Aber der 42jährige hat nicht nur den erfolgreichsten und angeblich besten Roman der Saison geschrieben, er hat auch ein recht großmäuliges Versprechen gehalten. Fünf Jahre ist es her, dass Jonathan Franzen in der Monatszeitschrift Harper's mit seinem Essay “Perchance to Dream: In the Age of Images A Reason to Write Novels" die Existenzberechtigung des sozial engagierten Romans an sich in Frage stellte.
Im Zeitalter des Fernsehens so schrieb er, seien literarische Ikonen wie Thomas Pynchon und Don DeLillo irrelevant geworden. Die Leser verlangten nicht mehr nach Aufklärung, packenden Geschichten oder gar Ideologien, sondern lediglich nach Unterhaltung. Immer noch eine Provokation, auch wenn Philip Roth den gesellschaftlich relevanten Roman schon 1960 für tot erklärte. Doch Jonathan Franzen traute sich auch noch zu, die Literatur zu retten - mit einem Roman, der das Persönliche mit sozialem Engagement und erzählerischer Überzeugungskraft verbindet. So hatte sich der Jungautor der beiden kaum beachteten Romane “Strong Motion " und “The Twenty-Seventh City" mit einem Schlag in die erste Liga der Literatur katapultiert und gleichzeitig den Ruf des elitären, arroganten Schnösels einghandelt.
Die Jubelkritiken, Nominierungen und kommerziellen Erfolge wären also ein doppelter Triumph gewesen. Doch für Homecoming-Paraden ist es immer noch zu früh in New York. Es ist ruhig in dem weiträumigen Geschäft, als Jonathan Franzen an das Lesepult tritt. Er blickt etwas erstaunt über die Menge, die sich neben den Stuhl- und zwischen den Regalreihen bis in den hintersten Winkel des Ladens drängt. Einige seiner Fans harrten schon seit Stunden aus, als sei er ein Popstar, der zur Autogrammstunde in die Shopping Mall kommt. Er bedankt sich für das zahlreiche Erscheinen. Wie es denn so geswesen sei, draußen in der Provinz, will einer der Zuhörer wissen. “Ich bin eigentlich viel neugieriger, wie es hier gewesen ist in den letzten Wochen", sagt Franzen, und erzählt dann doch kurz von den leeren Flughäfen im Land, von der Angst, die im übrigen Amerika auch nicht anders sei, als in New York.
Arrogant wirkt er nicht, eher verschmitzt. Elitär eigentlich auch nicht, zumindest weiß er an diesem Abend gut dreihundert seiner Leser mit Charme für sich einzunehmen. Er gibt ein wenig das Klischeebild vom literarischen Intellektuellen, trägt ein schwarzes Brillengestell, ein sandfarbenes Tweedjackett, die dunkelbraunen Haare halblang. In seinen ersten Interviews zu “The Corrections" hat er mit dem Image vom neurotischen Literaten bis zur Lächerlichkeit kokettiert. Die manischen Depressionen, für die meisten Schriftsteller Teil des Berufsalltags, gehören genauso zu Franzens Legende, wie sein rebellischer Intellekt. Da erzählte er dem New York Times Magazine, wie er manchmal seine enge Schreiberklause in East Harlem gegen Licht und Lärm abdichtete, wie er sich die Augen verband und Ohren verstopfte, und dann blind und taub in die Tasten hieb. Tage des selbst verordneten Autismus, gefolgt von schlaflosen Nächten der Verzweiflung, Tausenden zerknüllter Manuskriptseiten, einsamen Wodkaräuschen.
Aber dann steht er am Lesepult, die Hände auf dem 568 Seiten starken Werk, liest ruhig, rhythmisch, folgt seiner schier nahtlosen Erzählstruktur, ohne sich von den gelegentlichen Lachern des Publikums aus dem Fluß bringen zu lassen. Der Roman bewegt sich mit einer Leichtigkeit durch die vielschichtigen Beziehungs- und Gefühlgeflechte der Familie Lambert, wie sie nur ein penibel zurecht gefeilter Text erreicht.
Der Klan der mittelständischen Lamberts aus einer fiktiven Kleinstadt im Mittelwesten gerät bei Franzen zum satirischen Porträt der 90er Jahre. Alfred, Patriarch und ehemaliger Manager der Eisenbahngesellschaft, ist vom Parkinson zum Verfall verdammt. Enid, seine Frau, träumt von der netten Welt voll netter Leute und netter Kinder. Sohn Chip haust als verkrachter Linksintellektueller in Boston, Tochter Denise driftet als hoffnungloser Hipster durch die Schickeria von Philadelphia, und der älteste Sproß Gary, eine Banker, kompensiert seine Paranoia- und Depressionsanfälle mit Arroganz und herrischen Wutanfällen. Sie versuchen ihr Leid an der Welt zu lindern. Mit Antideprissiva, mit Ecstasy, Sex, Wodka und hemungslosem Konsumismus.
Wie eine jener dreidimensionalen Kameras, wie man sie aus modernen Actionfilmen kennt, umkreist Franzens Blick seine Figuren, wechselt oft innerhalb eines Dialoges die Perspektive, stellt sich mal auf diese, mal auf jene Seite. Doch Franzen kommt trotzdem immer wieder zum Schluß, dass er seine Figuren mag, sie leben läßt, nicht demontiert. Dazu führt er höchstens mal eine der unzähligen Nebencharaktere ein, die oft nur die Funktion der Zielscheibe zu haben scheinen. Dem Publikum gefällt's. Bei der Beschreibung eines Essens, bei dem der Mißmut der Mutter und das Unverstandenfühlen der Tochter vor sich hinschwelen, lachen die Zuhörer. Das hat Wiederkennungswert, solche Szenen hat jeder schon erlebt. Und dann erzählt er eben doch mehr, als nur eine Familiengeschichte.
Darf das Gewöhnliche noch für das große Ganze stehen? War der Franzens literarischer Rückzug in den Mikrokosmos nicht ein nun veraltetes Konzept? Seine Leser fragen ganz unschuldig, als erwarteten sie Seelsorge von diesem Autor, der Amerika so gut zu verstehen scheint. “Ist das Persönlich nicht plötzlich so viel unwichtiger geworden, da das Politische nach so langen Jahren der Apathie wieder in den Vordergrund gerückt ist?", will ein Heer mit grauem Vollbart wissen. “Das ist eine gute Frage", sagt Franzen und stockt erstmals in den Worten. “Vor allem nachdem ich gerade ein so enorm verinnerlichtes Jahrzehnt mit der Produktion dieses Buches verbracht habe. Das sicherlich die große Welt mehr durch den Regentropfen des Persönlichen betrachtet, als meine ersten beiden Bücher." Er wiegt den Kopf, als hätte er Angst, etwas Falsches zu sagen. “Die rasche Antwort ist sicherlich - ja. Warum sollte sich das jetzt nicht verändert haben. Es scheint, als ob wie in dieser seltsamen Blasé gelebt haben, in der ein Sinnvakuum herrschte. Gerade an den Fronten, an denen wir sonst immer Sinn gefunden haben. Es war sehr schwierig, etwas Bedeutungsvolles über die Kultur der Habgier zu sagen, oder über die zynischen Erwartungshaltungen gegenüber unseren Politikern. Da konnte man nur immer und immer wieder den selben dummen Punkt machen. So hat die Familie wieder ihre Rolle als Sinnschaffung gefunden. Aber ich glaube nicht, dass es die Bedeutung des Persönlichen vermindern wird, wenn wir uns jetzt mit etwas neuem Großen beschäftigen müssen."
Bisher scheint es, als hätten die Weltereignisse der Bedeutung und dem Erfolg seines Buches nichts anhaben können. Fast zu perfekt scheint der Aufstieg des neuen Autors. “Werden Sie es Jonathan Franzen vorhalten, wenn man ihn nun allüberall als das nächste große Ding der Literatur ankündigt?", fragte der Boston Globe. “Ein verständlicher Reflex: man sehnt sich nach Kunst, die gehaltvoller ist, als die Flüchtigkeit der Mode." Es war dann Franzen selbst, der sich den Erfolg übelzunehmen schien, denn mitten in all dem Hype, hatte er auch noch die höchsten Weihen des amerikanischen Verlagswesens emfpfangen. Oprah Winfrey, Moderatorin der weltweit erfolgreichsten Nachmittagstalkshow und eine Art emotionaler Autorität der Nation, wählte “The Corrections" als Empfehlung des Monats für ihren Buchclub.
Normalerweise muß sich ein Autor danach erst einmal keine Sorgen mehr machen, denn das populäre Prädikat garantiert durchschnittlich 500.000 zusätzlich verkaufte Exemplare, ganz egal, ob das Buch vorher schon ein Bestseller war, oder nur ein paar Zehntausend absetzte. Auf die Empfehlung folgt dann meist ein Abendessen mit Moderatorin und Autor, das gefilmtwird und als Vorspann für einen Besuch in der Talkshow dient.
Vielleicht hatte sich Franzen nichts dabei gedacht, als er in Interviews mit zwei Lokalzeitungen, der Webseite eines Buchladens und ein paar Radiostationen sagte, er hätte Angst, ds Oprah-Siegel würde seine wahren Fans vergraulen, schließlich sähe er sich in der Tradition der hohen Literatur. Oprah Winfrey stornierte daraufhin das Dinner und die Buchung, obwohl sich Franzen hastig, schriftlich und öffentlich entschuldigte.
Dabei ging es ihm sicher nicht um die Gunst der Talkshowkönigin. Vieleicht nicht einmal um die siebenstelligen Umsatzzahlen,, die er jetzt vielleicht verloren hat. Nein, die gesamte amerikanischen Verlagswelt hat sich in vorauseilendem Gehorsam gegen Franzen gestellt. Kaum ein Lektor wollte sich mit Namen zitieren lassen, als Gabriel Snyder vom New York Observer in den Verlagen anrief, um Stellungsnahmen zum Thema zu bekommen. Die wenigen, die etwas sagten, nahmen Partei für Frau Winfrey, bezichtigen Franzen als undankbaren Snob. “Ich sag's mal geradeheraus", meinte ein Lektor unter dem Siegel der Verschwiegenheit. “Die Welt der Literatur wird von Neid getrieben. Das Neidlevel für Franzen war schon auf dem Höchststand. Sollte er jetzt bei all dem Erfolg auch noch reich werden? Nein, die Gelegenheit war zu günstig, um ihm einen ordentlichen Dämpfer zu verpassen."
Ein Dämpfer, der nicht nur von Franzens Neidern im Buchgewerbe, sondern auch von den Nachrichtenagenturen, und Klatschspalten mitgetragen wurde. Und so scheinen die Realtitäten des Buch- Mediengeschäftes Jonathan Franzens Essay fünf Jahre später recht zu geben. Auch das Lesevolk schläft sich auf Winfreys Seite. Nach zwei Wochen Skandalmeldungen sinkt Franzens Buch von Platz eins auf vier. Das bedeutet zwar immer noch eine Menge verkaufter Bücher, doch in Franzens Kampf der Literatur gegen die elektronsichen Medien, bedeutet das zumindest auf moralischer Ebene ein eins zu null für Oprah.