SCHANDMAUL AUF SENDUNG

Eminem startet einen unzensierten
Hip-Hop-Radiosender und stilisiert sich dabei
zum politischen Agitator.

© Andrian Kreye

New York 31.10. '04 - Das musste ja mal gesagt werden: “Fuck the George Bush dickhead!" Busta Rhymes genoss es sichtlich, live auf Sendung ins Mikro zu fluchen. Er hatte ja noch kurz gezögert, aber dann hatte das etwas enorm befreiendes, mal ganz unreflektiert und ehrlich die Meinung zu sagen. Die Menge dankte es ihm jedenfalls mit Gejohle.

Rhymes war einer der Rapstars, die als Gastredner zu Eminems Parteitagsimitationsparty “Shady Convention" geladen waren. Dafür hatte MTV den New Yorker Roseland Ballroom ganz im Stil der amerikanischen Parteitage dekoriert, komplett mit den traditionellen blausweissroten Schleifen und Girlanden und jeder Menge Sternenbannerdeko. Ein paar hundert geladene Gäste fuchtelten dazu jubelnd mit Transparenten durch die Luft - Plattenfirmenangestellte, breitbeinige Halbstarke in Trainingsanzügen, stoische Uptown Gangster, die ihre nagelneuen Sean-john-Lederjacken und Diamantohrstecker ausführten, und vor allem Mädchen mit üppigen Dekolletees, die sie auf Kommando vor den Kameras auf und abhüpfen ließen. Schließlich wurde eine Werbefernsehsendung für Eminems neuen Satellitenradiosender Shade 45 aufgezeichnet.

Der ging am selben Abend erstmals auf Sendung und begann sein Programm mit der Übertragung der Party. Den größten Teil bestritt Eminem mit den fünf Mitstreitern seiner Rapgruppe D-12. Die strengen Mediengesetze Amerikas, über die vor allem die Aufsichtsbehörde über die öffentlichen Rundfunk- und Fernsehfrequenzen FCC wacht, machen es für Künstler unmöglich Schimpfworte und politisch allzu inkorrekten Jargon zu verwenden. Das führt eben dazu, dass Rapper wie Eminem jede CD in zwei Versionen veröffentlich müssen. Eine Originalfassung und eine gesäuberte Ausgabe für Radio, Fernsehen und Supermarktketten wie Walmart, deren konservative Konzernleitungen ein Schandmaul wie Eminem unzensiert auch dann nicht in ihre Regale stellen würde, wenn er mal wieder die Hitparaden des Landes anführt.

Für die Satellitenfrequenzen gelten diese Regeln jedoch nicht, weswegen die neuen Sender auf den Systemen Sirius und XM derzeit als Grenzgebiet für Medienpioniere gefeiert werden. Eminem und D-12 reizten den Freiraum des eigenen Satellitensenders auch gleich mit solchem Schwung aus, als ob sie mit ihrem Auftritt die Pathologie des Tourettesyndroms demonstrieren wollten.

Ein paar der Anwesenden hatten vielleicht etwas mehr erwartet von einer Veranstaltung, die als Parteitagsatire angekündigt war. Das lag vor allem an Eminems neuer Single “Mosh", einer zornigen Tirade gegen die Politik der Bushregierung, zu der es auf dem Internet seit ein paar Tagen ein anarchisches Zeichentrickvideo zu sehen gab, was ein paar eifrige Journalisten gleich zur politischen Sensation hochgeschrieben hatten. Er versuchte sich in Anzug und Krawatte auch kurz an einer Persiflage vorfabrizierter Wahlkampfreden. Aber Humor und Politik gehören eben nicht zu seinen Stärken.

Man erinnere sich nur an seinen Streit mit einer Handpuppe namens “Triumph, der lustige Hund, der alle beleidigt", die in Amerika dafür berühmt ist, vor laufender Kamera Promis anzupöbeln. Eminem hat dem Plastikhund dafür bei den MTV Awards letztes Jahr eine gescheuert. Eminem war auch der erste Popstar, der dem ehemaligen Polkamusiker “Weird Al Yankovic" untersagte, seine Videos zu persiflieren. Dabei erinnern die Seitenhiebe auf Popstars wie Michael Jackson, Madonna und MC Hammer im Video zur letzten Eminemsingle “Just Lose It" an genau jenen Büttenredenhumor, mit der sonst Yankovic die Popkultur veralbert.

Seine neue Pose als politischer Rebell hat auch weniger mit effektiver Agitation zu tun, als mit seinem Gespür für die unterschwelligen Aggressionen des jeweiligen Zeitgeistes. Eminem verstand es wie kein Zweiter, den Nihilismus einer Generation zu transportieren, die erstmals ein Wirtschaftswunder mit ansehen musste, das einer Jugend keine Aufstiegschancen, sondern sogar einen Niedergang des Lebensstandards bescherte. Nun ist die Lethargie des Zeitgeistes in politische Wut umgeschlagen. Und weil Eminem ein exzellentes Gespür für Authentizität besitzt, hat er sein Video von dem Videoregisseur Ian Inaba produzieren lassen, der sonst für die alternative Nachrichtenwebseite Guerrilla News Network arbeitet. Inaba hatte schon mit dem Video zu Eminems antiamerikanischem Wutausbruch “White America" daür gesorgt, dass Eminem die Ressentiments der Protestgeneration adäquat wiedergeben kann.

Da macht es auch nichts, dass Eminems Aufruf sich in die Wahlregister einzutragen, zu einem Zeitpunkt kommt, an dem sämtliche Abgabetermine schon verstrichen sind. Es spielt auch keine Rolle, dass er zwei Abende später als musikalischer Stargast der Sketchsendung “Saturday Night Life" den vielleicht schwächsten Auftritt seiner Karriere absolvierte, bei dem er die Texte seiner zwei neuen Singles von Spickzetteln am Bühnenrand ablesen mußte und zum Abschluss linkisch ein selbstgemaltes Schild mit dem Wort “Wählt" über seinen Kopf hielt. Rechtzeitig zur Veröffentlichung seines neuen Albums “Encore" hat Eminem den neuen Ton seiner Generation getroffen. Das reicht. Und ab sofort gibt es den in Amerika auch ungefiltert auf Sendung.





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