Bürgermeister Michael Bloomberg eröffnete die Veranstaltung, um dann gleich zu verschwinden, weil er es wahrscheinlich nicht ertragen hätte, einen halben Vormittag mit dem Sprecher des New Yorker Repräsentantenhauses Sheldon Silver in einem Raum zu verbringen, der ihm gerade das geplante Footballstadion am Hudson River und damit wahrscheinlich die kühnen Olympiapläne torpediert hat. Also lobte Bloomberg nur kurz die mächtigen Männer von Ground Zero - den Immobilientycoon Larry Silverstein, Gouverneur George Pataki, den Architekten David Childs, der den Freedom Tower entworfen hat, und den Architekten Daniel Libeskind “für die Inspiration".
Der saß da etwas verloren zwischen den breitbeinigen New Yorker Machtmenschen, die ihn zu Beginn als Visionär gefeiert und dann doch mit brachialer Politgewalt abgedrängt hatten. Aber Libeskind hatte von Anfang an keine Chance. Sein schärfster Gegner David Childs hatte seine ersten Berufsjahre als Planer für das nationale Bauamt im Intrigensumpf der Nixonregierung verbracht und wusste genau, wie er all die politischen Kräfte, die da in verschiedene Richtungen zogen und zerrten, mit Kompromisslösungen auf seine Seite bringen konnte. Selbst die gestrenge Polizei. Gouverneur Pataki, der sich mit dem Freedom Tower buchstäblich Geschichte machen will, würdigte Libeskind beim Händeschütteln nicht einmal mehr eines Blickes.
Doch das Amerika von heute ist ein anderes Amerika. Eine “Siegessäule" solle der Turm sein, hatte David Childs der New York Times schon am Vortag gesagt. Und seine Vision vom Freedom Tower basiert wirklich auf einer fast gegensätzlichen Haltung. Freiheit dient heute weniger als hoffnungsvolles Versprechen für die Müden, Armen und bedrängten Massen, die im Sockel der Freiheitsstatue gemeißelt ist, sondern als Synonym für Patriotismus und Wehrhaftigkeit gegen die finsteren Mächte in der Welt. Aus der Einladung ist ein Feldzug geworden. Da ist kein Platz für Trauer und Katharsis, die nun an den Fuß des Turmes verbannt wurden.
Lediglich Libeskinds symbolträchtige Höhe von 1776 Fuß hat Childs behalten, die an das Gründungsjahr der USA gemahnt. Und er hat noch zwei bedeutungsschwangere Masse eingeplant. So soll die Aussichtsterrasse in 1362 Fuß Höhe liegen und auf 1368 Fuß mit einer Brüstung abschließen, was den Originalhöhen der beiden World-Trade-Center-Türmen entspricht, die dann von der skulpturähnlichen Antennenspitze mit den Lichtspielen um 120 Meter überragt werden soll. Zudem wird das Seitenprofil von der geplanten Gedenkstätte aus gesehen dem Originalprofil der eingestürzten Türme entsprechen. Somit ist die ursprüngliche Idee des damaligen Bürgermeisters Rudolph Giuliani zumindest teilweise realisiert worden, der gleich nach den Anschlägen trotzig gefordert hatte, die Zwillingstürme neu und noch größer wieder aufzubauen, um dem Terrorismus zu zeigen, dass Amerika mit jedem Schlag nur stärker werden könne.
New York 29.06. '05 - Es ist schon wieder alles ganz anders geworden am Schicksalsloch von Ground Zero, wo sich den letzten dreieinhalb Jahren einer der heftigsten Kämpfe um Architektur, Land und Deutungshoheiten der Trauer in der Geschichte des modernen Städtebaus tobte. So gut wie nichts ist mehr von Daniel Libeskind ursprünglichem Entwurf des Freedom Tower übrig geblieben, doch auch Chefarchitekt David Childs musste kurz vor Schluss noch einmal alles neu überdenken, weil plötzlich die New Yorker Polizei das letzte Wort hatte und Sicherheitsvorschriften anmeldete, die sonst für gefährdete ausländische Botschaften gelten. Der einst so elegante Turm steht nun auf einem 60 Meter hohen, mit reflektierenden Metallpanelen verkleideten Betonsockel, der auch einer Autobombe standhalten kann. Die hohe Kunst der Politik ist es jedoch, auch dann noch gute Manieren zu bewahren, wenn man sich eigentlich an die Gurgel will, und so herrschte zwischen den Kontrahenten auf der Bühne von Harry Ciprianis Wall-Street-Restaurant bei der Vorstellung des endgültigen Entwurfes eisige Höflichkeit.
Zwar betonten alle Beteiligten, Libeskinds ursprünglicher Masterplan sei doch in Grundzügen noch erhalten. Doch es sind nur ein paar Details übrig geblieben. Die Geschichte, die er mit seinem Entwurf erzählen wollte, ist verloren.
Libeskinds Turm wäre eine kathartische Geste gewesen, die über die Skyline hinweg an das Amerika der Hoffnung erinnert hätte. Mit elegantem Schwung hätte die Südspitze Manhattans die Freiheitsstatue widergespiegelt, jenen ersten Anblick, der Hunderttausende europäischer Immigranten nach der mühseligen Atlantiküberquerung eine Verheißung auf ein besseres Leben war.
Eines stellten sämtliche Redner betont und in seltener Einigkeit fest - der neue Freiheitsturm sei besser, als alle alten Ideen. Selbst Daniel Libeskind schloss sich dem an, auch wenn er kurz anmerkte, der Freedom Tower sei ja weiterhin in einem komplexen Entstehungsprozess. Seine Kontrahenten sind da allerdings anderer Meinung. So und nicht anders soll der Turm jetzt gebaut werden, sagte Larry Silverstein. Nächstes Frühjahr beginne man mit dem Fundament, Anfang 2007 mit der Stahlkonstruktion, Richtfest ist für 2009 geplant, 2010 soll der Turm bezugsfertig sein. Er hat ja in seiner Rolle als Pächter als einziger mehr zu verlieren, als Ruhm und Ehre und einen Platz in der Geschichte. Er hat aber auch das entscheidende allerletzte Wort.
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