Saddam Hussein war sich wahrscheinlich gar nicht bewußt, was er für ein perfektes Gespür für die Bedürfnisse des historischen Zeitgeistes bewiesen hatte, als er am 2. August 1990 in Kuweit einrückte. Der Kalte Krieg war zu Ende und die USA sahen sich plötzlich als einsame Weltmacht auf verlorenem Posten. Es war am 11. September 1990, als George Bush der Ältere vor dem amerikanischen Kongreß jene historischen Worte sprach, die das postideologische Zeitalter einleiten sollten: “Aus diesen schweren Zeiten kann eine neue Weltordnung wachsen. Hundert Generationen haben nach diesem Weg zum Frieden gesucht, tausend Kriege geführt. Doch heute kämpft diese Welt darum, geboren zu werden. Eine Welt, ganz anders als jene, die wir kennen." Das klang damals einen Moment lang, als hätte der amerikanische Präsident das Ende des Hobbesschen Zeitalters erklärt und genau jenes Kantsche Paradies vom ewigen Frieden ausgerufen, das Robert Kagan dieses Jahr in seinem Essay “Macht und Ohnmacht" als Modell europäischer Weltfremdheit beschrieb.
Der französische Politologe Jean-Christophe Rufin beschrieb die kurze Zeit zwischen dem Ende des Kalten Krieges und dem Beginn des Golfkrieges als Übergang vom hegelianischen Optimismus, wie er sich beispielsweise in Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte manifestierte, zur polybischen Ideologie. Rufin war nicht der einizge, der das römische Reich nach dem Niederbrennen Karthagos als Vergleichsmodell für die USA nach dem Mauerfall heranzog. Aber er war der Erste, der Polybios zitierte, jenen griechischen Geschichtsschreiber und Freund des Eroberers Scipio. Der hatte nach dem Fall Karthagos die universelle Mission einer imperialen Verantwortung formuliert, bei der sich das römische Reich über den Gegensatz zu den Barbaren definierte.
Sein Nachfolger werden es der westlichen Welt nicht so einfach machen. Kim Jong Il besitzt Atomraketen. Ebenso vermutlich die iranische Theokratie. Osama Bin Laden ist nur der Kopf einer antimodernistischen Hydra, die es sich zum Ziel gesetzt hat, dem Zeitalter der Aufklärung ein grausames Ende zu bereiten. Dagegen war Saddam Hussein ein durch und durch konventioneller Feind. Und damit schon ein Anachronismus.
Saddam ist gefaßt. Nun heißt es Abschied nehmen, denn am Sonntag ging die Geschichte einer wunderbaren Feindschaft zu Ende. 13 Jahre, 4 Monate und 12 Tage lang hatte der irakische Diktator mit Bravour das ideale Feindbild abgegeben. Er hatte einen Zwergstaat überrannt, Jerusalem mit Raketen beschossen und den gesamten Nahen Osten bedroht. Er hatte seine eigenen Bürger geknechtet, gefoltert und vergast, seine Schwiegersöhne hinrichten lassen und Abtrünnige höchstpersönlich erschossen. Damit eignete er sich ganz hervorragend für schlagzeilentaugliche Alliterationen - Saddam der Sadist, der Tyrann vom Tigris, der Barbar von Bagdad. Und es war genau diese Mischung, mit der er sich so perfekt für eine weltgeschichtliche Rolle eignete, die weit über die Golfregion hinausging.
Allerdings war die Neue Weltordnung ein viel zu abstrakter Begriff, um den Rest dieser Welt zu vereinen. Mit der KSZE-Tagung in Paris ging drei Monate später nicht nur der Kalte Krieg, sondern auch das Zeitalter der ideologischen Sicherheiten zu Ende. Über 40 Jahre lang hatte sich der Westen über seine Antithese im Osten definiert. Man hatte gewußt, wo der Feind stand. Das hatte klare Verhältnisse geschaffen. Kaum war die Mauer gefallen, hatte deswegen auch eine fieberhafte Suche nach einem neuen Feindbild begonnen. Die internationale Drogenmafia und der Islam standen kurz zur Debatte, doch letztendlich waren das keine Feinde, sondern diffuse Bedrohungen.
Ergo Saddam Hussein. Ein Schlächter und Tyrann, der es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht hatte, jeden einzelnen Paragraphen der Menschenrechtserklärung mit Füßen zu treten und doch der Führer eines souveränen Staates war. Die ideale Mischung aus Barbar und konventionellem Gegner. So konnte er zu jenem gemeinsamen Nenner werden, den die gesamte zivilisierte Welt als Feinbild akzeptieren und als Grundlage für ein neues, bipolares Weltbild nehmen konnte.
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