Der Fotograf Ken Schles stand auf der Manhattan Bridge, sah die brennenden Türme, die Menschenmengen, die Schulter an Schulter über die gesperrten Fahrbahnen marschierten. Panikwellen erfaßten die Menge, als sich ein Gerücht verbreitete, die Brücke könnte gesprengt werden. Fassungslosigkeit, als am Horizont die Türme des World Trade Center langsam und lautlos in Staubwolken versanken. Auf der Lower Eastside irrten die Menschen durch den Supermarkt der Pathmart-Kette, statt Muzak tönte eine Ansprache von Bürgermeister Giuliani aus den Lautsprechern. Viele wußten nicht, was kaufen, packten wahllos Waren in den Korb. Wohlstand und Vielfalt waren bedeutungslos geworden.
In New York wird es niemanden geben, der nicht direkt von den Anschlägen betroffen ist. Es waren Verwandte, Freunde, Nachbarn, Kollegen, Bekannte, die dort gestorben sind. Ein deutscher IT-Manager: “Ich habe mit einer ganzen Abteilung im 76. Stockwerk des World Trade Center zusammengearbeitet." Nicht nur die Türme, ganze Gemeinden der internationalen Geschäftswelt sind verschwunden. Unschuldige. Menschen, die den Gipfel ihrer Laufbahn erreicht hatten. Jenen Punkt also, an dem sich der arbeitende Mensch sicher und geborgen fühlt. Und es waren Polizisten und Feuerwehrleute, die Retter in der Stunde der Not, die unter den Trümmern begraben wurden.
Der Terror kämpft nicht um geopolitische, strategische oder militärische Ziele. Er attackiert ganz direkt die Herzen und Köpfe der Menschen. Der 11. September 2001 hat das Urvertrauen Amerikas und der Welt unabänderlich erschüttert. Seit dem Zweiten Weltkrieg wähnten sich die industrialisierten Zivilisationen als Horte der Sicherheit und als Hoffnungsträger für die Welt. Bisherige Krisen und Terroranschläge verunsicherten, aber erschütterten nicht. Die Bilder, die auch einen Tag nach dem Anschlag zu sehen waren, zeigten noch nicht einmal das unendliche Grauen, das sich hinter den Explosionen, Staubwolken und Trümmern verbirgt. Diese visuelle Schweigsamkeit hat auch einen guten Grund.
Mit allen Mitteln müssen die Behörden versuchen eine Massenpanik zu verhindern. Regierungsstellen wie die Federal Emergency Management Agency Fema, die bei Katastrophen die oberste logistische Leitung der Rettungsmaßnahmen, Evakuierungen und Wiederaufbauarbeiten übernimmt, können bestimmte Rechte in solchen Fällen außer Kraft setzen. Doch ganz egal, ob die Bilder auf Anordnung nicht gezeigt wurden, oder ob es diese Bilder noch nicht gab, was für immer bleiben wird: das Signal, dass es keinen Ort der Sicherheit gibt. Keinen Schutz. Keine Rettung. Der Wille und Haß von Wenigen hat ausgereicht, die Zivilisation in die Knie zu zwingen.
“The Day Of Infamy" titelte der Fernsehsender CBS. Eine direkte Anspielung auf Pearl Harbor. Doch der Vergleich hält nur begrenzt. Nicht nur, weil die ersten Schätzungen eine Zahl der Opfer nannten, die das der von Pearl Harbor um ein Vierfaches übertreffen würde. Im traditionellen Krieg besitzt die Angst für die Zivilbevölkerung zunächst ganz klar definierte Koordinaten. Es gibt Feinde, Fronten, Ziele. Der Terrorismus agiert zunächst einmal aus dem Nichts. Auf Pearl Harbor folgten Hiroshima und Nagasaki. Die Angst hatte sich in der endgültigen Entfesselung von Macht und Stärke entladen. Unbekannte mit Messer - das ist kein Feind, den man mit einem militärischen Gegenschlag zurückwerfen könnte.
Pearl Harbor liegt 2390 Meilen vom amerikanischen Festland entfernt. Das World Trade Center und das Pentagon sind die direkten Zentren der amerikanischen Macht. New York der Nabel der Handelswelt. Das Pentagon zunächst der westliche Ruhepol im Gleichgewicht des Schreckens, nach dem Mauerfall der Ort, von dem aus die Einsätze geleitet wurden, die in letzter Not Ruhe und Ordnung schaffen konnten. Das eine ausgelöscht. Verschwunden. Das andere in Flammen.
Kann sich Amerika von diesem Schlag erholen? Kann es die Welt? Senator John Warner vom Armed Forces Committee zitierte ebenfalls Pearl Harbor: “Dieses kann unsere größte Stunde werden." Beruhigende Worte für eine Nation, die sich in Büchern, Filmen und Fernseheserien seit letztem Jahr mehr als jemals zuvor auf ihre Heldenrolle im Zweiten Weltkrieg besinnt. Erst am letzten Sonntag begann Steven Spielbergs Fernsehreihe “Band Of Brothers", die die Erfolge amerikanische Fallschirmjäger an der europäischen Front als Epos inszeniert. Und trotzdem muß Amerika, muß die Welt alles ganz neu durchdenken.
Vielleicht zeigt der Blick nach New York doch auch den ersten Hoffnungsschimmer. In den Köpfen und Herzen haben die Terroristen zunächst einmal gesiegt. In New York selbst haben sie die Zivilisation nicht in die Knie zwingen können. In einer Stadt, in der 13 Millionen Menschen gelernt haben, tagtäglich immer wieder aufs Neue einen Konsens zu finden, entblößte sich die Menschheit im Moment des absoluten Schreckens nicht als Horde von Barbaren. Es zogen keine Plünderer durch die Stadt, keine hysterischen Massen.
Sicher, manch einer blieb etwas zu ruhig. Die New Yorker, die auch am Tag des Anschlags noch am Ufer des Hudson Rivers Joggen und Rollschuhlaufen gingen, oder die auf einem Sportplatz an der 72. Straße noch Fußball spielten, als sei nichts geschehen. Schockreaktionen, genauso verständlich wie die Fassungslosigkeit und Trauer so vieler. Doch es waren unter anderem die Tausenden, die vor den eilig eingerichteten Blutspendestationen anstanden, um nur irgend etwas zu tun, die bewiesen, dass die Gesellschaft noch funktioniert.
Amerika mag ein Land sein, dass einen Teil seines Sicherheitsgefühl der historischen Tatsache verdankt, dass bisher keine Angriff von Außen bis an sein Festland gelangt. Amerika ist aber auch ein Land, das immer wieder mit Naturkatastrophen umgehen muß. Es gibt zunächst keine militärischen Ziele, an denen sich die von John Warner beschworene größte Stunde erkämpfen ließe. Eine Katastrophe gilt es zunächst zu überwinden. Es ist noch viel zu früh, etwas über die Auswirkungen der Anschläge auf zu sagen. Die Angst sitzt in den Knochen. Das Vertrauen ist erschüttert. Das Trauma wird bleiben. Für alle, die, diesen Tag erlebt haben, für immer. Nicht nur in New York und Amerika.
Der Schriftsteller Nick Cohn bezeichnete New York als das Herz der Welt. Am 11. September 2001 stand dieses Herz für einen ewigen Moment lang still.