>

DIE STÄHLERNE WAFFEL

Mit der Konzernzentrale für Hearst
gibt Norman Foster sein New-York-Debut

© Andrian Kreye

New York im März '06 - Wenn alles nach Plan läuft und im Juni Norman Fosters neue Firmenzentrale für die Verlagsgruppe Hearst eingeweiht wird, dann wird in New York seit langem wieder einmal ein Wolkenkratzer in Betrieb genommen, der in die Geschichte der Architektur eingehen könnte. Immerhin gibt Foster mit dem 46-stöckigen Gebäude sein New Yorker Debut, dem schon bald ein Apartmentgebäude an der Lexington Avenue, ein Theater auf Governor's Island und ein Büroturm an Ground Zero folgen sollen. Außerdem ragt das Hearst Building stilistisch aus dem utilitaristischen Einerlei der Luxusplattenbauten heraus, die im New Yorker Bauboom derzeit zu Dutzenden auf jeden noch so kleinen freien Flecken Baugrund gestellt werden. Ob das Gebäude seinen Platz in der Geschichte auch verdient, hängt allerdings davon ab, ob man es in seinem New Yorker Kontext sieht, oder es mit dem Gesamtwerk Fosters vergleicht.

Sich mit einem Gebäude in Manhattan zu profilieren gilt ja immer noch als Krönung jeder Architektenkarriere. Nicht zuletzt, weil das schier unmöglich ist. In New York muss man sich nicht nur gegen die Konkurrenz und ein paar Stadträte durchsetzen, sondern auch gegen die Territorialansprüche der lokalen Baulöwen, gegen die fast schon sowjetischen Regelkataloge der Denkmal-, Verkehrs- und Bauämter, gegen Bezirksversammlungen, Bürgerinitiativen und Anrainer, sowie gegen den Pfusch am Bau der immer noch mafiös unterwanderten Gewerkschaften. Außerdem muss man sich mit dem urbanen Kontext des Standortes arrangieren, mit der Architekturgeschichte, dem Zeitgeist, und wenn man Pech hat, interessieren sich auch noch der Bürgermeister und der Gouverneur für die Pläne. Das sind alles Gründe dafür, warum die wichtigsten New Yorker Bauprojekte von namenlosen Architekturkonzernen gestalteten, von denen man lediglich die einstigen Großmeister des modernistischen Bürogebäudes Skidmore, Owings & Merrill kennt, deren New Yorker Geschäftsführer David Childs zu neuem Ruhm gelangte, weil er im Streit um Ground Zero Daniel Libeskind ins Abseits gedrängt und seinen eigenen Freedom Tower durchgedrückt hat. Stilfragen stehen da jedenfalls meist ganz unten auf der Tagesordnung.

Deswegen mussten sich die Stararchitekten unserer Zeit in New York in letzter Zeit mit Wettbewerben und Dekojobs begnügen. Rem Koolhaas hat den Prada-Laden am Broadway gebaut, Frank Gehry durfte erst eine Boutique für Issey Miyake und dann die Verlagskantine für Condé-Nast gestalten, und selbst Renzo Piano musste seinen Anbau für das Guggenheim Museum so planen, dass er praktisch nicht ins Auge fällt.

Sir Norman Foster durfte bei seinem Debut dagegen nicht nur ein Zeichen setzen, sondern auch eine historische Baupleite retten. Das Hearst Magazine Building das zwischen der 56. Und der 57. Strasse die gesamte Westseite der 8. Avenue einnimmt, steht dort schon seit den Zwanziger Jahren als unfertiges Denkmal für den Medienzar Willliam Randolph Hearst, der Orson Welles als Vorbild für “Citizen Kane" diente. Hearst gab damals bei Joseph Urban einen sechsstöckigen Gebäudesockel in Auftrag, auf den ein Turm gesetzt werden sollte. Doch dann kam die Weltwirtschaftskrise, die Pläne versickerten, Verlagsabteilungen wurden ausgelagert, und erst 1999 wurde der ursprüngliche Plan wieder aufgenommen.

Als Foster seinen Entwurf im Oktober 2001 der Öffentlichkeit vorstellte, war das Hearst Magazine Building das erste große Bauprojekt, das nach den Anschlägen des 11. Septembers in Angriff genommen wurde. Instinktiv hatte er mit seinen Plänen für ein so genanntes grünes Gebäude mittlerer Höhe einen Zeitgeist vorweggenommen, der das vertikale Wettrüsten der Metropolenarchitektur bis auf weiteres beenden wird. Höhenrekorde gelten in Amerika als degoutante Protzerei, die man den Megastädten in aufstrebenden Schwellenländern überlässt. Qualität zählt wieder, eine solide Bausubstanz, vernünftige Planung, lebenswertes Umfeld, kosten- und energiesparende Bauweisen.

Fosters Hearst Building gilt in diesen Punkten als vorbildlich. In der Ausstellung “Green Towers for New York" im New Yorker Wolkenkratzermuseum wird das Hearst Building sogar als visionär gefeiert. Nicht zuletzt, weil es im Gegensatz zu anderen “Green Tower"-Projekten wie Skidmore, Owen und Merrill's World Trade Center Nummer 7 oder Cook & Fox's Bank-of-America-Gebäude am Bryant Park auch stilistisch eigenständig ist.

Denn im Gegensatz zu seinen Kollegen in den kundenfreundlichen Architekturfirmen mit den vielen Namen im Firmenschriftzug geht Norman Foster nur selten Kompromisse ein. Selbst aus dem Fond eines der halsbrecherisch durch den fünfspurigen Verkehr manövrierenden New Yorker Taxis reicht schon ein Blick, um zu erkennen, dass es sich hier um eine Gebäude des Sir Norman Foster handelt. Das charakteristischer Waffelmuster über der Glasfassade, die aufstrebende Formensprache und die klassische Eleganz der Lichtspiele in den Stahl- und Glaswinkeln sind so leicht wieder zu erkennen, wie der Refrain eines Beatlesliedes. Erst bei näherer Betrachtung sieht man, dass sich Fosters Glasturm aus der Mitte des ursprünglichen Hearst Buildings in den Himmel reckt.

Es hilft auch, dass die unmittelbaren Nachbarn des Turmes die heruntergekommen Mietskasernen von Hell's Kitchen und ein paar Vertreter jener seelenlosen Sorte New Yorker Apartmentgebäude sind, die einen an den sozialistischen Wohnungsbau der Stalinära erinnern, auch wenn die Wohnparzellen hier mit siebenstelligen Dollarpreisen nicht im Entferntesten so egalitär sind, wie ihr tristes Ambiente. So wirkt Fosters eleganter Optimismus wie eine große Geste, die Hearsts einstmals größenwahnsinnige Kraftprotzerei mit den wuchtigen Säulen und Streben in Ocker, wie sie der Duce nicht schöner hätte bauen lassen, zum historischen Ornament reduziert.

Doch was Fosters Arbeiten sonst auszeichnet ist der Balanceakt zwischen dem Spektakel einer architektonischen Sehenswürdigkeit und dem eleganten Understatement modernistischen Designs. Auch das Hearst Building verbindet diese beiden Ansätze, doch wo Fosters Londoner Swiss-Re-Gebäude, sein Millau-Viadukt oder seine Reichstagskuppel begeistern, fehlt seinem Amerikadebbut die Brillanz der Gedanken und Gesten. Der Turm ist ein wenig zu niedrig, die Stahlstreben wirken zu mechanisch, als sei der Glasturm mit einer Hydraulik nur für einen kurzen Blick dem Sockel geklappt worden.

Vielleicht hat Foster das genau so gemeint. Sitzt man in jenem vorhin erwähnten Taxi öffnet sich zwei Straßenblocks weiter der Columbus Circle, der mit seinen in jede Himmelsrichtung die dominierenden Elemente des New Yorker Stadtbildes vereint, die jedoch jede für sich nur Überbleibsel flüchtiger Konkjunkturepochen sind. Im Osten öffnet sich mit einem Reiterstandbild und einem Portal die neoklassizistischer Träumerei des Central Parks, im Norden steht ein protziger Rauchglasmonolith von Donald Trump, im Westen hat sich mit David Childs verspiegeltem Time Warner Center erstmals die Formensprache der Exurbia in Manhattan manifestieren können, und im Süden steht mit dem weißen Marmorquader der ehemaligen Huntington Hartford Gallery of Modern Art ein Denkmal des radikalen Pop der Sechziger Jahre.

Fosters Hearst Building wird schon bald die Blütezeiten des Immobilienbooms symbolisieren, als die Quadratmeterpreise erstmals in schwindelnde Höhen katapultiert wurden. Man muss allerdings ein ganzes Stück zurücktreten, um den größeren Kontext zu erkennen, in dem Fosters Hearst Building steht. Vom Westufer des Hudson River in New Jersey aus gesehen fügt sich das Hearst Magazine Building selbstbewusst ins Stadtbild ein. Man erkennt das Waffelmuster, die eleganten Oberflächen, die ein wenig zu kurz geratene Geste. Erst wenn der Sonnenuntergang die Skyline in goldenes Gleißen taucht bleibt von Foster Turm nur ein Tupfer ohne klare Konturen.



Videotrailer "Green Towers for New York" ansehen.




Zurück zum Inhalt