Die Demokratie der Bilder

Gilles Peress' Ausstellung “Here Is New York" und ein neuer Bildband von Magnum zeigen die meistfotografierte Katastrophe in der Geschichte der Menschheit.
© Andrian Kreye



Als Michael Shulman die Ausstellungsräume an der Prince Street nach sechs Wochen zum ersten Mal für einen Tag schließen wollte, wäre es fast zum Krawall gekommen. Ausgesperrte Besucher rüttelten an den Türen, trommelten an die Scheiben, riefen den freiwilligen Helfern in der Galerie zu, sie seien aus Pennsylvania, Ohio, Kalifornien gekommen, nur um die “Here Is New York"-Ausstellung mit den Fotos vom 11. September zu sehen. Dabei war es ein Montag und an Montagen sind die Galerien und Museen in New York normalerweise geschlossen. Die Freiwilligen waren erschöpft. Drei Straßenzüge lang waren die Schlangen am Wochenende gewesen, mit Wartezeiten bis zu einer Stunde. Dazu kommen die Tausenden von Bildern, die es immer noch auszuwählen, zu scannen und archivieren gibt.

An diesem Montag schloß Michael Shulman doch noch die Türen zu den beiden Ladengeschäften auf, in denen die Ausstellung seit Mitte September läuft. Inzwischen ist er konsequenter. Abends bleiben die Räume nicht mehr bis spät in die Nacht geöffnet. Montags bleiben die Läden zu. Dafür gibt es jetzt auch die Webseite www.hereisnewyork.org, auf der immerhin schon fast tausend der inzwischen über 4000 Fotos archiviert sind. Doch auch über zwei Monate nach den Anschlägen, dient die Ausstellung New Yorkern und Touristen als eine Art therapeutischer Treffpunkt. Zu fast jeder Tageszeit drängen sich die Besucher Schulter an Schulter in den beiden ehemaligen Boutiquen im Galerienviertel SoHo. Wildfremde erzählen einander, wie sie den 11. September erlebt haben. Andere betrachten stumm die Bilder. Manch einer wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln.

Da sieht man sie wieder, die brennenden Türme, die Staubwolken der Einstürze, die Fliehenden, die Feuerwehrmänner, die Trümmer, die Flammen, die Stahlgerippe der Fassadenreste. Für den Rest der Welt schon Geschichte. Für New York immer noch Gegenwart. Obwohl seit ein paar Wochen hohe Holzzäune die Unglücksstelle vor Blicken abschirmen, weiß jeder, dass es dort unten immer noch brennt, dass die Räumungsarbeiten inzwischen mit schwerem Gerät voranschreiten, obwohl über 4000 der Toten noch nicht geborgen wurden. Zwei Blocks weiter, am West Broadway sieht man am Abend nach wie vor die Schimmerkuppel der Scheinwerfer, welche die Arbeiten beleuchten. Immer noch hängt der beißende Schmorgeruch in der Luft. Und immer noch bleibt der Blick unwillkürlich an jenem Loch im Horizont hängen, vor dem bis vor neun Wochen noch die Doppeltürme standen.

“Here Is New York" war der Titel einer Reportage, die der Essayist und spätere Kinderbuchautor E.B. White 1948 für den New Yorker schrieb. Eine meditative Hymne an New York und die “jungen, ergebenen Anfänger", die ihre Stadt mit einer unbezwingbaren Dynamik erfüllen. Die Fotografien der Ausstellung sind eine ähnlich introspektive Auseinandersetzung mit den Anschlägen und jenem ergebenen Neubeginn, der schon Minuten nach dem Zusammenbruch der Türme begann. Das Konzept der Ausstellung ist ganz einfach. Jeder, der Fotos aufgenommen hat, die irgend etwas mit den Anschlägen vom 11. September zu tun haben, kann seine Arbeiten in der Galerie abgeben. Niemand wird abgewiesen. Mindestens ein Foto wird von jedem genommen, egal ob Schnappschuß oder Profiaufnahme. Die Bilder werden dann digital gespeichert, ausgedruckt und im Turnus anonym ausgestellt. Besucher können anhand von Nummern Ausdrucke bestellen und bezahlen dafür eine Spende von 25 Dollar, die dem World Trade Center Relief Fund der Children's Aid Society zu Gute kommt. Dabei weiß man nie, ob man gerade das Bild eines unbekannten Zufallsfotografen erstanden hat, oder eines von einer der Legenden, die schon Fotos gestiftet haben, wie Mark Seliger, Alex Webb oder Mary Ellen Mark.

Die Idee für die Ausstellung hatte Gilles Peress. “Ich hatte über dieses Konzept schon lange nachgedacht", erzählt der silberhaarige Fotograf. “Das ist eine höchst politische Arbeitsweise. Pierre Bourdieu hat über die Fotografie als Kunstform auf dem halben Wege geschrieben, die auch für die Arbeiterklassen zugänglich ist, die keinen Zugang zum höheren Bildungssystem hat. Wir nehmen die Bilder von jedermann. Ohne Rücksicht auf die Kastensysteme von Medien und Kunst." Die Anschläge waren für Gilles Peress ein Wendepunkt in der Fotografie. “Der 11. September hat eine der Grundfunktionen der Fotografie neu definiert", sagt er. “All die letzten Jahre folgte die Fotografie der postmodernen Theorie, dass es unmöglich ist, Realität zu schaffen. Und so drehten sich die Fotografien von Künstlern wie Cindy Sherman um die Fiktion. Doch nicht nur für die Fotografie, für ganz Amerika ist da eine Blase zerplatzt. Bis dahin waren die Menschen von den Realitäten der Geschichte gut geschützt."

Gilles Peress hat in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, neue Formen der Realität zu finden. Weder hat er sich mit der hehren Welt des Kunstmarktes, noch mit der Funktionalität der Medien zufrieden gegeben. Seine Reportagen aus den Kriegen in Ruanda, Bosnien und dem Kosovo erschienen nicht nur in Zeitschriften wie dem New Yorker, sondern wurden auch im Museum of Modern Art gezeigt und als Kunstbände herausgegeben.

“Für mich war der Umgang mit dem 11. September nicht so schwierig, wie für viele Menschen hier. Ich bin als Franzose in Europa aufgewachsen - dort mußte sich noch jede Generation mit Geschichte auseinandersetzen. Wir verarbeiten ja immer noch den Zweiten Weltkrieg Und auch der Schrecken war mir nicht neu. In Srebrenica wurden in einem einzigen Tag 8000 Männer getötet. In Ruanda eine Millionen Menschen in zwei Wochen", sagt er. “Für Amerikaner war Geschichte immer etwas, das anderen widerfuhr."

Es war reiner Zufall, dass Gilles Peress an diesem Tag in seiner Wahlheimat New York war. Normalerweise ist er für seine Geschichten monatelang unterwegs. Doch am 10 September mußte er als Mitglied zur Generalversammlung von Magnum, jener legendären Fotoagentur, die 1947 von unter anderem Robert Capa und Henri Cartier-Bresson gegründet wurde und heute noch als Kooperative geführt wird. Thomas Höpker, derzeit Vizepräsident der Agentur, erinnert sich: “Normalerweise haben wir nie so viele Fotografen in der Stadt. Aber wegen der Sitzung waren gleich elf unserer Leute hier. Die waren dann natürlich auch gleich auf der Straße." Für kriegserfahrene Fotografen wie Gilles Peress, Susan Meiselas und Larry Towell fast schon Alltag. “Die Kriegsprofis haben das schon besser gemacht", erzählt Thomas Höpker, der für seine epischen Länderporträts bekannt ist. “Ich habe ziemlich lange gebraucht, um mich aufzurappeln und loszuziehen." Doch er war es, der schon nach fünf Tagen einen Verlag gefunden hatte, der nun schon letzten Freitag einen Bildband der Magnumfotografen mit einer Startauflage von 100.000 Exemplaren herausgegeben hat (“New York September 11 by Magnum Photographers", powerHouse Books, New York, 144 Seiten, DM 78,-).

Zeitgleich überredete Gilles Peress seinen Freund Michael Shulman, von dem er wußte, dass er zwei Gebäude in der Prince Street besitzt, in denen die Ladengeschäfte leerstehen, die Ausstellung mit ihm zu organisieren. Peress verkaufte fünf Originalabzüge und stellte damit das Startkapital von 10.000 Dollar. Sein Freund Charles Traub von der School of Visual Arts organisierte Computer, Drucker und die ersten freiwilligen Helfer. Und schon nach wenigen Tagen hatten sie eine Sammlung von mehreren hundert Fotografien zusammen.

Sowohl im Buch, als auch in der Ausstellung sind es aber gerade die Bilder der kriegsunerfahrenen Fotografen, die einen vorsichtigeren, und deswegen oft persönlicheren Blickwinkel auf die Katastrophe haben. Auch Mark Seliger, ehemaliger Schüler von Gilles Peress und heute der vielleicht wichtigste Porträtist der Rock- und Hollywoodstars, wußte mit dem Ereignis zunächst einmal nicht umzugehen. “Die Unmittelbarkeit und die Auswirkungen sind ganz unfaßbar", sagt er. “Ich habe erst am Freitag danach angefangen, auf der Straße zu fotografieren. Es war schwer. Für jemanden wie Gilles ist das nicht so ungewöhnlich. Die beherrschen alle Tricks, wie man sich in so einem Katastrophengebiet bewegt." Von der emotionalen Belastung ganz abgesehen. Als Mark Seliger nicht weit von seinem Haus am West Side Highway einen kleine Jungen sah, der auf die Straße eintrommelte, der dabei immer wieder rief: “Warum haben sie das getan?", während seine Eltern ratlos danebenstanden, machte er kein Foto. “Das war für mich die Grenze. Und doch hat mir am nächsten Abend ein Freund ins Gewissen geredet, ich sei als Fotograf sogar dazu verpflichtet ein Ereignis wie dieses zu dokumentieren." Mark Seliger ist daraufhin eines der stärksten Fotos dieser Tage gelungen. Das Foto des National-Guard-Soldaten, der verloren im Schutt eines Lofts steht, zeigt mit dem Schulterblick der Romantik die Zerstörung des Urvertrauens, ohne den Terror selbst abzubilden.

Es konnte nur so viele Bilder vom 11. September geben, weil New York die Medienhauptstadt der Welt ist. Die New York Historical Society wird am 20. November eine Ausstellung mit den Bildern der Magnumfotografen eröffnen. “Here Is New York" ist den Veranstaltern längst über den Kopf gewachsen. Eine Webseite haben sie schon eingerichtet. Nachdem die Ausstellung nicht auf teuren Originalabzügen beruht, soll sie nun auf Reisen gehen. Zwei Ableger sind schon in Kalifornien zu sehen. Europa und Asien sollen folgen. Doch am wichtigsten sind die Bilder immer noch den New Yorkern selbst. Deswegen sucht Gilles Peress auch gerade nach einem Ort, an dem die “Here Is New York" zur ständigen Einrichtung werden kann. “Fotografien sind ein Ritual der Erinnerung", sagt er. “In so einem Fall manifestiert sich darin sowohl die persönliche, als auch die kollektive Geschichte." Und die hat für New York am 11. September einmal mehr begonnen.

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