FETTE JAHRE

In Amerika ist ein Kulturkampf ums Essen entbrannt.
© Andrian Kreye

Zu fett, zu süß, zu viel - wie jedes Jahr haben sich die Christenmenschen in diesen Tagen im Namen des Herrn einen ordentlichen Ranzen angeschlemmt. Wer kann es ihnen verdenken? Bratenduft und der Geruch frisch gebackener Kekse zog durch die Häuser. Zuckergüsse und Gänsekrusten lockten mit verführerischem Glanz. Spätestens am Neujahrstag werden sie reumütig Mäßigung geloben, sie werden fasten und sich vielleicht sogar in einem Fitnesstudio für ihre Sünden kasteien.

Glaubt man dem Neuropsychologen Steven Pinker, dann kann man sich die Reue sparen. Nach den Erkenntnissen der Verhaltensgenetik sind Heißhunger und Maßlosigkeit Botschaften aus einer fernen Vergangenheit, als Zucker, Fett und Salz noch seltene Schätze waren, die unsere Vorfahren wann immer möglich auf Vorrat horten mußten. Von diesen Botschaften, so Pinker, lebt heute eine ganze Industrie, die nichts anderes tut, als mit Lockstoffen unseren Trieb zu aktivieren.

Wer einmal durch ein amerikanisches Einkaufszentrum spaziert ist, der weiß, wie aggressiv diese Industrie dabei vorgehen kann. Zentrum jeder Shopping Mall ist eine strategische Zusammenballung aus Selbstbedienungslokalen und Imbißständen, der so genannte Food Court. Da duftet es nach gebuttertem Popcorn, gebratenem Rindfleisch und frischem Zimtgebäck. Wer in eines dieser olfaktorisches Minenfelder mit leerem Magen gerät, ist hoffnungslos verloren.

Um die kleinen kulinarischen Schwächen ist in Amerika eine Debatte entbrannt, die weit über die üblichen Diskussionen um gesundes Essen und schädliches Fast Food hinausgeht. So schrieb die New York Times: “Auf dem Schlachtfeld der Ernährung haben sich die Fronten verhärtet. Hier bahnt sich der Kulturkampf des neuen Jahrhunderts an." Dabei geht es längst nicht mehr um Fragen der Ästhetik oder der Moral, sondern um knallharte Zahlen.

Laut einer Studie, die das Bundesamt für Gesundheitsstatistik in Maryland im Oktober veröffentlichte, sind fast 65 Prozent aller erwachsenen Amerikaner übergewichtig. Die Anzahl dicker Kinder verdreifachte sich in den letzten 20 Jahren auf rund 15 Prozent. Das wirkliche Problem sind jedoch die 59 Millionen Amerikaner, die unter Fettleibigkeit leiden - rund ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung. Von ihnen werden nur 15 Prozent ihr normales Lebensalter erreichen. Über 300.000 Amerikaner sterben jedes Jahr an den Folgen der Verfettung. Das sind fast so viele Tote wie durch die Folgen des Rauchens.

Der Kampf gegen den Tabak, der in den letzten zehn Jahren auf sämtlichen gesellschaftlichen und institutionellen Ebenen geführt wurde, war eine der erfolgreichsten gesellschaftlichen Veränderungen in der Geschichte Amerikas. Dort stufen Soziologen das Rauchen inzwischen als abweichendes Verhalten ein - wer raucht gilt in Amerika als Versager, Schwächling, Asozialer. Das Argument der Tabakindustrie, der Kreuzzug sei ein Angriff der Genußfeinde auf die Bürgerrechte der Raucher verpuffte während der Prozesse gegen die Konzerne in den Statistiken: nach Angaben des Center for Disease Control kostet Rauchen die amerikanische Volkswirtschaft alljährlich rund 158 Milliarden Dollar.

Auch die Fettleibigkeit wurde jetzt zum negativen Wirtschaftsfaktor erklärt. Das amerikanische Gesundheitsministerium veranschlagte den Schaden auf jährlich 117 Milliarden Dollar. Das ist kein frivoles Zahlenspiel, vielmehr wissen die Gesundheitswächter in Washington, dass Debatten in Amerika nur dann zu Ergebnissen führen, wenn sie auf rein pragmatischen Ebene geführt werden. Und es gibt kein pragmatischeres Argument, als das Geld. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es für Übergewicht mehrere Ursachen. Die genetischen Grundlagen gehören da genauso dazu, wie eine Arbeitswelt ohne körperliche Bewegung. Doch das sind keine Erklärungen für die epidemische Ausbreitung der Fettsucht in den Industrienationen. Die liegen nach Ansicht von Ernährungswissenschaftlern und Soziologen in den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre.

Kritiker der Lebensmittelindustrie wie Eric Schlosser, Autor des Bestsellers “Fast Food Nation" (HarperCollins, 2001, $ 13,95) stilisieren die Debatte ums Essen zu einem Kampf der machtlosen Konsumenten gegen eine allmächtige Lebensmittellobby. Die Ernährungswissenschaftlerin und ehemalige Beraterin des Gesundheitsministeriums Marion Nestle weist in ihrem Buch “Food Politics" (University of California Press, 2002, $ 29,95) nach, wie die Deregulierung der Nahrungsmittelindustrie während der 80er und 90er Jahre den Niedergang der amerikanischen Volksgesundheit beschleunigte. Das Grundproblem sieht Nestle darin, dass die Industrie Lebensmittel nicht wie Nahrung behandelt, sondern wie Produkte, die von Marktforschern nach dem Geschmack der Kundschaft entwickelt werden.

Womit wir wieder bei Steven Pinker wären. Kein Mensch würde freiwillig jeden Morgen Hafer fressen. Deswegen verbergen sich in einer Schale Frühstücksflocken im Schnitt drei Löffel Zucker und mehr Fett als in einem Hamburger. Der Chef einer Dosenfirma gab kürzlich zu, auch er finde seine Suppen furchtbar und versalzen, doch die Käufer wollten das.

Im Sommer versuchten die ersten amerikanischen Gesetzgeber auf Regierungsebene gegen die Volkskrankheit Fettsucht vorzugehen. Senatoren aus Connecticut, Tennessee und New Mexico planten einen durchgreifenden Gesetzesentwurf namens “Obesity Prevention and Treatment Act". Als sie das Gesetz endgültig einreichten, hatten sie es allerdings schönfärberisch zum “Improved Nutrition and Physical Activity Act" umbenannt. Der verbale Umschwung vom Kampf gegen die Fettleibigkeit zum Programm für bessere Ernährung und Leibesertüchtigung zeigte die Widerstände, mit denen die Ritter der Volksgesundheit zu kämpfen haben, denn hinter solche Wortklaubereien steckt in Washington zumeist aufwendige Lobbyarbeit.

Solche Methoden erinnern an die Anfänge der Kämpfe gegen den Tabak. Kein Zufall Zwei der drei größten Erzeuger von Lebensmitteln in den USA waren ursprünglich reine Zigarettenfirmen - Philip Morris und R.J. Reynolds. Und so werden die Kritiker wieder als Genußfeinde denunziert, der uneingeschränkte Konsum Fett und Zucker von Organisationen wie “Consumer Freedom" zum Bürgerrecht stilisiert, Gesetze mit Druck der Lobbyisten und viel Geld verhindert. Dabei ist die Lebensmittelindustrie ein mindestens so starker Gegner wie die Tabakindustrie. Rund dreißig Milliarden Dollar wenden die Nahrungsmittelproduzenten jedes Jahr für die Vermarktung ihrer Produkte in Amerika auf.

Die Lebensmittelindustrie wird die Erfahrungen der Zigarettenchefs gut brauchen können. John Banzhaf, Juraprofessor an der George-Washington-Universität, der 30 Jahre lang die Tabakindustrie bekämpfte, sieht eine ähnliche Prozeßwelle auf die Lebensmittelkonzerne zurollen. In New York reichte der Anwalt Samuel Hirsch dieses Jahr die ersten Zivilklagen fettleibiger Mandanten ein. Der Hausmeister Caeasar Barber hatte sich bei McDonalds und Burger King einen mächtigen Wanst angefressen. Zwei Knaben wogen nach jahrelangen Besuchen bei McDonalds das Doppelte ihres Normalgewichtes. Für Banzhaf sind solche Prozesse die Speerspitze einer gesellschaftlichen Umwälzung, wobei er einen entscheidenden Unterschied zu den Tabakprozessen sieht: “Nahrungsmittelerzeuger könnten ihre Produktpalette verbessern, ohne ihre Firmenstruktur von Grund auf verändern zu müssen."

Fettsucht als Volkskrankheit ist übrigens kein typisch amerikanisches Problem. In Deutschland gelten rund 50 Prozent aller Erwachsenen als übergewichtig. Ein gutes Fünftel der Bevölkerung leidet unter Fettsucht. Nur an McDonalds, Coca Cola und Pepsi kann es nicht liegen. Auf dem Weltmarkt schaffen es die klassischen Symbolträger der amerikanischen Fastfoodkultur hinter europäischen Herstellern von Fertignahrungsprodukten wie Nestlé, Unilever und Danone nicht einmal in die Top 10.

In Europa beschränkt sich die Debatte allerdings weitgehend auf die persönliche Frage nach gesunder Ernährung. Doch selbst wenn die Gesellschaft die Verantwortung dem einzelnen überträgt, wenn der Kampf für die Volksgesundheit nicht von Parlamenten und Gerichten ausgefochten wird, gibt es einen Weg zum Erfolg. In den USA verlor McDonalds in den letzten vier Jahren zwei Drittel seines Kurswerts, weil die Kunden lieber neue Imbißketten wie Blimpies besuchen, wo es Sandwiches mit frischem Salat zu kaufen gibt. Und das bleibt letztendlich die schlagkräftigste Waffe der Verbraucher - die Verweigerung der Kaufkraft. Auch wenn so ein Burger quer durch den Food Court verdammt gut riecht.





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