WIRTSCHAFTSFAKTOR ANTIAMERIKANISMUS

Die Folterbilder aus Abu Ghraib haben die Marke
Amerika so dauerhaft beschädigt, dass Wirtschaft und Kultur
um ihre Umsätze bangen.

© Andrian Kreye

New York 06.05.'04 - Eigentlich wollten sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion beim Tribeca Film Festival in New York mit dem Phänomen beschäftigen, dass anitiamerikanische Ressentiments und der Konsum amerikanischer Popkultur weltweit seit einigen Jahren parallel zunehmen. Einen lustigen Titel hatte man sich für den Abend ausgedacht: "Wir hassen euch, aber bitte schickt uns mehr Austin Powers". So hätte man mit vergnügter Lässigkeit über die Doppelmoral der Weltöffentlichkeit plaudern können, und über die damit verbundenen Veränderungen im Unterhaltungsgeschäft. Schließlich machen die Einnahmen aus Übersee bei großen Filmproduktionen inzwischen gute 60 Prozent des Umsatzes aus, was die Studios dazu zwingt, nicht mehr für ein amerikanisches, sondern ein globales Publikum zu produzieren.

Das hatte die Festivalleitung allerdings geplant, bevor die Folterbilder aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis in Bagdad um die Welt gingen. Deswegen wurde auch recht wenig über Film und viel über das Bild der Welt von Amerika geredet, das amerikanische Regierung und Wirtschaft seit einiger Zeit als "Brand America" bezeichnen - als Marke Amerika. Deren Wert ist allerdings an einem historischen Tiefpunkt angelangt, und so geriet die Veranstaltung zu einer Introspektive mit verzweifeltem Unterton.

Eine illustre Runde hatte sich eingefunden. Auf der einen Seite Journalisten und Filmemacher, die als Amerikaner in arabischen Ländern tagtäglich mit dem Image der USA in der moslemischen Welt konfrontiert werden. Dort also, wo sich der Widerspruch zwischen Antiamerikanismus und Amerikasehnsucht oft am ausgeprägtesten manifestiert. Der Kairokorrespondent der New York Times Neil MacFarquahr erzählte beispielsweise, dass er schon oft bei Demonstrationen gewesen sei, bei denen die Menge den Schlachtruf "Death To America" skandierte, ihn aber gleichzeitig die selben Leute gefragt hätten, ob er ihnen nicht ein Visum für Amerika besorgen könne. Doch man dürfe die Sehnsucht nicht überschätzen.

Gleich nach dem 11. September habe Bush mit der Ankündigung, der Kampf gegen den Terror sei ein immerwährender Kreuzzug und dem damit verbundenen Vergleich mit den christlichen Feldzügen durch die arabische Welt des Mittelalters unabsehbaren Schaden angerichtet. Von den Folterbildern ganz zu schweigen. So habe ihm der Mitarbeiter einer arabischen Public-Relations-Firma erst vor wenigen Tagen die Evolution seiner antiamerikanischen Gefühle beschrieben. Erst habe er George Bush gehaßt, dann die gesamte Regierung, mit dem Irakkrieg habe sich sein Haß auf das gesamte amerikanische Volk ausgeweitet, und mit den Folterbildern sei dieser Haß richtig persönlich geworden.

Die Radiojournalistin und Autorin Jacki Lyden, die lange in Afghanistan, im Irak und Iran gearbeitet hat, erzählte, dass sie in Kabul schon kurz nach dem Fall der Taliban erste Raubkopien amerikanischer Filme wie Shrek und Zorro auf dem Markt gefunden habe. Die magnetische Wirkung amerikanischer Popkultur könne also auch lange Zeiten fundamentalistischer Herrschaft überdauern. Doch sie habe in Falludschah zum ersten Mal gehört, dass Menschen dezidiert die amerikanischen Freiheiten per se ablehnten.

Dem widersprach Jay Snyder von der Beraterkomisssion für Öffentliche Diplomatie, die das amerikanische Außenministerium eingerichtet hat, um den Ruf der USA in der Welt zu verbessern. Psychologische Kriegführung nannte man diese so genannte Mediendiplomatie früher. Snyder pries seine Projekte wie den arabischsprachigen Fernsehsender Al-Hurrah und den Radiosender Al-Sawa als Erfolgsbeispiele an, als sei er Medienmogul und nicht Vertreter des öffentlichen Dienstes. Al-Sawa sei in acht arabischen Ländern die Nummer eins. Auch Al-Hurrah habe im übersättigten arabischsprachigen Markt eine Spitzenstellung eingenommen. Radio Al-Sawa hätte 1992 mit neunzigprozentigem Musikanteil angefangen, und den Nachrichtenanteil kontinuierlich gesteigert, ohne dass Hörerzahl gesunken seien. Das zeige seine Wirkung. Man müsse nur Geduld haben.

Die Journalistin Mariam Shahin, die seit vier Jahren im palästinensischen Ramallah lebt und dort für angesehene Fernsehmagazine wie Nightline und World News Tonight arbeitet, war anderer Meinung. Die arabische Öffentlichkeit würde die amerikanischen Sender nur laufen lassen, weil dort populäre Musik gespielt werde. Die Nachrichtensendungen würden in der arabischen Welt dagegen nur als Forum amerikanischer Positionen, niemals als Alternative zu arabischen Medien gesehen.

Doch nicht nur in der arabischen Welt hat die Marke Amerika schweren Schaden genommen. Der Chef der Werbeagentur DDB Worldwide Keith Reinhard gründete Anfang dieses Jahres die Agentur "Business for Diplomatic Action". Deren Aufgabe ist es, die Auswirkungen des weltweiten Antiamerikanismus auf amerikanische Firmen und Produkte zu untersuchen und einzudämmen. Die arabische Welt sei auch keineswegs ein Extremfall. Bei einer Umfrage in 35 Ländern, ob amerikanische Wertvorstellungen mit den eigenen übereinstimmten, sei Venezuela an erster und Deutschland an letzter Stelle gestanden. Vor allem die junge Generation empfinde Amerika längst nicht mehr als "cool", sondern immer mehr als Feindbild.

"Noch gibt es zu früh, die Folgen für die Wirtschaft abzusehen", sagte er. "Aber alle Anzeichen für eine Krise sind schon da." In der deutschen Stadt Hamburg gäbe es beispielsweise zehn Lokale, die weder Coca Cola ausschenken noch Marlboro-Zigaretten verkaufen oder American-Express-Karten akzeptieren würden. In Kanada hätten sich auf der Webseite der Zeitschrift Adbusters 36.000 Unterschriften für einen Boykott amerikanischer Produkte angesammelt. Nach einer Umfrage der Agentur Conrad Burnett vermeiden ein Viertel aller asiatischen Verbraucher ganz bewußt amerikanische Marken. Und auf dem globalen Index für internationale Markenwirkung der Firma Roper seien im Jahr 2003 fast alle großen US-Marken wie Nike, Disney, McDonalds und Microsoft gesunken, während europäische und asiatische Firmen wie BMW, Philips, Samsung und Sony stetig stiegen. Antiamerikanismus sei somit auch ein Wirtschaftsproblem.

Medien und Unterhaltung seien ein guter Weg, um dem entgegen zu arbeiten. Aber Reinhard gab zu, dass viele amerikanischen Versuche, die Meinung der Weltöffentlichkeit eben aus amerikanischer Sicht lanciert würden. Dazu käme, dass sich die Jugend gerade in traditionellen Gesellschaften für die übelste Sorte amerikanischer Unterhaltung begeistere - für Sex und Gewalt. Was den Eltern, Geistlichen und Politikern nur noch mehr Argumente liefere.

Wichtig sei es auch, das Verständnis im eigenen Lande zu fördern. Dazu zitierte er eine Umfrage unter High-School-Absolventen. "Vierzig Prozent kreuzten bei einer Frage zum Zweiten Weltkrieg an, die USA hätten gemeinsam mit Deutschland gegen Rußland gekämpft." Nun seien zwei Millionen US-Bürger im Ausland beschäftigt, außerdem würden jedes Jahr zweihunderttausend amerikanische Studenten ins Ausland gehen. Die fungierten als eine Art inoffizieller Diplomaten. Die müßten wenigstens in Grundzügen auf ihre Auslandsaufenthalte vorbereitet werden, um nicht das Vorurteil vom ignoranten, lauten und arroganten Amerikaner zu bestärken. Zudem müßten sich amerikanische Firmen ihrer Rolle und Aufgabe als globale Bürger bewußt werden. Die Unterhaltungsindustrie müsse versuchen, sich auf die Sensibilitäten anderer Länder einzustellen.

Die wirtschaftlichen Folgen des Antiamerikanismus seien auch nur die faktische Seite, gab es zu bedenken: "Wir sollten uns an unsere eigene Vergangenheit erinnern - an den Zweiten Weltkrieg, als der Haß auf die Regierungen von Deutschland, Japan und Italien schon bald in einen Haß auf die Völker dieser Länder umschlug." Die Wirtschaft müsse allerdings darauf regieren. Dazu zitierte er den Professor der Harvard Business School John Quelche: "Dieses Problem ist zu wichtig, um es der Regierung und den Behörden zu überlassen. Es sind die multinationale Firmen, die in eine Umkehr dieses Trends investieren müssen, um auf lange Sicht ihr Wachstum zu sichern."





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