Als die Fania All Stars am vergangenen Wochenende das fünfzigste Bühnenjubiläum ihres langjährigen Chefs Johnny Pacheco mit einem furiosen Konzert im Theater des Madison Square Garden feierten, kam es deswegen zu den üblichen pan-amerikanischen Jubelritualen, bei denen sich die demografische Zusammensetzung der New Yorker Latinogemeinde recht gut abschätzen lässt. Sagte ein Sänger oder Conferencier beispielsweise “Puerto Rico" explodierte der Saal nach wie vor in hysterischem Gejohle, während die Antwort auf die Nennung von Ländern wie Kuba, Peru oder Chile inzwischen nur noch matt ausfällt. Dafür sind die Reaktionen auf Kolumbien oder Venezuela in den letzten Jahren immer lautstarker geworden.
Solch lokalpatriotischer Applaus hatte bei New Yorker Salsakonzerten schon immer etwas mit dem Verlauf von Bürgerkriegen, Wirtschaftsmigrationen und der sozialen Mobilität von Einwanderungsgruppen zu tun, vor allem aber mit der Frage nach der Identität, die von den Fania All Stars in den Siebziger Jahren nicht so sehr mit Texten, als mit einer Musik beantwortet wurde, die eine eigenständige Identität der Latinos in Nordamerika manifestiert.
Noch ist es nicht soweit. Zumindest erntete Johnny Pacheco auf die Frage, wer im Saal denn kein Spanisch spreche allgemeines Gelächter. 1964 gründete der Flötist, Komponist und Arrangeur gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Jerry Mascucci die Plattenfirma Fania, die als Epizentrum der Salsabewegung die Karrieren von Stars wie Héctor Lavoe, Ruben Blades, Willie Colón und Ray Barretto lancieren sollte. Der Zeitpunkt war perfekt. Mit den späten Sechziger Jahren suchten auch die Latinos in den USA nach einer eigenen Identität. Die Young Lords waren das puertorikanische Äquivalent zu den Black Panthers. Statt dem ethnozentrischen "La Raza" der Chicanos im Westen spielten die Latinos an der Ostküste allerdings mit Slogans aus dem Sozialismus und den Einwandererkulturen. Aus "Mi Pueblo" wurde "Mi Gente", aus "Cosa Nostra" wurde "Nuestra Cosa". Und Fania lieferte die Musik dazu. Das Label produzierte Platten, auf denen lateinamerikanische Musik nur noch wenig mit den melancholischen Wurzeln in der Karibik und Südamerika zu tun hatte und stattdessen eine Melange aus den polyrhythmischen Stilmitteln der Karibik, der Virtuosität des Jazz und der aggressiven Direktheit des Rock entwickelte, die für eine eigene Identität der Latinos in den amerikanischen Grosstädten stehen konnte.
1968 versammelte Pacheco dann die Besten und Bekanntesten des Labels als Fania All Stars. Musikalisch unterschieden sich die Fania All Stars von den damals so modischen Supergruppen des Rock und Jazz dadurch, dass sie eine Musik spielten, deren Kern von den kollektiven Perkussionsritualen der Karibik zusammengehalten wurde. So waren sie niemals nur spekulative Ansammlung grosser Egos, sondern immer ein synergetisches Gipfeltreffen begnadeter Musiker und Sänger.
Das Publikum dankte es den All Stars mit wiederholtem Mitklatschen, das den wenigen Gringos im Saal auch gleich demonstrierte, warum Salsa trotz ihrer mitreißenden Dynamik und Zugänglichkeit in letzter Instanz immer die Subkultur der kosmopolitischen Latinos geblieben ist. Ohne einen Fehlschlag klatschten sie den Clave mit, den synkopierten Grundrhythmus, der in der Salsa die traditionellen mathematisch symmetrischen Takte der abendländischen Musik ersetzt. Den kann man kaum lernen, höchstens imitieren. Genauso ist das ja auch mit der Identität.
New York im Oktober '06 - In der Geschichte des Pop gehören die Fania All Stars zusammen mit den Rolling Stones, James Brown und Prince zu den Konzerterlebnissen, die bei ihren Konzerten über die Jahre hinweg jene Sorte Energie und Musikalität produzieren, die sich nicht auf Platte wiedergeben lässt. Und ähnlich wie die Stones, James Brown und Prince standen die Fania All Stars zu Beginn ihrer Karriere nicht nur für eine neue Musik, sondern auch für eine neue Identität. Weswegen sie für Lateinamerikaner weltweit auch eine ähnliche Bedeutung haben wie die Stones f¨ür die Jugend, James Brown für das schwarze Amerika und Prince für die postethnische Gesellschaft.
5.600 Fans waren an diesem Abend gekommen. Das ist zwar kein Vergleich zu den 44.000 New Yorkern, die im August 1974 ins Yankee Stadium strömten, oder den 80.000 afrikanischen Fans, die sich die Fania All Stars im Oktober desselben Jahres im Nationalstadion von Zaire anhörten. Doch in Vergessenheit sind sie keineswegs geraten und wenn im Dezember der Film “El Cantante" in die amerikanischen Kinos kommt, den Jennifer Lopez produziert hat und in dem ihr Mann Marc Anthony das Leben des größten aller Fania All Stars Héctor Lavoe spielt, dürfte sich auch der Rest Amerikas wieder an jene lateinamerikanischen Superstars erinnern, die gemeinsam eine Kulturrevolution begannen, die bis heute andauert.
Heute sind die Reihen etwas dünner geworden. Héctor Lavoe, Celia Cruz und Ray Barretto sind verstorben, Ruben Blades hat es nach Hollywood und Willie Colón in die Politik verschlagen. Doch der Kern der Truppe stand noch mit dem 71jährigen Pacheco auf der Bühne. Roberto Roena an den Congas, Bobby Valentin am Bass, Papo Lucca am Klavier, Yomo Toro an der zehnseitigen Quatro-Gitarre, die meisten der nicht ganz so bekannten Trompeter, Posaunisten und Perkussionisten von damals. Die katapultierten die Sänger Ismael Quintana und Adalberto Santiago in jene musikalischen Sphären, in denen ein Sänger seine Stimme wie im Trancezustand um die ostinaten Polyrhythmen legen kann. Es war allerdings der venezolanische Stargast Oscar D'Leon, der dann den Geist Héctor Lavoes aufleben ließ und die Strophen auflöste, um sie mit einem unfehlbaren Gespür für Phrasierung und Spannungsbögen sein Eigen zu machen.
Fania All Stars
"Ponte Duro"
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