Alles über ihr neues Buch zum Beispiel.
Ellis: Kann man inzwischen nicht alles, was ich jemals gesagt habe im Internet herausfinden? Können Sie daraus nicht einfach ein Interview mit Ihren Lieblingszitaten von mir zusammenschustern?
Ich befürchte, das wäre nach gängigem Recht ein Plagiat.
Ellis: Ach richtig. Das hätte ich fast vergessen.
Wir können auch gerne über etwas anderes reden.
Ellis: Nein, nein. Jedes Interview läuft ja anders ab und die Journalistenfragen werden ja niemals in derselben Reihenfolge gestellt, deswegen ist jedes einzelne Interview ein bisschen wie eine kleine Schneeflocke.
Na gut, dann fangen wir eben mit all den anderen Interviews an, in denen Sie die Beantwortung der Frage, wie viel vom biografischen Teil von “Lunar Park" Tatsachen sind, verweigern. Irgendeinen Grund muss es aber doch gehabt haben, dass Sie mit einer Biografie beginnen, die in einen Suburbiaroman mündet, den sie dann mit Horrorgeschichten zerfetzen.
Ellis: Ich wollte einen Stephen-King-Roman schreiben. Das war alles. Jetzt bekomme ich von all diesen Leuten Briefe und E-Mails, die da alle möglichen Bedeutungen hineinlesen, obwohl ich ganz einfach meine Hommage an Stephen King geschrieben habe und da noch ein paar schmerzhafte Erinnerungen an meinen Vater hineingepackt habe.
Aber Sie fangen mit dieser Pseudobiografie an...
Ellis: Ich brauchte eben einen Weg, den Erzähler in das Spukhaus zu kriegen und ich wusste, dass er ein Autor sein würde, der sehr an mich erinnert, und dass es der beste Weg wäre, wenn er einen rasanten Aufstieg und einen tiefen Fall erlebt, wenn er mit der Frau wieder zusammenkommt, mit der er vor elf Jahren mal ein Kind zusammen gezeugt hat, und wenn er versucht mit dieser Familie so ein bürgerliches Vorortleben in diesem Spukhaus zu führen. Das war alles. Ich habe nicht damit gerechnet, dass diesem ersten Kapitel so viel Bedeutung zugemessen wird.
Sie gelten eben als Stimme Ihrer Generation...
Ellis: Natürlich hätte ich es wissen müssen. Als Stimme meiner Generation habe ich mich aber höchstens mal ganz am Anfang ein, zwei Jahre lang gefühlt. Ich glaube, ich würde mehr Bücher veröffentlichen, wenn ich das Gefühl hätte, dass ich für meine Generation spreche.
Oder gar keine.
Ellis: Dazu schreibe ich zu gerne. Außerdem muss ich mir mit dem Schreiben meinen Lebensunterhalt verdienen, ich bin nämlich nicht von Haus aus wohlhabend.
Hatte es denn irgendeine Auswirkung auf Sie oder Ihre Arbeit, zur Stimme Ihrer Generation gekürt zu werden?
Ellis: Nein. Sie müssen verstehen, dass ich für meine Arbeit schon so oft abgewatscht wurde, dass ich diese Art von Selbstherrlichkeit gar nicht zustande bringe. Aber so bleibt man ganz gut auf dem Boden der Tatsachen.
Meinen Sie damit, die Kritik an “American Psycho"?
Ellis: Ich meine damit, wie man mich für jedes meiner Bücher abgewatscht hat. Zumindest hier in Amerika. Ich bin im literarischen Establishment nicht besonders beliebt und bei den Kritikern schon gar nicht. Deswegen sehe ich mich auch nicht als wichtigen Literaten meiner Generation.
Warum werden Sie so kritisiert?
Das mag sein, aber ist die Ansage, dass Sie einen Stephen-King-Roman schreiben wollten nicht gerade in diesem Zusammenhang sehr kokett?
Ellis: Gibt es da irgendwelche Regeln? Habe ich irgendetwas zu tun? Oder zu lassen?
Na ja, in der Popmusik nehmen Stars auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere vielleicht mal ein Album mit Coverversionen auf, aber von Autoren kennt man das eben nicht.
Ellis: Vielleicht ist denen das einfach zu peinlich. Mir nicht. Ich wollte einen Stephen-King-Roman schreiben. Punkt. Ich verstehe nicht, warum sich alle so darüber aufregen. Mein eigener Verleger hat mich gebeten, das mit Stephen King doch ein bisschen runterzufahren, weil sie dieses Buch nicht als Horrorroman verkaufen wollen. Gilt der Suburbiaroman nicht als die große Herausforderung der amerikanischen Literatur?
Ellis: Leider. Aber ich will ganz bestimmt nicht in die Fußtapfen von Richard Yates, John Cheever oder Updike treten. Ich habe den postmodernen Roman studiert, deswegen wusste ich, dass ich so etwas niemals mit ernster Miene schreiben könnte und das irgendwie aufmischen muss.
Definiert sich so die so genannte “Transgressional Fiction", das Genre, das Sie angeblich lanciert haben?
Ellis: Jaja, die Nummer kenne ich. Glauben Sie kein Wort. Das ist ganz alt. Damit habe ich nichts zu tun.
In einschlägigen Werken findet man Sie aber als wichtigsten Autor dieser “Grenzübschreitenden Literatur".
Ellis: Das beruht alles auf einem einzigen Essay von Elizabeth Young, das irgendwie wichtig war. Sie hat damals geschrieben, dass es eine neue Autorengeneration gibt, die mehr Grenzen überschreitet und Tabus verletzt, als jede andere Generation zuvor. Vor allem was Sex und Gewalt betrifft, dann diese Listen und die Kritik an der Konsumgesellschaft. Das alles hätte es in der gängigen amerikanischen Literatur zuvor nicht gegeben.
Wer gehörte zu dieser Generation?
Ellis: Jay McInerney wurde da erwähnt, Tama Jaowitz, Dennis Cooper, Mary Gaitskill. Und “American Psycho" wurde eben als bestes Beispiel dafür angeführt.
Aber ist dann ist dieses Genre doch etwas Handfestes...
Was haben Sie sich denn so auf ihren Ipod geladen?
Ellis: Ich kann das ja nicht, das macht mein Assistent, der hat mir für meine Lesereise irgendwie 9000 Songs draufgeladen. Aber das war meine Rettung. Ich war in ganz Europa und Amerika und der Ipod war so etwas wie meine Nabelschnur.
Die wichtigsten Songs?
Ellis: Die wichtigsten Toursongs? “Crafty" von New Order. Dann dieser Song “Chicago" von Sufjan Stevens. Und Cold Play. “Fix You" und “The Scientist". Cold Play ist die beste Band der Welt, um in Flughäfen auf Flüge zu warten. Hören Sie sich mal “The Scientist" an, wenn sie durch einen überfüllten Terminal müssen. Das ist so traurig, das bringt Sie zum Heulen. Ich habe ja wirklich geweint. Im Flughafen von Manchester. Und dann auf dem Flug von Manchester nach Glasgow. Und dann in Glasgow. Ich habe bestimmt für zwei, drei Stunden geweint, das war total hysterisch. Ich weiß auch nicht, warum ich Ihnen das erzähle.
Warum haben Sie denn geweint?
Ellis: Erschöpfung? Mein Terminplan ist auf diesen Reisen so voll gepackt, ich muss mir ja sogar Zeit für E-Mail planen. Eine halbe Stunde, morgens um halb sieben, bevor ich los muss.
Spielt Musik bei Ihrer Arbeit eine Rolle?
Ellis: Eigentlich nicht. Film auch nicht. Ich werde eher von anderen Autoren beeinflusst. Stephen King sowieso. Und diesmal war es Philip Roth. Ich habe zentnerweise Roth gelesen, während ich an “Lunar Park" geschrieben habe. Mir ist auch aufgefallen, dass ich diese ewig langen Absätze in der ersten Hälfte Roth verdanke, weil ich versucht habe, ihn zu kopieren. Er ist dabei mein liebster lebender Autor geworden. Der macht einem Hoffnung.
Was für Hoffnung?
Ellis: Dass man mit 70 seine Fähigkeiten noch voll ausschöpfen kann. Dass man kein langweiliger, zielloser Autor wird, sondern immer noch lebendiger, cooler und klüger sein kann, als alle jüngeren Zeitgenossen.
Ist das Schreiben nicht eine der wenigen Kunstformen, in denen man mit dem Altern eher besser wird?
Ellis: Ja. Oder man wird richtig faul und lässt sich von seinen alten Erfolgen treiben. Was man beim Schreiben besser kann, als in jeder anderen Kunstform, weil Schreiben nicht besonders teuer ist. Regisseure können sich nicht treiben lassen, weil das Filmemachen viel zu teuer ist. Als Autor kann man sich dagegen die ganze Zeit treiben lassen.
Welche Autoren meinen Sie denn?
Ellis: Ich werde hier nicht auf andere Autoren schimpfen. Vergessen Sie's. Das steht jetzt ab sofort in meinen Interviewverträgen - wird nicht über andere Autoren schimpfen.
An was schreiben Sie denn gerade selbst?
Ellis: An einem Buch über Los Angeles und Hollywood. Da geht es auch um eine Figur, die in die Vergangenheit zurückblickt. Es wird die Fortsetzung von “Less Than Zero".
Mit den selben Figuren?
Ellis: Mit den selben Figuren. Ich habe “Less Than Zero" an dem Tag noch einmal gelesen, als die Veröffentlichung genau 20 Jahre her war. Am nächsten Tag bin ich dann herumgefahren und habe mir überlegt, was diese Kids wohl heute machen, ob sie in Hollywood arbeiten, ob sie verheiratet sind, ob sie selbst Kinder haben, die vielleicht genauso alt sind, wie sie in “Less Than Zero" waren.
Verbringen Sie wieder viel Zeit in ihrer Heimatstadt Los Angeles?
Ellis: Ich habe da für 19 Monate gelebt, bevor die amerikanische Lesetour im August anfing. Seither war ich ja unterwegs.
Wo haben Sie dort gelebt?
Ellis: Überall. Erst habe ich drei Monate bei meiner Schwester gewohnt, während sie auf Entziehung war. Dann bei einem Freund, der in Europa war, dann bei meiner Mutter. Und ein paar Monate lang habe ich in Hotels gewohnt.
In welchen Hotels?
Ellis: Im Beverly Hills Hotel, im Chateau Marmont, im W in Westwood. Das hat mir gut gefallen. Allerdings hat mir mein Steuerberater dann gesagt, dass ich mir das nicht mehr leisten kann und entweder zu meiner Mutter zurückziehen oder eine eigene Wohnung finden soll.
Wie war es, nach New York zurück zu kommen?
Ellis: Ach, ich glaube, jetzt haben wir genug geredet. Das müssen wir jetzt nicht auch noch durchkauen. Da will ich gar nichts dazu sagen, weil ich dazu gar nichts zu sagen habe.
Falls Sie befürchten, dass ich jetzt auf die unvermeidliche 9-11-Frage hinaus will...
Ellis: Zu dem Thema habe ich irgendeiner deutschen Zeitung ein Interview gegeben. Warum bloß? So ein Schwachsinn. Die Leute fanden, dass sich das furchtbar anhört. Meine Leser wollen mir sowieso nicht glauben, dass ich so sentimental sein kann, wenn es um den 11. September geht. Die Deutschen haben mir das dann auch nicht geglaubt.
Wo waren Sie denn am 11. September?
Ellis: Hier in New York. Beim Arzt am Union Square.
Ging Ihnen der 11. September denn so nahe?
Ellis: Ja. Das war ein ziemlich großes Ding. Aber entweder wollten meine Leser nicht wahrhaben, dass ich so sentimental sein kann, oder sie haben geglaubt, dass ich nur so tue, was ja noch ekelhafter wäre.
Das klingt ja eher unangenehm.
Das scheint sie ja sehr mitzunehmen.
Ellis: Ach, eigentlich schere ich mich nicht mehr darum. Ich habe ja mitgespielt und geholfen, dieses Monster zu kreieren.
Haben Sie denn den Kontakt zum echten Bret Easton Ellis noch aufrecht halten können?
Ellis: Ich glaube nicht. Freunde sagen mir manchmal, dass ich den nicht mehr habe. Ich habe eigentlich immer gedacht, dass ich den noch habe. Das klingt ja jetzt alles ganz eigenartig. Werden Sie das in ihre Geschichte schreiben?
Das wird ein reines Interview.
Ellis: Ein reines Interview? Na gut. Ich klinge auf Deutsch sowieso immer viel klüger, als auf Englisch.
New York im Winter '05/'06 - Bret Easton Ellis: Also - was wollen Sie wissen?
Ellis: Die mögen eben meine Bücher nicht, über was ich schreibe, wie ich schreibe. Zumindest hoffe ich, dass das alles rein ästhetische Gründe hat. Aber ganz ehrlich - so viel Gedanken mache ich mir darüber auch nicht. Ich mache mir darüber Gedanken, wo ich heute Abend Essen gehe, mit wem ich Sex haben werde oder wo ich übers Wochenende hinfahre. Ich liege nicht im Bett und grüble darüber nach, warum mich die New York Times nicht mag, obwohl ich doch die Stimme meiner Generation bin.
Wahrscheinlich mögen ernsthafte Leser keine Horrorromane und deswegen wollen sie das lieber herunterspielen und stärker das Familiendrama in der Suburbia betonen. Das scheint jedenfalls attraktiver zu sein, als kleine, haarige Monster und dämonische Puppen und all das. Aber das sind eben Dinge, die ich gerne mag. Ich hasse die Suburbiasatire. Ich musste die 100 Seiten Suburbiascheissatire nur schreiben, damit ich diesen verdammten Terby durchs Schlafzimmer fliegen lassen konnte und er sich mit seinen Krallen auf die Kinder stürzen kann. Ein Bedürfnis, die Dinge zu verspotten hat sich sowieso - ich würde nicht sagen, in Luft aufgelöst, aber das interessiert mich nicht mehr. Ich habe das jetzt 20 Jahre lang gemacht. Ich interessiere mich jetzt mehr für Geschichten, für persönliche Dinge, für die Vergangenheit.
Ellis: Ja doch, das ist schon handfest. Aber als ich “American Psycho" und “Less Than Zero" geschrieben habe, habe ich mir über solche Sachen keine Gedanken gemacht. Erinnern Sie sich? Ich habe andere Sorgen. Gerade zum Beispiel - was lade ich mir auf meinen Ipod? Ich will ein paar Songs runterladen. Mag ich diese Songs auch wirklich? Will ich die ganze Platte hören? Ich hasse es, dass ich all diese Songs auf meinem Ipod habe, die ich mir nie anhöre. Das macht mich ganz wahnsinnig.
Ellis: Ich weiß, man gesteht mir meine eigene Persönlichkeit nicht zu. Aber so geht mir das bei Lesungen, bei Interviews, - der echte Bret Easton Ellis existiert nicht, nur dieser Frankenstein, diese Person, die aus allen möglichen Teilen zusammengesetzt wurde und die Bret Easton Ellis repräsentiert, wenn man Bret Easton Ellis sagt. Der wird die Fragen gefragt und dem nähern sich die Leute bei den Lesungen. Der echte Bret Easton Ellis ist da komplett irrelevant. Der könnte genauso gut tot sein.
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Fernsehinterview mit B.E. Ellis
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