Der Umgang mit der Krise ist nicht ganz einfach. Der britische Historiker Niall Ferguson, der in Amerika derzeit mit seinem Buch “Empire" über den Aufstieg und Fall des britischen Weltreiches und seinen Lektionen für globale Macht, Furore macht, bezeichnete die USA als “Imperium das unter Selbstverleugnung leidet". Kein amerikanischer Machthaber würde je imperiale Machtansprüche zugeben. “Amerika hat kein Imperium zu erweitern oder eine Utopie zu etablieren", versicherte Bush in seinen Reden. Donald Rumsfeld meinte auf die Vorwürfe, die USA würden den Irak als Ausgangsbasis für eine Machtbildung im Nahen Osten nutzen, das sei “schlichtweg falsch".
Es war der Direktor des Carr Center for Human Rights Policy an der John F. Kennedy School of Government in Harvard Michael Ignatieff, der im Januar mit einem Essay für das New York Times Magazine so etwas wie eine erste offizielle Diagnose für die globale Rolle der USA erstellte. Die Tatsachen sprächen für sich, schrieb er. Amerika sei die einzige Nation mit weltweit fünf Kommandozentralen, über einer Million Truppen auf vier Kontinenten und Flugzeugträgerflotten auf allen Weltmeeren. Amerika garantiere die Sicherheit ganzer Länder wie Israel und Südkorea. Es sei der entscheidende Motor des Welthandels und das Ziel unzähliger Träume. Ob es Amerika gefalle oder nicht, es sei nun ein Imperium.
Auch Leon Fuerth, Al Gores ehemaliger Sicherheitsberater und Politologe an der George Washington University, konstatierte: “Bisher diente das Wort Imperium nur als Metapher. Mit der Eroberung des Irak haben wir es allerdings in die Realität umgesetzt." Und warnte: “Der Beginn des Imperiums ist das Ende der Staatengemeinschaft. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen haben wir nun schon erlebt, was das bedeutet."
Die unilaterale Politik Bushs beunruhigt vor allem die amerikanische Wirtschaft, die sich in den letzten zehn Jahren ganz auf eine weltweit freie Marktwirtschaft eingerichtet hat. Imperiale Alleingänge bringen dieses Konzept in Gefahr. Keiner weiß das so gut wie Bill Clinton, einer der eifrigsten Verfechter der Globalisierung. Der war letzte Woche bei der Frühjahrskonferenz der Wirtschaftsvereinigung Conference Board in New York richtig außer sich. “Da sind deutsche und französische Soldaten in Afghanistan", sagte er bei seinem Auftritt. “Und wir wollen nicht mehr, dass sie uns bei der Suche nach Afghanistan helfen, weil sie mit unserem Zeitplan im Irak nicht einverstanden waren. Wenn wir aber glauben, dass wir jeden ächten müssen, der nicht mit uns einer Meinung ist, dann ist das eine ungeheuerliche Überreaktion."
Selbst dem klassischen Expansionsstrategen Henry Kissinger wird der radikale Alleingang seiner Erben zu viel. “Ein Regierungswechsel als militärisches Ziel stellt das gesamte internationale System, das mit dem westfälischen Frieden eingeführt wurde, in Frage", gab er in einem Essay zu bedenken.
Die große Gefahr sehen die Historiker und Politologen jedoch in jenem Phänomen, das Edward Gibbon 1776 im ersten Band seines Werkes über Aufstieg und Fall des römischen Reiches beschrieb. Ein Reich könne nur überdauern, so lange seine Herrscher die Grenzen nicht überdehnten. Niemals dürfe man globale Macht mit globaler Unterwerfung verwechseln.
Selbst der Vordenker des amerikanischen Allmachtsanspruches Francis Fukuyama stellt inzwischen das von ihm verkündete Ende der Geschichte in Frage. Vergangenes Wochenende mahnte er im Wall Street Journal: “Wir müssen unseren Moment der Stärke nutzen, doch den größten Vorteil haben wir, wenn wir unser Reich nun einschränken, anstatt es zu auszudehnen."
Der Yale-Historiker Paul Kennedy sieht zwar die Chance, dass sich die USA nun mit einer Mischung aus Wilsonschem Sendungsbewußtsein und Reaganscher Drohgebärden seinen Einfluß auf den Nahen Osten so geschickt ausbauen könne, dass das 21. ein wahrhaft amerikanisches Jahrhundert werde. Doch er gibt zu bedenken, dass imperiale Macht auch jene drückende Last die Last mit sich bringt, die Rudyard Kipling als “White Man's Burden" beschrieb - den Haß der übrigen Welt.
Es gibt erste zaghafte Versuche, sich jenseits der Tagespolitik mit der neuen Rolle auseinanderzusetzen. Die New York Historical Society zeigte in diesem Winter eine Ausstellung mit dem schlichten Titel “Freiheit". Es war keine spektakuläre Ausstellung, kein Kassenknüller und Ausflugsziel für Touristen. Als müßte sich die Nation auf therapeutischem Wege der ursprünglichen Werte dieses Wortes erinnern, führten die Kuratoren dem Publikum mit wenigen Exponaten noch einmal vor Augen, welche Werte das wahre Amerika bedeuten. Briefe von Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Martin Luther King waren dort zu sehen. Historische Fotografien aus dem Bürgerkrieg und aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Hier zeigte sich eine Nation, die bereit war, sich für die Freiheit selbst zu zerfleischen und permanent neu zu definieren. Doch was, wenn die Selbstfindung zum Selbstzweck wird? Der Freiheitsbegriff zur bloßen Floskel?
Im Internet kursiert derzeit ein Zitat, das dem Komiker Chris Rock zugeschrieben wird. “Es hat sich schon einiges geändert, wenn der beste Rapper ein Weißer und der beste Golfer ein Schwarzer ist, wenn Frankreich den USA Arroganz vorwirft und Deutschland nicht in den Krieg ziehen will." Der Kalauer trifft genau, was diesen Konflikt für Amerika so schmerzhaft macht. Einer Nation, die weder auf Geografie, noch auf einer angestammten Bevölkerung beruht, bleibt als Identitätsstifter nur der Stolz auf die gemeinsame Leistung. Das Bild von der herrschsüchtigen Weltmacht paßt in diesem Selbstverständnis nicht dazu.
Blättert man sich derzeit durch die internationale Presselandschaft, scheint es, als hätten die USA den Rest der Welt zu einem globalen gallischen Dorf degradiert, das mit dem Zaubertrank des moralischen Rechts gegen den Allmachtsanspruch des amerikanischen Imperiums kämpft. Auf den Titelblättern der Zeitschriften findet man die höchsten Vertreter des amerikanischen Volkes wahlweise als Rambos, Kreuzritter oder Cäsaren. Das Sternenbanner wabert bedrohlich über Landkarten, Fotomontagen und Grafiken.
Und wenn man Bush, Powell und Rumsfeld zuhört, wie sie Europa beleidigen, das Ende der UN verkünden und Iraks Nachbarstaaten ankeifen, glaubt man bald, dass sich ganz Amerika aufgemacht hat, die Welt zu erobern. Doch vor Ort sieht die amerikanische Realität ganz anders aus. Längst sind es nicht mehr nur Demonstranten und linke Publizisten, die mit den imperialen Ambitionen ihrer Regierung hadern. Angesichts der machthungrigen, herrschsüchtigen Elite der so genannten Neocons um George W. Bush, befindet sich ganz Amerika in einer kollektiven Identitätskrise.
Die Tatsachen, die der Sieg im Irak geschaffen hat, lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Für Michael Ignatieff hat die Nation nun die Wahl - wird die imperiale Rolle Amerika seine Seele kosten oder retten? Und auch der Kolumnist Thomas L. Friedman schreibt: “Hoffentlich beenden die USA nun ihre Überreaktion auf den 11. September. Die al Quaida ist nicht die Sowjetunion, Saddam Hussein war kein Stalin." Vor allem im eigenen Land müsse man nun beginnen, wieder etwas leiser zu treten: “Wir müssen aufhören zu glauben, dass wir die Bürgerrechte einschränken, arabische Studenten verbannen und unsere außenpolitischen Doktrinen über Bord werfen müssen."
Zurück zum Inhalt