FREMDE SPRACHEN

Bei einem Symposium an der
New York University beklagten prominente
Literaten den Mangel an ausländischer
Literatur in Amerika.

© Andrian Kreye

Amerika hatte schon immer ein Problem mit den fremden Sprachen. So beschwerte sich Mark Twain in seinem Essay “The Awful German Language" darüber, dass es wohl kaum eine so schlampige und unorganisierte Sprache gäbe wie das Deutsch und machte er auch gleich das Angebot, dieses krause Idiom von Grund auf zu reformieren. Den Dativ erklärte er zum närrischen Zierrat, der als erstes abgeschafft gehört, danach wollte er die Geschlechter nach dem Willen des Herrgotts zuordnen, ein paar herzhafte Schimpfworte importieren, und in der Syntax die Verben an einen Platz stellen, der dem Zuhörer auch schon im Verlauf eines Satzes erlaube, den Sinn zu erfassen und nicht erst an dessen Ende.

120 Jahre später liest sich Twains Satire fast wie ein prophetischer Text über die tieferen Gründe dafür, dass fremdsprachige Filme, Musik und Literatur in den USA so gut wie keine Chance haben. Warum sollte sich Amerika auf die komplizierten Sprach- und Denkwelten des Auslandes einlassen, wenn der englische Sprachraum doch so viel klarer und präziser arbeitet? Letztendlich liegt es ja nicht nur an den technologischen und ökonomischen Vorsprüngen Amerikas, dass Englisch die Lingua Franca der modernen Welt geworden ist, sondern auch der Zugänglichkeit der Sprache.

Das Übersetzerkommittee des amerikanischen PEN-Clubs hat diesen Zustand nun zur akuten Kulturkrise erklärt und gemeinsam mit dem Lehrstuhl für vergleichende Literatur der New York University ein hochkarätig besetztes Symposium ausgerichtet. Als Moderatorin fungierte die Übersetzerin und Vorsitzende des Komitees Esther Allen, die diese Krise im letzten Herbst auch als erstes definiert hatte. Zunächst in einem Leserbrief auf einen Essay im Harper's Magazine, in dem Bernard Lewis die Rückständigkeit des arabischen Kulturkreises damit begründet hatte, dass pro Jahr nur um die 330 Bücher aus anderen Sprachen ins Arabische übersetzt würden. Allen schrieb, es sei zwar zu begrüßen, dass Übersetzungen als Indikator für die kulturelle Lebendigkeit einer Region gelte, in den USA würden pro Jahr jedoch ebenfalls nur 330 literarische Werke ins Englische übersetzt.

Die Zahl verzerrte das Bild etwas ins Polemische, weil sie Popliteratur und Sachbücher ignoriert. Die Realität sieht jedoch nicht viel besser aus. Während in europäischen Ländern bis zu 45 Prozent aller Neuerscheinungen Übersetzungen sind, sind es in den USA lediglich ein Prozent. Im Jahr 2002 erwarben deutsche Verlage nach Auskunft des German Book Office zum Beispiel die Rechte an 3782 amerikanischen Büchern, amerikanische Verlage kauften dagegen lediglich 150 deutsche Bücher.

Der landläufigen Annahme, die amerikanische Literatur erlebe momentan eine Blütezeit widersprach da der Übersetzer Michael Hofmann, der Joseph Roths Werke ins Englische übertragen hat. “Ohne Übersetzungen und den Kontext einer Weltliteratur kann man wohl kaum von großer Literatur sprechen", sagte er. Hofmann war auch der einzige Diskussionsteilnehmer, der bemerkte, dass die Einbahnstraße der amerikanischen Literaturexporte die Auslandsmärkte für die einheimischen Autoren ruiniere. Der Dichter und Übersetzer Ammiel Alcalay beklagte sich dagegen, dass sich Übersetzungen genauso wie das intellektuelle Leben Amerikas angesichts der Konsolidierung der Großverlage immer mehr in die kleinen University Presses zurückziehe.

Etwas versponnen argumentierte der Literaturprofessor von der University of California Michael Henry Heim, nur eine aufwendig produzierte Zeitschrift für fremdsprachige Literatur könne das amerikanische Publikum ausländische Autoren heranführen. Da müsse man investieren, um allerhöchste Qualität zu garantieren. Allerdings gab es zu, dass er diese Idee nun schon seit zehn Jahren vergeblich vortrage.

Susan Sontag war es schließlich, die dem Wehklagen eine historische Perspektive gab. “Lesen Sie Emerson", sagte sie trocken. In den Texten des Vorläufers des Pragmatismus Ralph Waldo Emerson finde man die Wurzeln dieser amerikanischen Respektlosigkeit gegenüber ausländischer Kultur. Fremde Sprachen und ausländische Kulturen seien in Amerika schon immer mit den Lasten der Vergangenheit und dem Einfluß von Außen gleichgesetzt worden. “Wir haben die stärkste anti-intellektuelle Tradition, die eine Kultur jemals gehabt hat", sagte sie. Ein Beweis dafür sei ja, dass der diesjährige National Book Award an den Gruselromanautor Stephen King verliehen werde. “Der hat durchaus seine literarische Bedeutung", räumte sie ein. “Aber sie haben ihm den Preis nicht für seine Qualitäten als Genreschreiber verliehen, sondern dafür, dass er so populär ist. Das entspricht diesem permanenten Angriff normativer Qualitäten sowohl aus dem linken wie dem rechten politische Lager."

Die beiden realistischsten Wege aus der Krise präsentierten an diesem Abend zwei Gäste, die an der Diskussion nicht teilnahmen. PEN-Präsident Joel Conarroe vermeldete stolz, dass ein unbekannter Spender 700.000 Dollar für einen Fonds gestiftet habe, mit dem die Übersetzung literarisch hochwertiger Auslandsliteratur finanziert werden soll. Und die Lektorin Alane Mason verkündete den Start des Onlinemagazins Words Without Borders. Die erste Ausgabe konzentriere sich ganz auf die Achse des Bösen und präsentiere Übersetzungen von Literatur aus Nordkorea, dem Iran und dem Irak. Denn letztendlich ist die Fremdsprachenkrise der amerikanischen Verlagswelt vor allem das alte Problem, dass Hochkultur im Strudel der freien Marktwirtschaft nur schwer überleben kann. Und der Gefahr begegnet man traditionell am besten mit Qualität, Initiative und Subvention.





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