GEFÄHRLICHE IDEEN

Das Onlineforum Edge stellt die Frage des Jahres

© Andrian Kreye


New York 03.01. '06 - Einmal im Jahr stellt der selbst ernannte Kopf der Third-Culture-Bewegung und New Yorker Buchagent John Brockman seinen Mitstreitern und Klienten eine Frage, deren Antworten er dann jeweils am Neujahrstag auf seine, Onlineforum Edge veröffentlicht. Damit löst Brockman ganz offiziell das Versprechen der Kampfansage ein, die seiner Third Culture zu Grunde liegt. Es seien die Naturwissenschaften, die heute die relevanten Fragen der Menschheit stellen, sagt Brockman während sich die Geisteswissenschaften vor allem mit ideologischen Grabenkriegen und semantischen Haarspaltereien beschäftigen. Da geht es um Meinungshoheiten, die gerade im Kontext der postideologischen Debatte und der

Desäkularisierung so umkämpft sind, wie selten zuvor. So war die diesjährige Frage “Was ist Ihre gefährliche Idee?" auch ungewöhnlich geladen, nachdem sich das Forum seit 1998 doch vor allem mit Grundfragen der Wissenschaftskultur beschäftigt hatte. Doch gerade weil sie so geladen war, kam dabei eine Debatte zustande, in der die prinzipiellen Anliegen der Third Culture deutlicher formuliert wurden, als in all den Jahren zuvor.

Da gibt es zunächst einmal die Anhänger eines wissenschaftlichen Utopia. Der Chemiker Robert Shapiro legt dar, warum wir in den nächsten fünf Jahren den Ursprung allen Lebens verstehen werden. Der Ingenieur Ray Kurzweil glaubt an eine baldige und radikale Verlängerung des menschlichen Lebens. Der Medienanalytiker Douglas Rushkoff sieht universelle Anwendungen des so genannten “Open Source"-Prinzips auf den Waren- und Informationsverkehr. Und der Physiker Freeman Dyson prophezeit in seinem Beitrag, dass die Biotechnologie in den nächsten fünfzig Jahren ähnlich ein Teil unserer Alltagswelt werden wird, wie die Computertechnologie in den letzten fünfzig. Vom Gartenset, mit dem man seine eigenen Rosen und Orchideen designen könnte, bis zum Werkzeugkasten für Tierzüchter und Biospielen für Kinder werde es Anwendungen für jeden Konsumenten geben. Das berge auch Gefahren, dass sich Biohacker gefährliche Mikroben basteln oder Eltern versuchen, ihren Nachwuchs zu manipulieren, weswegen die Anwendungen streng reglementiert werden müssten.

Dagegen stehen die Vertreter eher dystopischer Ansichten, wie der Geograf, Biologe und Bestsellerautor Jared Diamond, der mit der Mär vom edlen Wilden aufräumt und sagt, dass Naturvölker keineswegs ein quasi heiliges Verhältnis zu Natur und ihresgleichen hätten, sondern vielmehr ihre Umwelt zerstören und brutale Stammeskriege anzetteln. Noch ein paar philosophische Schritte weiter geht der Mathematiker John Allen Paulos, der das Selbst als konzeptionelle Schimäre entlarvt und von der Wissenschaft eine Art buddhistischen Ansatz in der Beschäftigung mit der Wahrnehmung an sich einfordert.

Womit sich die Debatte schon dem Leitmotiv der Third Culture nähert - dem Selbstverständnis des Menschen. Da stellt der Evolutionsforscher an der University of Chicago Jerry Coyne den freien Willen mit der Behauptung in Frage, dass viele Verhaltensweisen des modernen Menschen durch die natürliche Auslese unserer Vorfahren genetisch vorprogrammiert wurden. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins sieht sogar genetische Anlagen für Verbrechen. Der Evolutionspsychologe an der Harvard University Steven Pinker führt diese Gedanken ein paar radikale Schritte weiter und konstatiert, dass auch Begabungen und Mentalitäten genetisch angelegt seien und vor allem auf verschiedene Menschengruppen verschieden verteilt seien. Die Gefahren solcher Untersuchungen beschreibt der Genforscher Craig Venter in seinem Beitrag. Die Erforschung der genetischen Grundlagen für Persönlichkeit und Verhalten müßten zwangsläufig zu gesellschaftlichen Konflikten führen. Da wirkt der Text des Mathematikers Rudy Rucker geradezu versöhnlich, in dem er einen universellen Geist und das Prinzip des Panpsychismus skizziert.

Letztlich bewegen sich solche Überlegungen der Third Culture gerade mit radikalen Ansagen, wie der Erklärung des Psychologen an der Yale University Paul Bloom, dass es trotz der Einzigartigkeit des Menschen keine Seele gibt, auf die naturgegebene Störzone zwischen Naturwissenschaften und Theologien zu. Viele Anhänger der Third Culture gehen mit Forderungen wie der des Neurowissenschaftlers Sam Harris konform, dass Wissenschaft Religion nicht nur ablösen, sondern religiöses Dogma auch ganz bewusst delegitimieren müsste, weil religiöse Toleranz und damit die Akzeptanz religiöser Dogmen immer auf Kosten der Wissenschaft gingen. Zwar wendet der Anthropologe Scott Atran ein, dass die Wissenschaften die Religionen auf lange Sicht eher fördern würden, weil diese all jene Hoffnungen und Regungen in sich bergen, die der Wissenschaft fehlt. Der Psychologe an der Harvard University Stephen Kosslyn fordert sogar eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Göttlichen ein. Dem nähert sich der Physiker und derzeitigen Albert Einstein Professor an der Princeton University Paul Steinhardt an, der die Einzigartigkeit unserer Welt nicht aus naturwissenschaftlichen Gründen in Frage stellt, sondern den Lauf der Zeit als übergeordnetes Prinzip betrachtet.

Natürlich gibt es auch in der Third Culture Zweifler. So stellt der Astrophysiker und Vorsitzende der britischen Royal Society of Science Martin Rees die Frage, ob die Wissenschaften nicht längst aus dem Ruder gelaufen sind. Der Computerwissenschaftler David Gelernter fragt sich, über was für Informationen die Menschen im Zeitalter der Informationen auch wirklich verfügen? Prinzipiell können sich die Anhänger der Third Culture jedoch auf die Aussage des Münchner Neurowissenschaftlers Ernst Pöppel einigen, der seinen “Glauben an die Wissenschaft" beschreibt.

Bei aller Kontroverse - von der Politik und den aktuellen Meinungsdebatten will John Brockman sein Onlineforum Edge.org fern halten. “Das ist nicht unsere Aufgabe", sagt er. “Das können andere besser." Dieses Jahr habe er bei den Antworten der Frage des Jahres ungewöhnlich viel eingreifen müssen “Wir sind ja kein Chatroom und keine Wikipedia, sondern ein Forum mit ganz klaren Vorgaben, die wir redaktionell auch einfordern", sagt er. “Und trotzdem konnten es mehr als zwanzig Teilnehmer dieses Jahr nicht lassen, ihrem Unmut über George W. Bush zu formulieren." Er seufzt. “Wenn man betrachtet, in was für einer Zeit wir leben ist das natürlich verständlich."




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