Alles ist erhellt

Die amerikanische Literaturkritik feiert Jonathan Safran Foer als ’neuen Philip Roth' und bejubelt seinen Debutroman als Entdeckung des Jahres.
© Andrian Kreye



Es macht Sinn, dass der Schriftsteller Jonathan Safran Foer nach Jackson Heights im New Yorker Bezirk von Queens gezogen ist. Nicht nur weil er dort in einem jener Apartmenthäuser wohnt, in denen Parkettböden, Stuckaturen und den gedrechselten Türrahmen ein wenig von der Herrschaftlichkeit europäischen Großbürgertums ausstrahlen. In Manhattan kann sich so etwas kein Mensch mehr leisten. Schon gar nicht ein 25jähriger Schriftsteller, der gerade seinen Magister der Philosophie an der Princeton University abgeschlossen hat. Deswegen ist Jonathan Safran Foer eben in dieses Einwandererviertel unter den Hochgleisen der U-Bahnlinie Sieben gezogen. Denn die halbe Million Dollar Vorschuß, die ihm seine Agentin für seinen ersten Roman "Everything Is Illuminated" (Houghton Miflin, New York, 276 Seiten, US $ 24,-) ausgehandelt hat, kamen erst lange nach dem Umzug. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, warum es Sinn macht, dass er hier lebt, sondern weil “Everything is Illuminated" über eine ganz ähnliche kulturelle Rückkoppelung funktioniert, wie das Soziotop von Jackson Heights.

In Jackson Heights leben vor allem Einwanderer, die erst seit kurzem im Lande sind. Mexikaner, Kolumbianer, Inder und Koreaner vor allem. Die haben sich hier in kleinen Gemeinden eingerichtet, mit Tempeln, Kirchen, Lokalen und Geschäften. Doch sie haben ihren Prozeß der Einwanderung nicht damit begonnen, sich ein Stück Amerika zu erobern. Vielmehr haben sie ihre eigene Vorstellung von Amerika, die sie in den Städten ihrer Heimat entwickelten, ins Ziel ihrer Träume importiert. Und so gleicht Jackson Heights eher den Einkaufsgegenden in den Arbeitervierteln von Guadalajara, Medellin oder Kalkutta. Mitten in New York haben sich die Einwanderer eine exakte Kopie jener Stadtviertel der Dritten Welt aufgebaut, in denen einfache Neonreklamen, sauber gefegte Fließenböden und übervolle Schaufenster eine Illusion vom Wohlstand Amerikas erzeugen sollen.

Einen ganz ähnlichen Kultursprung vollzieht Jonathan Safran Foer in seinem Roman mit einer der Hauptfiguren, dem Studenten Alex Perchov. Alex vermittelt diese freundliche Großspurigkeit, die Menschen an sich haben, für die ihre hochgesteckten Ziele und Träume schon zur Realität gehören. Alex träumt von Amerika und einen Teil seines Traums hat er sich schon erkämpft - die Sprache. Doch genauso wie die Einkaufspassagen der Einwanderer von Jackson Heights auf dem nebulösen Vorbild flüchtiger Fernsehbilder und ferner Erinnerungen basieren, gründet sich Alex' Sprache auf einer kruden Vorstellung des Englischen. Alex macht keine deutlichen Fehler beim Sprechen. Alles könnte so stimmen. Aber es stimmt nicht. Er hat sich die Sprache aus sekundären Quellen zusammengesammelt. Aus Büchern, Lexika und Fernsehfilmen.

Alex verdingt sich als Übersetzer für einen jungen, amerikanischen Juden, der mit einem alten Foto nach der Frau sucht, die seinen Großvater vor den Nazis gerettet hat. Der heißt auch Jonathan Safran Foer und arbeitet an einem Roman im Stile des magischen Realismus, über das über ein galizisches Dorf aus dem 18. Jahrhundert namens Tachimbrod. Spätere Briefe zwischen Alex und Jonathan sowie Teile des fiktiven Romanwerks bilden eigene Handlungsstränge, und so verwebt Foer ein komplexes Gefüge aus Sprach- und Denkebenen zu einem Roman, für den ihn die Kritiker schon zum Nachfolger von Philip Roth ernannten. Das klingt komplizierter, als es sich liest. Foer schreibt nicht komplex, sondern virtuos. “Seit Anthnoy Burgess' ’Uhrwerk Orange' wurde die englische Sprache nicht mehr so brillant zerfetzt und energetisiert", schrieb Francine Prose über Foers Roman in der New York Times. Der Schauspieler Liev Schreiber, der schon eine Option für die Verfilmung angemeldet hat, glaubte zunächst, das Buch stamme von einem ungefähr 75jährigen, erfahrenen Autor. Doch wenn Foer dann vor einem sitzt, im grünen T-Shirt und Jeans, eine ovale Nickelbrille auf der Nase, das dunkle Haar in kurzem Schopf, wirkt er eigentlich immer noch wieder eine Student.

Begonnen hat Foer den Roman als 20jähriger. Auch er unternahm einer Reise in die Ukraine. Auch er wollte damals nach der Frau suchen, die seinem Großvater während der Besatzung durch die Nazis das Leben gerettet hatte. Aber damit enden die Parallelen. “Ein kompletter Reinfall in jeder nur möglichen Hinsicht", war die Reise, wie er sagt. Und eines ist ihm wichtig: “Das ist kein Holocaustbuch, auch wenn der Holocaust natürlich eine wichtige Rolle spielt", sagt er. “Ich finde es immer schade, dass wir immer sofort an ’Das Tagebuch der Anne Frank' denken, wenn wir von jüdischer Literatur sprechen. Das ist natürlich ein ganz wunderbares Buch. Aber es gibt so viele Bücher, die voller Leben sind. Von Philip Roth oder Saul Bellow zum Beispiel. Und was an meinem Buch jüdisch ist, ist eben in erster Linie ein bestimmter Humor, eine Art freundlicher Ironie." Eine Ironie, die sich jedoch deutlich vom Zynismus ironischer Literatur absetzt. Mit einer hochintelligenten Leichtigkeit behandelt er Themen wie den Holocaust, die Wirrungen des postkommunistischen Osteuropa, Erinnerung, Freundschaft und Werte.

Bei so viel Vorschußlorbeeren für “Everything is Illuminated" und einer Startauflage von 40.000 Exemplaren wäre es nun die logische Konsequenz, dass sich Jonathan Safran Foer als neuer Liebling der Literatur herumreichen läßt. Doch er hat sogar auf eine Party für sein Romandebut verzichtet. Er schreibt schon an einem zweiten Roman. Der wird in einem Museum spielen, das einem fiktiven Autor gewidmet ist, dessen Mythos darauf beruht, dass er spurlos verschwand. Ansonsten widmet sich Foer seinen Projekten. Eine eigene Webseite hat schon eingerichtet ( http://www.theprojectmuseum.com), auf der er seine Aktionen ankündigt, die eine Art literarischen Aktionismus verfolgen.

Gerade läuft sein Self-Portrait Project an. Er hat 5000 goldene Bleistifte mit leeren Karten und adressierten Rückumschlägen in Plastiktüten gefüllt, die er an Bekannte, Besucher und während seiner Lesungen verteilt. Die Empfänger sollen schreiben, zeichnen, malen, und das Ergebnis an ihn schicken. Und dann gibt es noch sein Blank Page Project. Das läuft schon länger und die ersten Ergebnisse hängen schon zwischen den Bildern und Zeichnungen an der Wand seines Wohnzimmers.

Jonathan Safran Foer sammelt leere Manuskriptseiten von Autoren. Ein streng liniertes, deutsches Buchhaltungspapier von Helen DeWitt hängt da. Manuskriptbögen von Paul Auster, Siri Hustvedt, Susan Sontag und Richard Powers. Joyce Carol Oates hat ihm eines ihrer Manuskriptblätter geschickt, die sie in der Mitte falzt, damit sie sich schneller füllen. “Mit dem hier fing es an", sagt er und deutet auf einen Rahmen mit einem leeren Blatt Papier in der amerikanischen Standardgröße Lettersize darin. “Das ist von Isaac Bashevis Singer", sagt er. “Ein Freund von mir arbeitete für seinen Nachlaß. Die wollten all diese Stapel leeres Schreibmaschinenpapier wegwerfen. Neben der Schreibmaschine lag da noch ein Block. Da habe ich mir das oberste Blatt abgerissen. Das wäre das Blatt gewesen, das er als nächstes beschrieben hätte."

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