Das hat den Film schon jetzt zum Politikum gemacht. Umweltaktivisten und Oppositionspolitiker nutzen den Film, um die verheerende Umweltpolitik von George W. Bush anzugreifen, die ganz buchstäblich unter dem Motto "Nach uns die Sintflut" steht. Gesetzgeber nutzen die öffentliche Aufmerksamkeit, um den Gesetzesentwurf noch einmal vor das Parlament zu bringen, mit dem die Senatoren John McCain und Joseph Lieberman auf Bundesebene den Ausstoß von Treibhausgasen begrenzen wollen. Lobbygruppen und Regierung bereiten sich dagegen schon jetzt auf ein Publicitykrisenmanagement vor, weil der Film die Schuld an den Klimakatastrophen eindeutig bei Politik und Wirtschaft ansiedelt.
George W. Bush hat die Gefahren eines Klimawandels bisher nicht nur vernachlässigt, sondern schlichtweg geleugnet und sich dabei auch noch auf staatliche Forschungen berufen. Unter seiner Herrschaft weigerten sich die USA, das Kyotoprotokoll zu unterzeichnen. Gleichzeitig versucht Bush seit seinem Amtsantritt existierende Umweltschutzgesetze zu unterminieren. Da ist das Gesetzespaket mit dem höhnischen Titel "Clear Skies Initiative", das der Industrie erlauben würde Richard Nixons Clean Air Act von 1970 zu unterlaufen. In Alaska und in den Rocky Mountains will Bush das Naturschutzgebiete für die Ausbeutung von Bodenschätzen freigegeben. Und dann sind da noch die so genannte Energy Bill, die massive Subventionen und Deregulierungen für die Öl- und Energiekonzerne vorsieht.
Im Parlament sind die Initiativen bisher gescheitert. Von störrischen Gesetzgebern hat sich Bush allerdings noch nie aus dem Konzept bringen lassen. Mit einer Unmenge von präsidialen Erlassen und bürokratischen Anordnungen hat er die bestehende Umweltgesetzgebung schon in einem Maße ausgehöhlt, dass sich die American Lung Association zu einer öffentlichen Erklärung genötigt fühlte, nach dem die außerparlamentarischen Regelungen der letzten Jahre "die schädlichste und ungesetzlichste Luftverschmutzungsinitiative darstellt, die von der Bundesregierung jemals unternommen wurde".
Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Al Gore hat am Dienstag für die liberale Wählerorganisation MoveOn.org gemeinsam mit dem Paleoklimatologen der Harvard University Dan Schrag eine Pressekonferenz zum Film gegeben. Schrag gab zu, dass die Horroszenarien des Filmes und die eine neue Eiszeit wissenschaftlich nicht haltbar seien. "Meine erste Reaktion war auch, mein Gott, das ist eine solche Verzerrung wissenschaftlicher Erkenntnisse, das wird nach hinten losgehen. Aber ich glaube sehr wohl, dass die Kinogänger zwischen Hollywood und der Realität unterscheiden können. 'The Day After Tomorrow' könnte das allgemeine Interesse an der Erderwärmung ähnlich anregen, wie 'Jurassic Park' das Interesse an Dinosauriern." Al Gore fügte hinzu, dass Film und politische Realität die zwei extremen Pole der Debatte darstellten, denn die Umweltpolitik der Bushregierung sei ein mindestens so weltfremdes Hirngespinst, wie Emmerichs Filmszenarien.
Der Regisseur hat sehr wohl gewußt, dass sich sein Klimakathastrophenfilm zum Politikum entwickeln wird. Bei Vertragsabschluß mit dem Filmstudio Fox hat er sich vorsorglich "Director's Cut" zusichern lassen, was bedeutet, dass die Produzenten ihm nicht ins Drehbuch pfuschen durften. In einem Interview mit dem Stern sagte er auch: "Es hat mich gefuchst, dass nach ,Independence Day" der Eindruck entstanden ist, ich sei der totale Rechtsaußen-Patriot. Wenn überhaupt politisch, dann bin ich links von liberal."
New York 13. 05. '04 - Am Mittwoch Abend brachte der amerikanische Fernsehsender Fox zur allerbesten Sendezeit eine zehn Minuten lange Vorschau auf Roland Emmerichs Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow". Da konnte man die mächtigen Bilder, die in den Kinotrailern bisher in Sekundenschhnelle über die Leinwand huschten, erstmals in aller Ruhe betrachten. Gleich zu Beginn bricht ein Stück von der Polkappe ab, über New York fliehen Myriaden von Zugvögeln vor den bald schon entfesselten Naturgewalten, dann türmt sich vor Manhattan eine Flutwelle auf, die sich mit zerstörerischer Kraft in die Straßenschluchten ergießt. Überdimensionierte Tornados fräsen sich durch Los Angeles, Schneemassen in Delhi, Hagelsturm in Tokio - die perfekte Klimakatastrophe. Und weil sich kaum ein Regisseur so meisterhaft auf große Bilder versteht wie Emmerich, verfehlen sie auch nicht ihre Wirkung. Mit dem Unterschied, dass es diesmal keine Marsmännchen und Phantasiemonster sind, die er auf die Menschheit losläßt, sondern all jene Folgen der Erderwärmung, die in den Katastrophenszenarien der Klimaforscher bisher immer so unwahrscheinlich und abstrakt wirkten.
Emmerich bricht mit seinem Film ein langjähriges Schweigen der Öffentlichkeit. Bisher gehörten Erderwärmung und Klimakatastrophen in der amerikanischen Politik zu den Tabuthemen. Aus ganz offensichtlichen Gründen - die Auto-, Energie- und Bergbauindustrien, die für den Ausstoß von Teibhausgasen verantwortlich sind, stellen auch die mächtigsten Lobbygruppen der Nation. Die Autoindustrie war selbst während Aufstieg, Fall und Erholung der neuen Märkte unerschütterlich die Industrie mit den weltweit größten Umsatz- und Wachstumszahlen. Die Energiekonzerne haben mit George W. Bush und Dick Cheney zwei Männer aus den eigenen Reihen im Weißen Haus. Die Bergbauindustrie hat es immerhin geschafft, dass mit John Shanahan einer ihrer Lobbyisten die Arbeit im Senatsausschusses für Umwelt und Bau mitarbeitet.
Die scheint sich ihres Tun sehr wohl bewußt zu sein, und auch der Gefahr, die Emmerichs Film für Image und Politik darstellt. Die Wissenschaftler der staatlichen Raumfahrtbehörde Nasa wurden Ende April mit einer dringlichen E-Mail dazu angehalten, sich jeglicher Kommentare, aber auch wissenschaftlicher Erläuterungen zum Film zu enthalten. Eine Woche später wurde das Redeverbot wieder aufgehoben. Nicht zuletzt, weil Wissenschaftler die Szenarien im Film eher im Bereich der Science Fiction ansiedeln. Allerdings darf man das Kinopublikum nicht unterschätzen.
So pathetisch das klingen man, aber mit "The Day After Tomorrow" hat er der Menschheit wahrscheinlich einen großen Dienst erwiesen. Kaum ein Film hat in der Geschichte von Hollywood eine vergleichbare politische Debatte ausgelöst. Noch dazu eine Debatte, die schon so lange überfällig war. In seinem Essay für die Literaturzeitschrift Granta, die dem Thema Erderwärmung letzten Herbst eine Sonderausgabe widmete, beklagte der Wissenschaftsjournalist Bill McKibben, dass die Menschheit mit der apokalyptischen Bedrohung durch die Erderwärmung noch viel zu gelassen umgehe. Das sei aber nicht nur Schuld der Politik. "Das ist ein Versagen der Vorstellungskraft und damit auch ein Versagen der Literatur", schreibt er. "Die Gefahr der Erderwärmung hat noch keinen Orwell hervorgebracht, keinen Huxley, Verne oder Wells." Vielleicht bewirkt ein weltweit erfolgreicher Sommerfilm aber noch viel mehr. Nicht nur, weil es die Regisseure sind, die heute die großen Geschichten erzählen. Was für eine Wirkung große Bilder haben können, demonstrieren dieser Tage ja schon die kleinen, schmutzigen Bilder aus den irakischen Gefängnissen. Politik und Medien hat Roland Emmerich jedenfalls schon dazu gebracht, sich ausführlich mit dem Thema zu befassen.
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