Der Beweis von Erfurt

Die amerikanische Waffenlobby benutzt den Amoklauf von Erfurt als Argument gegen strengere Gesetze.
© Andrian Kreye



Am vergangenen Freitag sendeten die amerikanischen Fernsehnachrichten die Berichte über den Amoklauf von Erfurt als wichtigstes Thema gleich zu Beginn. Am Samstag brachten die Tageszeitungen die Geschichte gleich auf Seite 1.. Die New York Times räumte dem Foto der eingesperrten Schüler hinter den Bogenfenstern sogar den Titelplatz. Das letzte Mal, dass ein Thema aus Deutschland in den am Rest der Welt nicht sonderlich interessierten amerikanischen Medien solches Gewicht bekam, fiel gerade die Mauer. Warum also gerade Erfurt? Schließlich lautet die Maxime der amerikanischen Auslandsberichterstattung: wichtig ist nur, was die nationalen Interessen berührt.

Der Grund des Interesses versteckte sich in Nebensätzen. Im Bericht des Reporters der CBS Evening News zum Beispiel, der wie beiläufig erwähnte, dass der Amoklauf von Erfurt in einem Land passiert sei, das über eines der strengsten Waffengesetze der Welt verfügt. Die New York Times widmete den Bedingungen für den Besitz einer Schußwaffe in Deutschland gleich vier Absätze. Des war jedoch die Los Angeles Times, die auf ihrer Meinungsseite den Grund des amerikanischen Interesses an Erfurt darlegte. Unter der Überschrift “Das Utopia der Waffenkontrolle zeigt Risse" nutzte Sebastian Rotella die Gelegenheit, die zunehmende Unzulänglichkeit der strengen Waffengesetze nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Frankreich und Italien zu beleuchten. Sicherlich, in Los Angeles wurden im Jahr 2000 rund Morde begangen. So viele wie in ganz Frankreich in diesem Jahr und nur geringfügig weniger, als in Spanien. Doch dann führt er den Fall Großbritannien an. Dort hatte der Waffennarr Thomas Hamilton 1996 bei einem Amoklauf in einer Volksschule im schottischen Städtchen Dunblane 16 Kinder erschossen. Ein Jahr später erklärte die britische Regierung den Besitz von Feuerwaffen für illegal. Über 160.000 Briten mußten daraufhin ihre Gewehre und Pistolen abliefern. Und doch, so Rotella, steigen die Kriminalstatistiken dort wie nie zuvor. Alleine in London stieg die Zahl der Straftaten, die mit einer Schußwaffe begangen wurde um 90 Prozent, die Zahl der bewaffneten Raubüberfälle um über die Hälfte.

Und genau in diesem Argument trifft sich der Zeitungskommentator mit den Vertreter der amerikanischen Waffenlobby der National Rifle Association NRA. Erst im März brachte die NRA-Mitgliederzeitung American Rifleman ein ausführliches Essay über das Scheitern der britischen Waffengesetze, um sogleich liberale Senatoren wie Ted Kennedy, Dianne Feinstein und Charles Schumer anzugreifen, die seit Jahren für strengere Gesetze kämpfen. Fast schon Zufall - nur wenige Stunden nach dem Amoklauf von Erfurt eröffnete die NRA in Reno Nevada ihre 131. Jahresversammlung. Die Mitglieder der NRA sind ein rauhbeiniger Haufen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Schließlich verteidigen sie nicht nur eine Industrie, sondern ein Grundrecht - den zweiten Zusatz der amerikanischen Verfassung, der allen Amerikanern das Recht garantiert, eine Waffe zu tragen. Sie sind aber auch ein mächtiger Haufen. In seiner Begrüßungsrede sagte Vizepräsident Wayne LaPierre, die Mitglieder der NRA hätten Bush ins White House gebracht. Und selbst Zell Miller, Senator aus Georgia und seit zehn Jahren der erste Hauptredner aus den Reihen der Demokraten, gab zu, dass die NRA-Mitglieder vorletztes Jahr Al Gore Schlüsselstaaten wie Arkansas, West Virginia and Tennessee gekostet haben.

Vorsitzender der NRA ist der Schauspieler Charlton Heston, der seine Rede damit krönte, ein antikes Gewehr über seinen Kopf zu schwingen und wiederholte sein eigenes Zitat, das längst zum bekanntesten aller NRA-Slogans wurde: “Ich gebe meine Waffe auf, wenn Du sie meinen kalten, toten Händen entwindest!" Wayne LaPierre beschimpft die Befürworter von strengen Waffengesetzen als “politische Terroristen" und verglich den Internetmillionär und Gründer der Organisation Americans for Gun Safety mit Osama Bin Laden. Bei einer Diskussionsrunde, bei der es um die Medienberichterstattung über Waffengesetze ging, wurden die NRA-Prominenten dann noch deutlicher. Den Schauspieler Jude Law, der in einem Interview seine Scheu vor Waffen zugegeben hatte, bezeichneten sie als “Girlie Man", die lesbische Fernsehmoderatorin Rosie O'Donnel, die sich mit NRA-Sprecher und Fernsehstar Tom Selleck zum Thema in die Haare gekriegt hatte, als “Freak", und liberale Waffengegner im Allgemeinen als jämmerliche Schwuchteln.

Um das Thema Erfurt drückten sich die Redner zunächst. Wohlweislich, schließlich fand das Massaker an der Highschool von Littleton im Jahr 1999 nur wenige Tage vor der damaligen Jahresversammlung statt, die damals fast abgesagt werden mußte. Doch auch Littleton konnte die Kampagnen der NRA nicht bändigen. Im Gegenteil - mit verstärktem Einsatz wird das Maskottchen “Eddie the Eagle" ins Feld geschickt. Dieser Adlereddie soll in Comics, Trickfilmen und Kostümauftrittten die lieben Kleinen schon im Volksschulalter mit dem Waffengebrauch vertraut machen. Ein paar Mitglieder kommentierten Erfurt mit dem Vorschlag, man sollte Lehrern erlauben, Schußwaffen zu tragen. Doch auch ohne offizielle Verlautbarung war man sich doch einig. Während das Beispiel Großbritannien noch als statistisches Theoriemodell herhalten mußte, brachte Erfurt in den Augen der NRA den anschaulichen Beweis für das zwangsläufige Scheitern strenger Waffengesetze.

Die Wurzeln dieses fanatische Beharrens auf das Recht, eine Waffe zu tragen, liegt jedoch nicht nur in den wirtschaftlichen Interessen, der Waffenindustrie. Denn es sind vor allem die Verfassungszusätze, auf die sich die nationale Identität der USA gründet. Vor allem das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Recht jedes Bürgers, eine Waffe zu tragen, unterschied im 18. Jahrhundert die aufständischen Siedler nach ihrer gelungenen Revolution gegen die britischen Kolonialisten, von den repressiven Regimes der Alten Welt. Wer glaubt, der Zwist zwischen Alter und Neuer Welt sei eine anachronistisches Überbleibsel aus vergangenen Jahrhunderten, der sieht am Beispiel Erfurt, dass sich die beiden Kontinente nur oberflächlich näher gekommen sind. Man mag sich grausen über die heimliche Schadenfreude amerikanischer Waffenfreunde, wenn Massaker und Statistiken den deutlichen Beweis liefern, dass europäische Waffengesetze nichts nutzen. Der argumentative Reflex, ein Amoklauf sei Anzeichen für eine “Amerikanisierung der Gesellschaft" ist nicht minder vorurteilsbeladen und rhetorisch falsch.

Zurück zum Inhalt