seit Jahren hier am Thompkins Square Park treffen. Die ersten Aktionen galten noch ganz pragmatischen Nahzielen - die Mobilisierung von Freiwilligen, um die Bewohner der Sperrgebiete mit den wichtigsten Medikamenten und Nahrungsmitteln zu versorgen.
In den folgenden Tagen fanden die ersten Versammlungen mit weiterreichendem Anspruch statt. Nun waren sich alle einig - die Protestbewegung der Seattle-Generation habe das Potential, am Vorabend des neuen Krieges eine Friedensbewegung aufzubauen. Nur müssten die unzähligen Splittergruppen koordiniert werden. Die ersten Koalitionen fanden sich zusammen. Das “International Action Center" des ehemaligen obersten Staatsanwaltes der USA, Ramsey Clark, gründete die Initiative International A. N.S.W.E.R. (Act Now to Stop War and End Racism), zu der sich inzwischen über einhundert Organisationen, Akademiker und Aktivisten bekennen. Die Gewerkschaften schlossen sich mit Geistlichen, Kriegsveteranen, Opfern der Anschläge, Menschenrechtlern und Journalisten zu einer Organisation namens “New York Not In Our Name" zusammen.
Der erste Marsch fand am Freitag der darauffolgenden Woche statt; rund fünftausend Demonstranten trafen sich am Union Square und marschierten nach Norden. Am Rande kochten die Emotionen. Eine Dame im weißen Cabrio versuchte, ihren Wagen in die Menge zu setzen. “Keine Ahnung habt ihr! Verpisst euch!", brüllte sie. Und: “Ich habe meinen Bruder da unten verloren! Ihr wisst doch gar nicht, wie sich das anfühlt." Ein paar Ecken weiter sprang ein Zivilpolizist aus seinem Wagen, ging auf zwei Demonstrantinnen los, um sie zu verprügeln. Kurz vor dem Times Square kesselte die Polizei die Demonstranten ein. An diesem Wahrzeichen von Manhattan sollten sie dann doch nicht gegen den Krieg demonstrieren.
Fast jeden Tag finden seither Konferenzen, Teach-Ins, Mahnwachen und Märsche statt. Die Demonstrationen, die ursprünglich für den 29. September gegen die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds geplant waren, wurden nach Absage der Wirtschaftskonferenz zum internationalen Friedensmarsch umfunktioniert.
Es scheint, als habe die Friedensbewegung in den ersten Wochen einen Don-Quijotschen Kampf geführt - ein Kampf so simpel wie in den jetzt wieder vielzitierten John-Lennon-Songs. Doch der Krieg gegen den Terror, der auf einer grausam direkt erfahrenen Bedrohung basiert, ist nicht mehr ohne weiteres den Feldzügen wie jenen in Vietnam, Panama oder auch in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens gleichzusetzen. Der zornige Passant vor dem Kaufhaus Macy's brachte das neue Problem mit seinem Plakat auf den Punkt: “If war is not the answer, what is?" Wenn Krieg keine Antwort ist, dann muss eine andere gefunden werden. Die systemkritische Schuldfrage kann nur parallel, jedenfalls nicht anstelle der Selbstverteidigung gestellt werden. Und trotzdem haben schon die ersten Angriffe auf Afghanistan die zwingende Notwendigkeit einer Friedensbewegung gezeigt: als Gegengewicht gegen die blindpatriotische Stimmung in den USA und den widerstandslosen Loyalismus, der vom Rest der Welt eingefordert wird.