Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sah sich die amerikanische Regierung genötigt durchzugreifen und das Fischen zu verbieten. Von Boston bis Los Angeles war das ganze Land nun besiedelt. Millionen strebten in die frisch industrialisierten Städte, hofften auf Ruhm, Reichtum oder wenigstens ein bißchen Wohlstand. Doch kaum hatte das urbane Leben in der Neuen Welt das Niveau europäischer Metropolen erreicht, plagte die Großstadtbewohner auch schon die nostalgische Sehnsucht nach unberührter Natur. Henry David Thoreaus “Walden or Life in the Woods" hatte das Genre des Nature Essay als Leitmotiv der amerikanischen Literatur etabliert und gleichzeitig den philosophischen Grundstock für das Conservation Movement des ausgehenden 19. Jahrhunderts geliefert. Während sich die Menschen in Europa mit den Höhen und Tiefen menschlicher Gefühle beschäftigten, trieb es das aufkeimende Bildungsbürgertum Amerikas in die Berge und Wälder ihres neu erschlossenen Kontinents. Neben dem Bergsteigen war es vor allem das Fischen, das den Städtern am Wochenende ein wenig von dem Gefühl zurückgeben konnte, was es heißt, sich die Natur untertan zu machen.
Bald schon liefen die Flüsse und Seen der Nation Gefahr, leergefischt zu werden, und so begann die Regierung das Fischen auf Bundesstaatsebene streng zu reglementierten. Drei Jahrzehnte später jedoch zogen die Amerikaner wieder zu Zehntausenden an die Flüsse und Seen. Diesmal nicht aus dem romantischen Ansinnen, sich mit der Natur zu messen, sondern weil die Weltwirtschaftskrise den Hunger ins Land gebracht hatte. Vor allem im Winter, wenn die Lebensmittelpreise in den Industriestädten des Nordostens parallel zu den fallenden Kältegraden anstiegen. Dann hackten die hungernden Menschen heimlich Löcher ins Eis, immer auf der Hut vor den strengen Park Rangers und den Inspektoren der Ämter für Wildlife Conservancy.
Aus genau dieser Zeit stammen die vier bunten Holzköder, die im neuen American Museum of Folk Art ordentlich aufgreiht am ersten Kopfende der Treppe in einem Schaukasten hängen. Vier bunt bemalte Holzfische, nicht weiter auffällig. Einer der vier stammt von einem unbekannten Schnitzer, die drei anderen von Oscar “Pete" Peterson, geboren 1897, der bis zu seinem Tode im Jahr 1951 in Michigan im Landkreis von Wexford County lebte. Weiter ist über ihn nichts bekannt.
In einem Antiquitätenladen würde man die Holzfische wahrscheinlich als kitschigen Plunder beiseite legen. Doch hier, im Kontext des American Folk Art Museum, bekommen sie plötzlich Gewicht und Bedeutung. Kann man an ihnen nicht ein halbes Jahrhundert amerikanischer Geschichte ablesen? Verbirgt sich in dem Ausdruck schelmischer Zufriedenheit auf den handgemalten Forellengesichtern nicht die heimliche Freude des Schnitzers, die Mängel der Great Depression, jenes komplexen Zusammenbruchs der industrialisierten Welt, durch den simplen, archaischen Akt des Eisfischens auszugleichen? Oder handelt es sich hier doch nur um die Überbewertung von sentimentalen Banalitäten? Gerade das Fischen zieht sich in der amerikanischen Literatur längst als Kitschklischee durch die unzähligen autobiografischen Romane ambitionierter Creative-Writing-Kursabsolventen, die versuchen, ihren Mangel an Erlebnissen dadurch auszugleichen, dass sie ihren Kindheitserinnerungen an den Angelausflug mit dem Vater Hemingwaysche Dimensionen verleihen.
Das neue American Folk Art Museum
in New York erstickt derlei Zweifel an der Wertigkeit naiver Kunst gleich mit der architektonischen Brillanz des neuen Gebäudes. Dabei gilt das östliche Midtown von Manhattan für Architekten als Herausforderung von Mount-Everest-Kaliber. Zwischen den Vereinten Nationen von Le Corbusier und Niemeyer, Philip Johnsons AT&T-Bulding und Ulrich Franzens Philip Morris Headquarter scheint es schier unmöglich, bemerkenswerte Spuren in der Skyline zu hinterlassen. Doch im Schatten des düsteren CBS-Hauptquartiers von Eero Saarinen, gleich neben der Baugrube für den künftigen Anbau des Museum of Modern Art, ist den New Yorker Architekten Tod Williams und Billie Tsien das scheinbar Unmögliche gelungen.
Dabei kann das neue American Folk Art Museum weder mit Wucht noch Größe aufwarten. Sechs Stockwerke hoch und kaum breiter als eines jener Brownstone-Bürgerhäuser im Greenwich Village, ist es sicherlich eine der kleinsten Sehenswürdigkeiten in Manhattan. Williams und Tsien haben auch keine avantgardistischen Gipfel gestürmt, sondern eine fast schon konservative Interpretation der Moderne abgeliefert. 63 Paneele aus Bronze verwandeln die Fassade in einen vielschichtigen Monolith, der vorsichtig mit dem spärlichen Licht in der Straßenschlucht der 53rd Street spielt. Die hellen, freundlichen Ausstellungsräume werden durch ein verschachteltes Konstrukt aus Treppen, Balkonen und Galerien verbunden, durch die das Tageslicht der Fassadenbrüche, Hinterfenster und Oberlichter fällt.
Da jubelte der Architekturkritiker Martin Filler in der New Republic: “Dieses Gebäude ist seit der Eröffnung von Wright's Guggenheim im Jahre 1959 das erlesenste Stück Architektur, das in New York entstanden ist." Und das für den vergleichsweise geringen Preis von 22 Millionen Dollar, was die Kritikerin Clare Henry zum süffisanten Hinweis nötigte, Rem Koolhaas' Pradageschäft in den ehemaligen Räumen des Guggenheim SoHo habe ja immerhin 40 Millionen verschlungen.
Gerade die gediegene, stilsichere Modernität aber ist es, die der Naivität der Eröffnungsausstellungen die nötige Gewichtigkeit verleiht, denn vor allem die Ausstellung “American Radiance" führt die Schwächen der Volkskunst vor.
“American Radiance" besteht aus den 400 Einzelstücken der Sammlung des Juweliers Ralph Esmerian. Auch die Fischköder von Oscar “Pete" Peterson gehören dazu. Daneben sind vor allem Bilder, Möbel und Gebrauchsgegenstände der deutschen Einwanderer in Pennsylvania zu sehen. Vieles glaubt man zu kennen. Weniger aus Museen und Galerien, als aus jenen Souvenirboutiquen in der amerikanischen Provinz, die nach Potpourri-Duftschalen riechen und Durchreisenden mangels lokaler Besonderheiten Massenanfertigungen sogenannter Amerikana verkaufen. Handebemalte Holzfiguren, Wetterfahnen und Briefkästen, Stickereien, Quilts und Flaggen in jeder nur erdenklichen Form.
Wegen der Kitschgefahr war Folk Art immer ein Feld, das in Sammlerkreisen eher belächelt wurde. “Ich habe 1966 mit dem Sammeln begonnen", erzählte Ralph Esmerian, der auch zum Vorstand der Museums gehört, der Kritikerin Clare Henry. “Damals hat das niemanden interessiert. Es gab gerade mal sechs oder sieben Händler. Das Whitney hatte seine Volkskunst abgestoßen und nicht einmal das Metropolitan stellte seine Sammlung aus. Anfang der 70er haben sie uns sogar gesagt, wenn wir ein ordentliches Gebäude hätten, würden sie sie uns schenken."
Erst in den letzten drei Jahrzehnten wandelte sich das Hobby auf dem Kunstmarkt zum ernstzunehmenden Genre. Die jüngere Geschichte der Folk-Art-Moden ist jedoch immer noch eine Geschichte der Sehnsüchte und Sentimentalitäten. Dazu gehörten neben den Artifakten aus der Heimat auch immer aktueller Sammelmoden. In den 70er Jahren begannen die etablierteren Mitglieder der Beatnik- und Hippiegeneration zum Beispiel die naive Kunst benachbarter Völker aufzukaufen. Was den Amerikanern der mexikanische Wandteppich war den Europäern das jugoslawische Hinterglasbild. Mit ihren Sammlungen lebten die Großstädter ihre Sehnsucht nach dem naturverbundenen Leben einfacher Gesellschaften aus. Während der zynischen 80er Jahre fügten die Sammler dem Kunstkanon Produkte aus den Maltherapien für Schwachsinnige hinzu. Während des Wirtschaftswunders der 90er entdeckten die Yuppies der Hi-Tech-Metropolen die erfrischende Primitivität afrikanischer Gebrauchskunst. In jeder Strömung steckte auch ein wenig neokolonialistischer Philorassismus, der das schlichte Gemüt der naiven Künstler zum unverdorbenen Genius verklärte.
So zeigt die zweite der beiden Eröffnungsausstellungen im American Folk Art Museum die Werke von Henry Darger (der bis Ende März auch in der Berliner Galerie Kunst-Werke ausgestellt wird). Darger war ein Eigenbrötler mit Hang zum religiösen Wahn. Zu seinen Lebzeiten irrte er oft durch die Straßen von Chicago und führte Selbstgespräche. Nach seinem Tod 1973 entdeckte man in seiner verwahrlosten Wohnung ein 30.000 Textseiten umfassendes Werk, in dem er eine hochkomplizierte Sagen- und Märchenwelt beschrieb, in der hermaphroditische Kindersklaven epische Kriege gegen die Welt der Erwachsenen führen, das er reichhaltig bebildert hatte. Die Kunstwelt kürte ihn daraufhin zur urbanen Version des edlen Wilden. Der New Yorker adelte ihn soeben als “American Rousseau".
Im selben Artikel beschrieb der New Yorker das neue American Folk Art Museum auch als “Pleasure Machine" und traf damit den Kern des Projekts auf den Punkt. Denn Folk Art, Volks- und Ethnokunst befriedigen ganz fundamentale Bedürfnisse, die sich mit den elitären Argumenten der Hochkultur nicht so einfach beiseite fegen lassen. Sie stimulieren nicht den Intellekt, sondern aktivieren die Gefühlswelt. Gerade in Amerika gehört die Heimatliebe zu einer der stärksten kollektiven Emotionen. Besonders nach dem 11. September, was die Museumsleitung in ihrer Erklärung zur Einweihung des Museums am 11. Dezember auch dazu veranlasste, darauf hinzuweisen, dass die Parallelität der beiden Daten doch ein Signal für die Erneuerung der geschlagenenen Stadt sein könnte. Erneuert wurde vor allem der Boom der Volkskunst. Nicht nur auf dem Kunstmarkt - auch in der Popkultur hält sie nun Einzug. Anna Suis neue Kollektion erinnert an Trachten aus dem Country Store, Ryan Adams neue Platte beschwört die Wurzeln des Outlaw Country und vom Jeansschneider Ralph Lauren bis zum Prollrapper Kid Rock gilt die Nationalflagge als schickes Accessoire.
Mag sein, dass Oscar “Pete" Petersons Fischköder erst durch den architektonischen Kontext zur Kunst erhoben werden und sich die historische Bedeutung erst durch die Erklärung erschließt. Aber genau das ist der besondere Verdienst des neues American Folk Art Museum - naive Heimatkunst so zu präsentieren, dass sie gleichwertig neben der Hochkultur bestehen kann, und gleichzeitig zu zeigen, dass Heimatliebe die freundliche Form des Patriotismus ist. Nur ein Zyniker würde da noch einen Einwand finden.
American Folk Art Museum, 45 West 53rd Street, New York, Dienstag bis Sonntag 10:00 bis 18:00 Uhr, Freitag bis 20:00 Uhr. “American Radiance: The Ralph Esmerian Gift to the American Folk Art Museum" ist noch bis zum 2. Juni 2002 zu sehen, “Darger: The Henry Darger Collection" noch bis zum 23. Juni 2002.