DAS RÄTSEL BLEIBT

Bob Dylan hat seine Autobiografie geschrieben.

© Andrian Kreye


New York 06.10. '04 - Die Erwartungen an Bob Dylans Autobiografie “Chronicles Volume One" waren naturgemäß hoch. Immerhin brach hier ein Mann sein Schweigen, der seit vier Jahrzehnten als Enigma, Sphinx und großes Rätsel durch die Mythologie der Popgeschichte geistert. Nicht nur das. Bob Dylan hat sich ausgerechnet zu einem Zeitpunkt zu Wort gemeldet, an dem das Genre der Biografie als Profitmaschine des Verlagswesens zu jeder Saison immer spektakulärere Sensationen produziert.

Seit Dienstag kann man “Chronicles Volume One" (Simon & Schuster, New York, 293 Seiten, 24 Dollar,) in den USA kaufen. Als Promibiografie mag “Chronicles" enttäuschen. Es gibt keine Enthüllungen. Es gibt nicht einmal Antworten auf die offenen Fragen. Natürlich hätte man gerne mehr darüber erfahren, warum er sich ausgerechnet beim Newport Folk Festival 1965 eine elektrische Gitarre umgeschnallt hat, warum er sich ins Privatleben zurückzog, als ihn eine ganze Generation zur Führerfigur erkor, warum er zum Christentum übertrat, was es mit seinen Lieben und Scheidungen auf sich hatte. Einzig sein Faible für so bourgeoise Kunstformen wie Brill Building Pop, Polka und Filmschnulzen, sowie seine Sehnsucht nach einem geruhsamen Leben im Idyll eines Häuschens mit Garten und weißem Lattenzaun schien in den ersten Berichten Nachrichtenwert zu haben. War die Stimme der Protestgeneration in Wahrheit immer ein Kleinbürger? Doch Bob Dylan verstand sich schon immer darauf, Erwartungshaltungen mit genialischer Brillanz zu enttäuschen. So auch mit seiner Autobiografie.

“Chronicles" erzählt nicht chronologisch das Leben des großen Bob. Der Erzählfluss springt scheinbar planlos zwischen Lebensabschnitten hin und her, folgt eher der emotionalen Chronologie eines Songs. Dylan hat das Buch sogar in fünf Kapitel unterteilt, die sich an die Struktur einer Ballade halten. Hat man sich aber erst einmal davon gelöst, Enthüllungen und Antworten nachzufiebern, wird eigentlich schon von der ersten Zeile an klar, dass sich Dylan mit einer traditionellen Biografie selbst verraten hätte. Da beschreibt er, wie der Musikverleger Lou Levy ihn dem Boxchampion Jack Dempsey vorstellt, der den jungen Dylan abschätzig mustert und meint, er wäre wohl ein bisschen zu leicht für ein Schwergewicht, solle sich schicker anziehen und keine Angst haben, richtig zuzuschlagen. Als Levy ihn aufklärt, Dylan sei ein Songschreiber, wünscht ihm Dempsey leicht gelangweilt viel Glück, er hoffe, mal ein Lied von ihm zu hören. Damit vollzieht Dylan gleich auf der ersten Seite drei allegorische Umdrehungen im Kosmos des Hipstertums und bestimmt mit selbstironischer Souveränität die Koordinaten seiner Biografie als Außenseiter, Musiker und unfreiwilliger Weltstar.

In solchen Details liegt die wahre Größe von “Chronicles". Ohne den analytischen Anspruch eines Kulturhistorikers oder den selbst auferlegten Druck, sich entblößen zu müssen, erlaubt der Autor Dylan seinen Lesern, sich der Figur Dylan mit jener lässigen Neugier zu nähern, die als Wurzel des amerikanischen Hip auch sein Werk bestimmt hat. Denn Dylan steht weniger in einer Linie mit seinen rockgeschichtlichen Zeitgenossen wie Mick Jagger, John Lennon oder Jim Morrison, als mit den Giganten des Hip wie Muhammad Ali, Miles Davis oder Thelonious Monk, Figuren, die der Kulturgeschichte immer ein paar Schritte voraus waren, und die keine Angst hatten, sich immer wieder selbst den Rücken zuzukehren. Weil sich Hip aber prinzipiell der Erklärung und Analyse entzog, taugt Dylans Leben auch nicht für eine lineare Autobiografie.

Wer sich aber ohne Erwartungshaltungen auf “Chronicles" einlässt, bekommt durchaus Einblick in das Rätsel Dylan, der sich sich als Hipster, Star und Musiker beleuchtet. Es bedarf auch keiner großen Anstrengung, sich auf “Chronicles" einzulassen, denn die besagte emotionale Chronologie bekommt durch Dylans sprachliches Rhythmusgefühl eine erstaunliche Stringenz.

Seine Entwicklung als Musiker macht da noch die größte Mühe. Die detaillierten Beschreibungen, aus welchen Kapiteln der amerikanischen Folkgeschichte seine Zupftechnik stammt, haben für Musikwissenschaftler sicherlich historischen Wert. Mit der ausführlichen Erzählung, was für eine kathartische Bedeutung die Aufnahmen zu dem Album “Oh Mercy" mit dem kanadischen Produzenten Daniel Lanois Ende der Achtzigerjahre in New Orleans hatten, überfordert Dylan Einfühlungsvermögen und Geduld. Da scheint er eine fast diebische Freude daran zu haben, die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Songs zu rekapitulieren, wohl wissend, dass er damit das Mysterium seines Frühwerkes bewahrt.

Den Einblick in sein Innenleben und seine künstlerische Biografie gewährt er vor allem in den Kapiteln über seine frühen Jahre. Mit der Rastlosigkeit der Beatniks hatte er bald abgeschlossen: “Schon nach ein paar Monaten in New York hatte ich mein Interesse an der spaßhungrigen Hipstervision verloren, die Kerouac so gut in seinem Buch ’On the Road' illustriert." Dylan sucht inmitten der nervösenAufbruchstimmung nach Ruhepolen. In der Beschreibung, wie er als ständiger Hausgast die Buchregale seiner Gastgeber plündert, verfolgt er die geistigen Wurzeln seiner Generation bis in die Antike zurück. Er lässt eine Atmosphäre wieder aufleben, in der es kein Stilbruch war, wenn er als Folksänger mit Jazzpionieren wie Cecil Taylor oder mit dem Calypsopopstar Harry Belafonte spielte. Sein Faible für Mainstreampop von Henry Mancini und Frank Sinatra entpuppt sich im Kontext auch keineswegs als Hinweis auf heimliche Bürgerträume, sondern vielmehr als jenes instinktive Musikgefühl, das Duke Ellington einst mit dem Satz umschrieb, es gebe nur gute und schlechte Musik. Kein Wunder also, dass bei dieser Suche nach der eigenen und damit auch nach einer kulturellen Mitte der plötzliche Ruhm eine gewaltige Zerstörungskraft entwickelt.

Seine Verachtung für die marktschreierische Dynamik der Medien beschreibt Dylan ebenfalls schon früh im Buch. Da diktiert er dem Presseagenten von Columbia Records für seine erste Promobio mythische Lügen - wie er schon früh aus dem Elternhaus geworfen und mit einem Güterzug nach New York gekommen sei. Später sollte Dylans Verachtung für die Medienwelt in offene Aggression umschlagen. In D.A. Pennebakers Dokumentarfilm “Don't Look Back" gibt es eine Schlüsselszene, in der Dylan kaltlächelnd den Reporter des Nachrichtenmagazins Times zurechtstutzt. “Ich könnte dir erklären, warum ich kein Folksänger bin, aber das würdest du sowieso nicht verstehen", sagt er da, und schließt das Interview mit der Essenz trotziger Hipsterphilosophie: “Wir glauben alle, dass wir etwas wissen. Dabei wissen wir gar nichts."

Man kann Dylan deswegen auch seinen etwas weinerlichen Ton verzeihen, wenn er von seinen Versuchen erzählt, dem frühen Ruhm zu entkommen. Wenn er nicht verstehen kann, dass ihn eine ganze Generation zur politischen Führerfigur erkoren hat und ihn selbst seine einstige Weggenossin Joan Baez in einem Song dafür beschimpft, dass er vor seiner Verantwortung ins Privatleben flüchtete. “Manchmal fühlte ich mich, als ob ich eine Leiche transportiere und jeden Moment rausgewinkt werden könnte", schreibt er da.

“Mein ganzes Leben sollte schon bald entgleisen", schreibt Dylan über den Moment, an dem er seinen ersten Plattenvertrag bekommt. Heute erscheint dieser Hass auf den eigenen Ruhm und die Unfähigkeit, mit einem Mythos fertig zu werden, der nicht der eigene ist, hilflos, fast naiv. Doch auch da musste Dylan Pionierarbeit leisten, gehörte er doch zu jener ersten Generation von Stars, die ihren Ruhm zwar auf Anliegen und Inhalten begründeten, aber wie nie zuvor mit den Verzerrungen und Simplifizierungen der Medien fertig werden mussten. In Zeiten, da Stars wie Madonna und Paris Hilton die Kunst beherrschen, ihren Weltruhm ausschließlich auf diesen Verzerrungen und Simplifizierungen zu begründen, mag das unverständlich erscheinen. Dylan aber fiel es schon schwer, die Rolle als authentische Stimme seiner Generation übernehmen zu müssen.

Immer wieder beschreibt er die Sehnsucht, doch endlich in Vergessenheit zu geraten. Was für eine Erleichterung muss es für ihn gewesen sein, als ihn John Cale als Beweis für das Ende einer Ära anführte. “Dylan hat in seinen Liedern immer nur Fragen gestellt", konstatiert der Mitbegründer der Velvet Underground. Antworten hat Dylan nun auch mit “Chronicles" nicht geliefert. Zwar lautet der Untertitel “Volume One". Das Buch macht auch Lust auf mehr - Hoffnung auf Antworten allerdings keine.





Zurück zum Inhalt



Bild

Andrian Kreyes neues Buch:

Die Geschichte der Stadt New York

von Punk und Disco

bis zur Alarmstufe Orange.



Jetzt bei amazon.de