Das beginnt schon mit dem Begriff Service selbst. Ein schönes Wort. Das klingt nach höflichen, sauberen, lächelnden Menschen im Dienste unserer Bequemlichkeit. Und so sieht es dann auch aus. Die Arbeiter in den Hotel-, Restaurant- und Einzelhandelsketten, in den Kundendienstabteilungen und Telefonzentralen tragen Freizeitkleidung oder hübsche Uniformen in den freundlichen Farben der Firma. Sie lächeln, zirpen höfliche Floskeln, vermitteln Zufriedenheit und Glück. Ihre flinken Hände flattern mit Leichtigkeit über die Tastaturen der Computer- und Telefonanlagen und nirgendwo sieht man den Schweiß und den Dreck, den man bisher mit harter Arbeit verband.
Die Serviceindustrie galt auch als Wunderwaffe der amerikanischen Wirtschaft im Kampf gegen die postindustrielle Arbeitslosigkeit. Von den über 22 Millionen Jobs, die in den USA während der Arbeitszeit Bill Clintons geschaffen wurden, zählten laut Statistik rund die Hälfte zum Dienstleistungsbereich. Gleichzeitig verwies die Administration am Ende ihrer Amtszeit stolz darauf, dass die Zahl der Sozialhilfeempfänger in diesen acht Jahren um 40 Prozent gesunken war. Ein goldenes Zeitalter schien angebrochen und kaum jemand wagte das zu bezweifeln.
Was die Jubelstatistiker verschwiegen - rund ein Drittel aller amerikanischen Arbeiter verdingen sich für Stundenlöhne unter acht Dollar und verdienen somit weniger, als den sogenannten Living Wage, einen Lohn, der es ermöglicht, sich bei normalen Arbeitszeiten ausreichend zu ernähren und in einem eigenen Zimmer zu leben. Der wurde 1998 von der National Coalition for the Homeless 1998 mit einem Stundenlohn von 8,89 Dollar festgelegt. Mehr als drei Dollar über dem gesetzlichen Mindestlohn von 5,15 Dollar.
Auch der drastische Rückgang der Sozialhilfeempfänger bedeutet lediglich, dass die verschärften Bestimmungen dafür gesorgt haben, dass Millionen Armer, Alter, Kranker und alleinstehender Mütter nun gezwungen sind, sich auf die Knochenmühle der Mindestlohnarbeit einzulassen.
1998, am Höhepunkt der Wirtschaftswundereuphorie, stellte sich die Essayistin Barbara Ehrenreich die Frage, wie die Millionen überleben, die auf die neuen Jobs angewiesen sind, die nur selten mehr als 6 bis 7 Dollar pro Stunde einbringen. Vor allem aber fragte sie sich, wie es den rund vier Millionen Frauen ergehen wird, die nach den neuen Gesetzen der 90er Jahre keinen Anspruch auf Sozialhilfe mehr haben.
Die Grand Dame der amerikanischen Linken, Autorin mehrerer Bücher und Mitarbeiterin von Zeitschriften wie Harper's, The Nation und The Atlantic Monthly, war sich bewußt, dass weder die beobachtende Reportage, noch die akademische Studie die Realität der Millionen Lohnsklaven ausreichend erfassen würden. Also beschloß sie, in der Tradition von Jack London, George Orwell und Günter Walraff, die Sicherheit ihres bürgerlichen Lebens hinter sich zu lassen, und den Überlebenskampf an den Frontlinien im Land des Lächelns selbst auszuprobieren. Strenge Regeln setzte sie sich. Sie nahm sich vor, in drei verschiedenen Regionen Amerikas den jeweils bestbezahlten Job für ungelernte Arbeiter anzunehmen, sich nicht gegen die Ungerechtigkeiten des Arbeitsalltages zu wehren, die billigste Unterkunft anzumieten und bis auf die erste Monatsmiete ihr gesamtes Leben mit den Löhnen zu finanzieren. Zwei Jahre hat sie durchgehalten. Jetzt sind ihre Erlebnisse unter dem Titel “Nickel and Dimed - On (Not) Getting By in America" als Buch erschienen Metropolitan Books/Henry Holt & Co, New York, 221 Seiten, US $ 23,-, deutsche Ausgabe unter dem Titel “Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft" demnächst bei Kunstmann).
Barbara Ehrenreich hat sich Rhetorik und theoretische Analyse fast vollkommen verkniffen. Auch sie liefert Zahlen, die ihre Thesen untermauern. Dass beispielsweise 67 Prozent aller Erwachsenen, die Lebensmittel-Nothilfe beantragen, sowie ein Fünftel aller Obdachlosen einer geregelten Arbeit nachgehen. Doch sie analysiert nicht, sie erlebt.
Sie gibt sich als Scheidungsopfer aus, jobbt in ihrer Heimatstadt Key West, Florida in zwei Restaurants als Bedienung und in einem Hotel als Zimmermädchen. In Portland, Maine arbeitet sie für ein Altersheim und eine Putzfirma, und in Minneapolis, Minnesota ergattert sie einen Stelle als Verkäuferin der Kaufhauskette Wal-Mart.
Minutiös beschreibt sie die Mechanismen der Erniedrigung, denen sie sich unterziehen muß. Die Aufnahmeprüfungen und Drogentests für die niedersten Arbeiten. Die tyrannischen Schichtleiter, die ihre Untergebenen mit schikanösen Aufträgen um jeden Moment der Ruhe bringen. Die Auflagen und Regeln, die ihr verbieten, während der Arbeitszeit einen Schluck Wasser zu trinken, oder auf die Toilette zu gehen. Die Praxis bei Wal-Mart, kurze Schwätzchen zwischen Mitarbeitern als “Zeitdiebstahl" zu ahnden.
Sie erzählt von den Hautsausschlägen, die sie sich von Putzmitteln zuzieht, von den Magenbeschwerden durch das hastig hinuntergeschlungene Junk Food, von den unzähligen Momenten der vollkommenen Erschöpfung. Es sei außerdem ganz schön teuer, arm zu sein. Wer sich weder Kaution noch Maklergebühren leisten könne, sei darauf angewiesen, in überfüllten Wohnheimen zu wohnen, in Billigmotels oder Wohnwagenparks, die meist so viel kosten, wie reguläre Wohnungen. Ohne eigene Küche wären aber viele gezwungen, sich von teurem und vor allem ungesundem Billigessen zu ernähren. Die vielen, zunächst geringfügigen Gesundheitsschäden blieben dann mangels Krankenversicherung unbehandelt und führten zu kostspieligen, schweren oder chronischen Leiden. Da ist die Kollegin bei der Putzfirma, die sich zum Mittagessen nicht mehr als eine Tüte Chips leisten kann und wegen der permanenten Unterernährung unter Schwindelanfällen leidet. In Key West lebt eine der Bedienungen auf dem Parkplatz hinter dem Lokal in ihrem Auto. Eine andere haust in einem besseren Obdachlosenheim. Ehrenreichs Fazit: mit einem Stundenlohn von 6 bis 7 Dollar kann in Amerika niemand überleben, ohne entweder zwei Vollzeitjobs anzunehmen, oder unter Bedingungen zu leben, die man eigentlich in den Armenviertel der Dritten Welt vermutet.
Barbara Ehrenreichs sucht nicht nach Lösungen, formuliert keine Thesen. Ihre Erfahrungen stehen exemplarisch für die Realitäten der neuen Wirtschaft. Das reicht. Nur im allerletzten Absatz wagt sie den hoffnungsvollen Gedanken, der neue Kapitalismus könne gebremst werden. “Eines Tages werden die Armen genug davon haben, so wenig für ihre Mühen zu bekommen und verlangen, dass sie entsprechend bezahlt werden. Dann wird große Wut ausbrechen, Streiks und Unruhen. Der Himmel wird uns nicht auf den Kopf fallen, aber letztendlich wird es uns allen besser gehen." Ein hoffnungsvoller Schluß, denn eigentlich widerspricht sie damit ihren eigenen Erfahrungen. In “Nickel and Dimed" hat sie das Bild eines Proletariats gezeichnet, das in einem System des individualisierten Überlebenskampfes keinen kollektiven Arbeitskampf kennt, sondern nur den permanenten Zustand von Unsicherheit und Armut. Da regt sich kein Widerstand. Da zementiert sich nur fatalistische Apathie.