Seit den 70er Jahren sind in Brasilien mehr als 30 Millionen Menschen vom Land in die Stadt gezogen. Fast alle in den staats- und rechtsfreien Raum der Favelas, in denen es keine Infrastrukturen und keine sozialen Einrichtungen gibt. Seit sich die befreiten Sklaven 1888 in den Hügeln über dem Hafen von Rio ein paar Hütten zusammenzimmerten, hat sich keine Regierung und kein Amt um die Armenviertel gekümmert. In Rio gibt es heute rund 700 Favelas, in Sao Paolo über 2000. Einige sind im Laufe der Jahre regelerecht zu eigenständigen Städten angewachsen. So wie die mit 200.000 Einwohnern größte Favela Südamerikas Roçinha im Südosten von Rio. Im Jargon der Globalisierungskritiker ist das brasilianische Wort Favela heute das Synonym für die Verelendung der Drittweltmetropolen. Gerade für einen Politiker wie den brasilianischen Präsidenten Inacio “Lula" da Silva, der seine linke Gesinnung während der Militärdiktatur der 70er und 80er Jahre als Gewerkschaftsführer gestählt hat, sind sie die steingewordene Symbole für das Versagen des Staates und die Aussichtslosigkeit des hiesigen Klassenkampfes. Kein Wunder also, dass er seinen Krieg gegen die Armut in den Hügeln von Rio begann.
Der Weg nach Roçinha führt durch die Villenviertel von São Conrado. Gleich hinter den Pavillons der American School stehen Einsatzpolizisten mit ihren Sturmgewehren und Kevlarrüstungen und beäugen mißmutig den Eingang zur Favela. Wenige Schritte weiter türmen sich schon die dicht aneinandergedrängten, mehrstöckigen Baracken in den Himmel.
Weiter oben hat man einen grandiosen Blick über das Tal von São Conrado und die Wolkenkratzer unten am Strand. Eine fast bürgerliche Kleinstadtstimmung herrscht hier am Nachmittag. Es leben ja nicht nur Arbeitslose und Verbrecher hier, auch wenn die brasilianischen Boulevardmedien das tagtäglich so zeigen. Im Gegenteil. Die meisten der Favelistas haben Jobs. Als Handwerker und Zimmermädchen, Fremdenführer und Taxifahrer.
Erst wenn man sich in das Labyrinth der Gassen schlägt, wenn das Licht nach ein paar Ecken und Winkeln nur noch ein diffuser Schimmer von oben ist, kann man etwas vom Elend erahnen. Durch die offenen Türen blickt man in hastig verspachtelte Räume, kaum einer größer als fünf bis zehn Quadratmeter mit klaustrophobisch niedrigen Decken. Sofas stehen vor laufende Fernsehern, die abgewetzten Polster mit Tüchern bedeckt. An manchen Ecken aben sich Kramläden und Stehbars eingerichtet, aus denen Sambahits schmettern. Überall riecht es nach den Fäkalien der offenen Sickergruben und dem Moder der leckenden Wasserrohre. Und dann sind da die allgegenwärtigen Späher der Gangs. Junge Burschen mit Baseballkappen und mißtrauischem Blick. Die tragen Walkie-Talkies und lange Pappröhren, mit denen sie Knallkörper über die Dächer schießen können. Als Warnung vor der Polizei.
Die Favelas waren aber auch der Grund dafür, dass Rio
zusammen mit Las Vegas, Los Angeles und Hongkong schon immer eine der Lieblingsstädte der Urbanisten war. Weil sich die städtebaulichen Entwicklungen dort so deutlich vollziehen, dass man sie wie in einem Laborversuch studieren kann. Überall in der Stadt prallen die städteplanerischen Utopien der Modernisten wie Oscar Niemeyer und Lúcio Costa mit dem kommerziellen Wahnsinn der Spekulanten und Hoteliers aufeinander. Und dazwischen eben die Favelas - eine Art organischer Städtebau mit archaischen Mitteln, der wie ein urbaner Folklorismus überall dort blüht, wo die Stadt eine Nische freigelassen hat.
In Rio soll das Programm erstmals die strukturellen Probleme der Favelas in ihrer ganzen Komplexität erfassen. Favelas mit einer Einwohnerzahl unter 10.000 können sich derzeit an einem Aufbauprojekte beteiligen. Die Favela Rua Canoa, nicht weit von Roçinha am Rande eines bürgerlichen Wohnviertels gelegen, konnte sich mit ihren 3000 Anwohnern qualifizieren. Bisher sind es nur Details, die das Viertel von den anderen Favelas unterscheidet. Die neuen Zähler für legalen Strom, die Pumpen für sauberes Wasser von der Stadt, die neuen Straßenschilder die den durchnumerierten Gassen einen Namen geben. Sogar einen Kinderhort gibt es nun dort, auch wenn der noch vom italienischen Rotary Club bezahlt wird.
Fast alle lateinamerikanischen Länder hatte er schon auf seiner Seite. Dazu China und fünf Staaten des südlichen Afrika. Eine Allianz nach dem Vorbild der blockfreien Staaten will er schaffen. Nur so kann er sich finanziell und weltpolitisch den Rücken freihalten, um die Probleme seines Landes zu meistern. Die G-8-Staaten waren nicht amüsiert. Im Vorfeld der Verhandlungen um die Schaffung der gesamtamerikanischen Freihandelszone FTAA in diesen Tagen gelang es den USA, Lulas Allianz weitgehend zu zerschlagen. Noch ist der ungleiche Machtkampf nicht entschieden. In den Gassen von Roçinha und Rua Canoa wird man jedoch als Erstes spüren, wie er letztendlich ausgeht.
Die Favelas von Rio de Janeiro, jene legendären Armenvierteln, die wie urbaner Wildwuchs über die Felsberge der Stadt wuchern, sind einer der besten Orte, um zu beobachten, wie eine konsequent deregulierte Gesellschaft funktioniert. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage haben hier Kräfteverhältnisse geschaffen, die in der Dynamik des Faustrechts endgültige Machtpositionen zementieren. Und weil die einzigen Exportartikel der Favelas billige Arbeitskräfte und teures Rauschgift sind, bestimmen junge Männer mit schweren Waffen und gewichtigen Goldketten das Leben der stillen Mehrheit, die sich tagsüber ihren redlichen Lebensunterhalt in der Serviceindustrie verdient.
In engen Kurven zieht sich die Hauptstraße von Roçinha den Berg hinauf. Bevor sich die Zuzügler aus dem verarmten Nordostens des Landes Mitte der 50er Jahre hier niederließen, war das die Formel-1-Strecke von Rio. Kein Quadratmeter bleibt hier ungenutzt. Ladengeschäfte haben ihre Auslagen auf die Trottoirs gestellt. Dazwischen verschwinden namenlose Gassen im Gewirr der Gebäude. Nach einer Art Baukastensystem setzen die Favelabewohner Stockwerk auf Stockwerk, das verwandelt die Gassen zwischen den Häusern in stickige Canyons, in die kein Tageslicht dringt. Ein Wust aus Kabelsträngen baumelt zwischen den Baracken. Strom bezahlen hier nur die Anrainer der richtigen Straßen, doch davon gibt es nur drei, obwohl sich Roçinha immerhin über zwei großflächige Bergflanken zieht.
Für die meisten bürgerlichen Brasilianer sind die Favelas eine fremde, bedrohliche Welt. Für die Außenwelt hatte die Mischung aus Verbrechen und Samba schon immer eine ganz besondere Anziehungskraft. Als Orson Welles Anfang der 40er Jahre in Rio an den Dreharbeiten zu seinem Südamerikaepos “It's All True" verzweifelte, schlug er sich die Nächte in den Nachtclubs der Armenviertel um die Ohren. 15 Jahre später setzte der französische Regisseur Marcel Camus der Favelaromantik mit ihren Klischees von den fröhlichen Slumbewohnern in dem Film “Orfeu Negro" ein Denkmal. Eine Romantik, die sich bis heute gehalten hat. Einer der wichtigsten Nachtclubs von Paris heißt “Favela Chic", in dem die französischen DJs importierte Samba- und Brasilrap-Platten spielen. Inzwischen hat die Favelaromantik sogar die Bürgerkinder von Rio erfaßt. Zum Entsetzen ihrer Eltern ziehen sie am Wochenende auf die Tanzparties der Drogengangs, und so manches brave Mädchen hat sich dort auf ein Abenteuer eingelassen, oder ist gar zu einer “Maria Fuzil" geworden, einer “Flintenmarie", wie die Freundinnen der Drogenändler genannt werden.
Präsident Lula da Silva weiß natürlich, dass keine Macht der Welt die Favelas abschaffen kann. Sie sind längst fester Bestandteil der brasilianischen Großstadtkultur. Doch er weiß, dass er trotzdem eingreifen muß. Nur wenn der Staat wieder Fuß faßt, haben die Bewohner der Favela eine Chance, sich aus dem Teufelskreis aus Armut und Gewalt zu befreien. Doch Lula ist auch Realist. Seine Sozialministerin Benedita da Silva wuchs zwar in einer Favela von Rio auf, der Minister für Ernährungssicherung Jose Graziano, der das Armutsbekämfpungspgrogramm “Fome Zero", zu deutsch “Null Hunger", leitet, ist dagegen ausgebildeter Ökonom. Mit denen vollführt er einen Balanceakt zwischen progressiver Sozial- und konservativer Finanzpolitik. Neue Steuergesetze sollen nun umgerechnet fünf Milliarden Euro für seinen Kampf gegen die Armut mobilisieren. Er will den Mindestlohn von rund 50 Euro pro Monat verdoppeln. Und als symbolischen Akt verschob er den Ankauf neuer Kampfjets für die Armee, um das Budget für “Fome Zero" zu erhöhen.
Viel hat Präsident Lula da Silva noch nicht erreicht, da ist man sich einig. Aber den guten Willen rechnet man ihm hoch an. Die wichtigsten Schlachten in seinem Krieg gegen die Armut ficht er allerdings nicht in den Gassen der Favelas, sondern an den Verhandlungstischen der Globalwirtschaft. Er will Brasilien aus der Knechtschaft der internationalen Wirtschaftsorganisationen befreien. Die Beispiel der Nachbarstaaten Argentinien und Venezuela haben ihm deutlich gezeigt, was passiert, wenn sich die Regierung eines Schwellenlandes von Institutionen wie dem Weltwährungsfond oder der Weltbank in die Enge treiben lassen. Dann verarmt sogar das Bürgertum bis zum Hungern. Die Schuldigen hat er schon ausgemacht - die Staaten der G-8. So hat Lula da Silva seit Beginn seiner Amtszeit eifrig Partnerstaaten im Kampf gegen die Übermacht der Industrieländer rekrutiert. Immerhin - Brasilien stellt die elftgrößte Wirtschaft der Welt. Das gibt seinen Argumenten Gewicht.
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