LEIDENSCHAFTEN

Ein Besuch bei Dave Eggers,
der viel Geld ausgeschlagen hat,
um seinen zweiten Roman im Eigenverlag
zu veröffentlichen.

© Andrian Kreye

In den Buchläden von Downtown New York können sie sich noch gut an Dave Eggers erinnern. Die ersten Ausgaben seiner literarischen Vierteljahresschrift McSweeney's Quarterly brachte er vor fünf Jahren noch selbst vorbei, meist zu Fuß oder mit dem Fahrrad, und einmal mußte er sich vom St. Mark's Bookstore einen Vorschuß geben lassen, um die Auflage bei der Druckerei in Island auslösen zu können. Aber dann kam der Erfolg seines ersten Romans “Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität", die Millionen aus den Taschenbuch- und Filmrechten, der Umzug nach San Francisco, wo er eine Familie gründete, einen Verlag, eine Schule mit Literaturkursen für Kinder und Jugendliche, sowie eine Zeitschrift, und wo er seinen zweiten Roman geschrieben hat, der nun auch auf deutsch erschienen ist: “Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind" (Droemer, 500 Seiten, Euro 22,90).

Dabei sieht Dave Eggers immer noch so aus wie einer jener Fahrradkuriere, die hier in San Francisco nicht nur die Straßen, sondern auch das stilistische Bewußtsein der Jugendkulturen beherrschen. Der 32jährige trägt ein Paar Leinenturnschuhe, kurze Hosen, T-Shirt, die dunkelblonden Locken hat er unter eine Schirmmütze gepackt. So sitzt er an seinem vollbepackten Schreibtisch zwischen all den anderen Schreibtischen im leicht klaustrophobischen McSweeney's-Büro. Das beschränkt sich im wesentlichen auf ein Hinterzimmer der 826 Valencia Street, jenem einstöckigen Gebäude im Immigranten- und Bohemeviertel des Mission District, in dem Dave Eggers seinen Verlag, seine Redaktion, die Nachmittagsschule und das Geschäft für Piratenbedarf untergebracht hat. In dem gibt es neben sämtlichen McSweeney's-Veröffentlichungen auch wirklich Seekarten, Glasaugen und Totenkopfwimpel zu kaufen. Wer den schrulligen Humor nicht nachvollziehen kann, der sollte wissen, dass es im McSweeny's-Laden in Brooklyn neben den Büchern eine Unmenge Ersatzteile für eigenartige Landwirtschaftsgeräte und die landesweite größte Auswahl an Spezialshampoos für Wiesel gibt.

Nach New York, wo die McSweeney's-Saga anfing, kommt Dave Eggers allerdings nur noch selten. Er hat für ein paar Jahre dort gelebt, weil er einen Job beim Esquire Magazine gefunden hatte, und weil man als Autor in Amerika eben nach New York gehen muß, weil in dieser Stadt alle wichtigen Verlage und Literaturagenten sitzen. Mit dem Erfolg kam aber auch schon bald die Einsicht, dass New York nie ganz zu Hause fühlen würde. “Ich habe mich nie daran gewöhnen können, dass man dort zu verschiedenen Anlässen jeweils anders angezogen sein soll, und dass man zu seinen eigenen Parties plötzlich ein Jackett tragen muß."

Dabei geht es Dave Eggers nicht so sehr um modische Oberflächlichkeiten. “In San Francisco haben eben solche Leute das Sagen", fährt er fort und zeigt auf seine kurzen Hosen. “Das war eben schon immer eine Stadt voll von Leuten mit Utopien und Visionen." Und nur in einer solchen Stadt konnte er sich eine rund 15köpfige Mannschaft zusammenstellen, die bereit ist, auf kleinstem Raum für Dave Eggers Visionen zu kämpfen. Dazu gehört zu allererst der McSweeney's-Verlag, in dem er neben der gleichnamigen Literaturzeitschrift und seinem zweiten Roman Bücher von jungen Autoren wie Sheila Heti, Neal Pollack und Johnathan Lethem, aber auch Einzelwerke von großen Namen, wie Nick Hornby's “Songbook" oder David Byrne's “The New Sins" veröffentlicht. Mit dem Verlag begründete Dave Eggers auch seinen Ruf als Rebell des Literaturbetriebes. McSweeney's-Bücher gibt es nämlich nur über die eigene Webseite (http://www.mcsweeneys.net) oder bei ausgewählten unabhägigen Buchhändlern zu kaufen. Sämtliche Veröffentlichungen werden vom Lektorat bis zum aufwendigen Design und der immer gleichen Typographie von Eggers Team selbst produziert. Dazu kommen die Lesungen, die als Literaturparties mit DJs, Bands und Monologperformances in Clubs veranstaltet werden. Und ein Autorenkosmos, zu dem neben den Stammschreibern der Vierteljahresschrift auch Zadie Smith, David Foster Wallace und George Saunders gehören. So hat sich McSweeney's eine Aura erarbeitet, für die Dave Eggers zumeist jungen Fans ihren Autor bei Auftritten wie einen Rockstar feiern.

Eggers selbst ist die Rebellenpose eher fremd. “Wir arbeiten nicht gegen die großen Verlage", sagt er. “Das wäre nicht besonders klug. Wir sind auf die Zusammenarbeit sogar angewiesen. Für manche Projekte brauchen wir einfach deren Vertriebsstrukturen." Die Jubiläumsausgabe McSweeny's 10 zum Beispiel, für die Michael Chabon als Gastlektor verantwortlich war, und für die er Kurzgeschichten von Bestsellerautoren wie Stephen King, Michael Crichton, Elmore Leonard und Nick Hornby ergatterte, erschien in der Vintage-Books-Reihe von Random House. Dave Eggers hat auch gar nichts gegen kommerziellen Erfolg. Immerhin gehört er zum Stall des gefürchteten Literaturagenten Andrew Wylie, der in Verlagskreisen den Spitznamen “The Jackal" hat und für ihn die Auslands-, Taschenbuch- und Filmrechte aushandelt. Trotzdem hat Dave Eggers sehr viel Geld ausgeschlagen, um “Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind" bei McSweeney's selbst zu veröffentlichen.

Eggers zweiter Roman erzählt die Geschichte von Will und Hand, die in einer Art “On The Road" für das Jet-Zeitalter rund um die Welt reisen, um größere Summe Geld zu verschenken. Dabei erleben sie in Ländern wie Senegal, Marokko, Estland und Lettland eine absurde Szene nach der anderen, die alle nicht ganz so frei erfunden sind, wie sie erscheinen. Dave Eggers ist wirklich mit einem Freund um die halbe Welt gereist, um auszuprobieren, was passiert, wenn man wildfremden Menschen ein Bündel Geld in die Hand drückt und seine Reiseroute vom spontanen Angebot des jeweiligen Flughafens bestimmen läßt. Wie schon bei seinem Debutroman, rätseln Kritiker und Fans nun, was das Buch über seinen Autor aussagt. Ob er sich zum Beispiel für seinen Erfolg schämt. “Diese mittelständischen Schuldgefühle spielen da sicherlich eine Rolle", gibt er zu. “Bisher hat allerdings nur ein Kritiker geschrieben, dass das Buch auch davon handelt, wie sich Amerika in der Welt benimmt. Und der war aus Kanada."

“Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind" ist konventioneller geschrieben, als “Ein herzzereißendes Werk von umwerfender Genialität", in dem er die formalen Grenzen der Biografie zerpflückte. Doch er hat sich all das bewahrt, nach dem er auch in den Texten der Autoren sucht, die für McSweeney's Quarterly oder den Buchverlag schreiben - Leidenschaft, Humor und eine Experimentierfreudigkeit, die einen Text zerlegt, ohne ihn zu zertrümmern. Und dabei soll es auch bleiben.

Dave Eggers führt durch den Unterrichtsraum, in dem gerade eine schnatternde Bande Schulkinder einen Kurs für Detektivgeschichten absolviert, zu einer Leiter die steil in den Dachboden führt. Dort oben sitzen noch einmal vier Mitarbeiter. Das ist die Design- und Vertriebsabteilung. Er will noch sein nächstes Projekt vorführen. Ein Grundlagenwerk des Schriftstellers und Reporters William T. Vollmann, der neben seiner Arbeit an historischen Romanen an der Untersuchung der Frage gearbeitet hat, wann Gewalt gerechtfertigt ist. 3200 Seiten sind dabei herausgekommen. Niemand war bisher bereit, dieses verlegerische Selbstmordkommando zu veröffentlichen, aber Ende Oktober will McSweeney's Vollmanns “Rising Up and Rising Down" in einer Auflage von 3500 Exemplaren zu einem Vorzugspreis von 100,- Dollar herausbringen. Stolz wuchtet er den Prototyp des Buches auf den Tisch - einen mehrere Kilo schweren Schuber mit sieben Bänden in Leinen.

Vollmann hat ihn auch für sein nächstes Buch inspiriert. Ende des Jahres will Dave Eggers einen der “Lost Boys" nach Hause begleiten, einen jener sudanesischen Flüchtlingsjungen, die durch ein Programm der Unesco in Amerika angesiedelt wurden und doch keine neue Heimat gefunden haben. Noch gibt es ein paar Hürden zu überwinden. Die Uno-Mannschaften wollen nicht mehr in die Gegend des Südsudan einfliegen, aus der Eggers Junge kommt. Die Regierung in Khartoum hat angedroht, alle Unternehmungen dieser Art militärisch zu unterbinden. Jetzt will Dave Eggers ohne Zustimmung der Uno oder der Islamisten dorthin kommen. Egal wie. Der Begeisterung nach, mit der er von seinem Projekt erzählt, wird er auch das noch schaffen.





Zurück zum Inhalt