ABSCHIED VOM URHEBERRECHT

Musikblogs in Theorie und Praxis
der “Free Culture"-Bewegung

© Andrian Kreye


New York im Mai '06 - Die Free-Culture-Bewegung kommt wie so viele gesellschaftlichen Veränderungen aus den USA und klingt zunächst nach dieser Mischung aus Adorno, Rock'n'Roll und Gruppensex, die der politischen Praxis Ende der 60er Jahre eine so unwiderstehlich Aura verliehen hat. Ganz so aufregend geht es bei der Free-Culture-Bewegung allerdings nicht zu. Der Diskurs findet vor allem im Internet statt und dreht sich um so trockene Themen wie technische Anwendungen digitaler Technologien, Urheber-, Patent- und Nutzungsrechte. Langfristig werden diese Debatten jedoch die Gestaltung einer globalen Kulturlandschaft bestimmen, die sich schon bald von den traditionellen Koordinaten der Kulturbetriebe verabschieden muss.

Vor ein paar Wochen feierte die Free-Culture-Bewegung ihr zweijähriges Jubiläum mit einer Tagung am Swarthmore College in Pennsylvania. Dabei trat auch der Vordenker der Bewegung Lawrence Lessig auf. Lessig, ein Juraprofessor von der Stanford University, hat die Grundthesen der Bewegung vor zwei Jahren in seinem Buch “Freie Kultur - Wesen und Zukunft der Kreativität" zusammengefasst, das im Januar auch auf Deutsch erschienen ist. Dabei geht er der Frage nach, warum eine Gesellschaft, die auf den Prinzipien des freien Marktes und der freien Rede basiert, keine Freiheit der Kultur zulässt.

Lessigs Prämisse - Kreativität habe schon immer auf der Vergangenheit aufgebaut. Geistiges Eigentum sei dabei kein Gebrauchsgut, sondern Teil einer gemeinschaftlichen Wertschöpfung. Deswegen sei Piraterie zwangsläufig Teil der kulturellen Fortentwicklung. Hollywood sei beispielsweise von genau der Sorte Produktpiraten gegründet worden, die die dort ansässige Entertainmentindustrie heute so vehement bekämpft. Anfang des 20. Jahrhunderts seien die Filmemacher von der Ostküste nach Kalifornien unter anderem deswegen gezogen, um dem strengen Patentrecht zu entkommen, das dem Erfinder Tomas Alva Edison Ansprüche auf jeden Film zusprach, der mit Apparaten aufgenommen und vorgeführt wurde, die auf seinen Patenten beruhten.

Weil die meisten Patente und Urheberrechte heute von einigen wenigen Konzernen gehalten werden, die zunehmend erweitert und auf neue Medien ausgedehnt werden, besteht laut Lessig die Gefahr eines Kulturfeudalimus und in Folge einer kulturellen Paralyse.

Soviel zur Theorie. Die politische Praxis der Free Culture vollzieht sich genauso wie der Diskurs zu einem großen Teil im Internet, und dabei geht es selten so akademisch durchdacht zur Sache. Die so genannten MP3-Blogs sind dabei ein Mikrokosmos, in dem man über die vergangenen Monate die Dynamik der politischen Praxis beobachten konnte, mit denen sich die Free-Culture-Theorie beschäftigt.

MP3-Blogs sind Internetseiten, die mit Hilfe von Links oder Datentauschdiensten das Herunterladen einer Tondatei erlauben. Technisch möglich ist das schon lange. Realistisch wurde das mit den immer billigeren Broadband-Anschlüssen. Die ersten dieser MP3-Blogs begannen vor ungefähr zwei Jahren als Fanseiten, deren Verfasser Texte über Musik mit ein, zwei Musikstücken ergänzten, die man sich nach Belieben anhören oder auf dem eigenen Computer abspeichern konnte. Die meisten dieser Seiten beschäftigen sich dabei mit abseitiger oder neuer Musik. Seiten wie Soul Sides oder Soul Shower bringen beispielsweise längst vergessene schwarze Musik zu Tage, Blowupdoll und Filles Sourire sind auf Campy Pop spezialisiert, Puritan Blister verbreitet Mash-Ups und Coverversionen. Andere wie Aurgasm, Fluxblog und Music For Robots propagierten vor allem abseitige neue Bands.

Auf all diesen Seiten ging es von Anfang an um musikalische Leidenschaften. Dabei herrscht ein strenger Ehrenkodex, nicht mehr als zwei Stücke von einem Album auf die Seite zu laden, die Dateien nach zwei Wochen wieder zu löschen und unveröffentlichte neue Musik nur mit ausdrücklicher Genehmigung zu verwenden. Die gab es schon bald von unabhängigen Plattenfirmen, die bemerkten, dass die MP3-Blogs im Untergrund eine stilbildende Funktion bekamen. Heute heißt es, dass Bands wie die Fiery Furnaces und Clap Your Hands Say Yeah oder ausländische Exoten wie Lady Sovereign, M.I.A. oder Konono Nr. 1 ihren Erfolg in Amerika den MP3-Blogs verdanken. Gleichzeitig gruppiert sich die Szene der Mash-Up-Produzenten und Mixtape-Djs verstärkt um solche Seiten.

Während sich die MP3-Blogs im musikalischen Untergrund unbestreitbar als stilprägende Foren und Umschlagplatz für digitale Experimente etablierten, redeten sich die Betreiber der Seiten die rechtliche Situation schön. Sie beanspruchten die so genannten “Fair Use"-Klauseln des Urheberrechtes für sich, die einen begrenzte Verwendung geschützten Materials zu Informations- und Bildungszwecken erlaubt. Ganze Musikstücke gehören da allerdings nicht dazu.

Dabei wurden sie von der Plattenindustrie eher bestärkt. Die meisten Firmen ließen die Seiten gewähren. Die Zahl der Downloads war mit selbst bei erfolgreichen Seiten nicht einmal ansatzweise mit der millionenfacher Verbreitung von Raubkopien über die Datentauschsysteme wie Bittorrent oder Limewire vergleichbar. Kleine, unabhängige Firmen erkannten sogar die Kraft der Blogger und bemusterten sie mit neuen Platten. So wären die Theorien der Free-Culture-Bewegung bestätigt. Wäre da nicht die jüngste Generation der Musikseiten, die so genannten Album Blogs.

Wieder fungierte eine technische Neuerung als Initialzündung. Neue Datentauschsysteme wie Rapidshare oder Megaupload erlauben seit einiger Zeit, größere Datenpakete auf einem Zentralcomputer zu speichern, die dann über einen Link heruntergeladen werden können. Die ersten Albumblogger nutzten das noch, längst vergriffene Platten zu digitalisieren und sie dann über ihre Webseiten zugänglich zu machen. Was als urheberrechtlich zweifelhafte Archivierung begann, wurde jedoch bald schon von einer neuen Generation Blogger überrollt, die eher von einer Hackermentalität des anarchischen Ausreizens technischer Möglichkeit getrieben wurden. Ohne Kommentar begannen die damit, die gesamte Popgeschichte gratis ins Netz zu stellen. Da kann man nun innerhalb von wenigen Minuten den gesamten Katalog von Künstlern wie den Beatles, Led Zeppelin oder Madonna herunterladen, unveröffentlichte Alben großer Stars und teure Box Sets mit bis zu zwanzig CDs.

Die Pioniere des MP3-Blogging reagierten zunächst verhalten. Führte ihnen der radikale Verstoß gegen ihre eigenen Regeln doch vor, wie dünn das rechtliche Eis ist, auf dem sie sich bewegen. Nicht nur das. Die Albumblogger haben ihre Argumente entkräftet, wenn nicht sogar zunichte gemacht, dass die Aushöhlung der Urheberrechte einen kreativen Untergrund gewährt. Da geht es plötzlich nicht mehr um die Befreiung der Popkultur, sondern um die radikale Deregulierung einer Industrie.

Letztlich läuft eine Deregulierung jedoch immer auf eine Schwächung der Produzenten und eine Stärkung des Marktes hinaus. Denn was die Free-Culture-Bewegung weitgehend außer Acht lässt ist die Tatsache, dass sich nicht nur die kulturelle Produktion, sondern auch der kulturelle Markt radikal verändert. Da gilt Karl Marx Modell von der Macht des Eigentümers der Produktionsmittel nur noch bedingt. In einer Welt, in der sich die meisten Kulturgüter in digitale Datenpakete verpacken und beliebig vervielfältigen lassen, liegt die Macht bei den Eigentümern der Vertriebswege und das Geschäft in den Filterfunktionen.

Das ist längst kein neues Phänomen mehr. Schon in den Frühzeiten des Internet lief die Dynamik der neuen Medien darauf hinaus, Inhalte zu entwerten und auf das Geschäftsmodell der Micro Payments zu setzen, bei dem Profite entweder mit billigen Servicepauschalen oder mit unzähligen Einzelzahlungen von Bruchteilen eines Cents generieren. Damit kämpft die Free-Culture-Bewegung gegen einen Feind, dessen Überleben längst nicht mehr garantiert ist. Nicht die Nutznießer von Urheberrechten gefährden eine kreative Weiterentwicklung der Kulturen, sondern genau jene Systeme und Technologien, die diese Urheberrechte de facto unwirksam machen.

Wie das Beispiel der MP3- und Albumblogs zeigt, gewinnt diese Dynamik enorm an Geschwindigkeit. Sicherlich gehört Lawrence Lessig zu den brillantesten Denkern, die sich mit dem komplexen Thema der Urheberrechte auseinandersetzen. Er hat auch längst praktische Versuche gestartet, vernünftige Kompromisse zu finden, die auf die veränderte Medien- und Kulturlandschaft anwendbar sind. Mit seiner Organisation Creative Commons versucht er beispielsweise ein alternatives Urheberrecht für das Internet zu etablieren. Die digitale Wirklichkeit zwingt die Debatte jedoch in immer neue Richtungen.

Es sind nun ausgerechnet die angeblich in ihrer Existenz so bedrohten Musiker, die einen Ausweg gefunden haben. Ein Blick auf die Liste der bestverdienenden Popstars im Wirtschaftsmagazin Forbes zeigt, dass CDs für ihre Spitzenverdienste längst keine Bedeutung mehr haben. Unter den ersten zehn finden sich unter anderem die Rolling Stones, U2, Celine Dion und Elton John, die ihre Umsätze im Jahr 2005 allesamt mit Auftritten und Konzerten gemacht haben. Im Jahr zuvor gehörte auch Prince zu den ersten zehn. Der hatte sein damals neues Album ganz einfach an seine Fans verschenkt. Der Hoffnungsschimmer ist natürlich schwach, denn letztlich ist dies nichts anderes, als eine Rückkehr zu vormodernen Formen der Kulturproduktion.



Lawrence Lessig in Zagreb

Lawrence Lessigs "Free Culture" als Download

Webseite Creative Commons

Webseite der Free-Culture- Studentenbewegung

MP3-Blogs:

aurgasm

Blowupdoll

la blogotheque

fat planet

Filles Sourires

fluxblog

Music for Robots

Number 1 Songs In Heaven

Puritan Blister

Soul Sides

Soul Shower



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