GLAMOUR IN ASPIK

Das MoMa zeigt Videoinstallationen
von Douglas Gordon

© Andrian Kreye

New York im Juni '06 - Bevor man sich mit der Frage beschäftigt, warum die Videokunst des schottischen Turnerpreisträgers Douglas Gordon weit über die dekonstruktivistische Kalauerei hinausgeht, mit der er hin und wieder herumpoltert, sollte man vielleicht kurz erwähnen, dass das Museum of Modern Art in seinem neuen Bau begonnen hat, das Wort “Modern" auch in seiner Rolle als Motor der New Yorker Gesellschaft sehr ernst zu nehmen. Jedenfalls sind die Parties und Empfänge des Museums im letzten Jahr zu einem neuen Fixpunkt des New Yorker Glamours geworden, der zwischen der Angeberkultur des hysterisch schwankenden Aktienmarktes und der neuen Ernsthaftigkeit seit den Anschlägen des 11. Septembers in den letzten Jahren immer ein wenig zu kurz gekommen ist.

Nun macht es sowieso Sinn, dass man für Douglas Gordons Ausstellungseröffnung im MoMa eine glanzvolle Eröffnungsparty gibt, schließlich beschäftigt sich der 40jährige in seinen Arbeiten nicht unwesentlich mit dem Thema Glamour, sei es mit seinen Videoinstallationen aus Hollywoodfilmen, oder in seinen Selbstporträts als Kurt Cobain, Andy Warhol und Marilyn Monroe. Und doch ist es kein Zufall, dass man auf den Parties im MoMa in letzter Zeit häufig das Gefühl bekommt, dass man hier jene unschlagbare Mischung aus Geld, Ideen und Sex antrifft, mit denen schon Steve Rubell im Studio 54 dafür sorgte, dass jeder Abend zu einer Nacht wird, bei der gerne alle dabei gewesen wären.

Eine Vernissage im Kunstmuseum ist zwar kein Discoabend, doch im Gegensatz zu den sonst üblichen Parties und Empfängen der New Yorker Kulturinstitutionen, die vor allem die Aufgabe haben, neben dem alten auch das neue Geld zu umwerben, was hin und wieder zu einem etwas verkrampften Dialog mit der reich gewordenen Jugend führt, spielen die zahlungskräftigen Gäste an diesem Abend nicht die Hauptrolle. Deswegen fühlen sich all die jungen Männer mit den kunstvoll unfrisierten Haaren und den etwas zu engen Sommerpullovern und die Mädchen mit den frechen, klugen Gesichtern in der mächtigen Artriumhalle des Museums auch nicht zu Gast, sondern zu Hause. Mehr kann man als New Yorker Gastgeber gar nicht verlangen - dass die Gäste in diesem Moment alle genau hier sein wollen und nirgendwo anders.

Solche gesellschaftlichen Ereignisse kann man nicht einfach nach Bedarf inszenieren. Das MoMa verdankt diese Momente des Glamours dem Kurator Klaus Biesenbach, der vor zwei Jahren aus Berlin ans Moma kam und auch die Gordon-Restrospektive erarbeitet hat. Der hat einen kleinen, ausgesuchten Kreis aus jungen Vorreitern kultiviert, den er regelmäßig zu Cocktailparties ins elegante Museumsrestaurant Modern einlädt. Biesenbachs harter Kern fungiert dann auch auf Gordons Party als Motor des Abends. Die jungen Künstler Mika Rottenberg, Lliam Gillick und Taryn Simon gehören dazu, Kunstrocker wie Casey Spooner von Fisherspooner und der melancholische Antony Hegarty von Antony and the Johnsons, Gwyneth Paltrows Bruder Jake und der Komponist Peter Scherer.

Über die Rolltreppen verteilt sich die Gesellschaft dann bis hinauf in den sechsten Stock, wo Gordons Installationen zu sehen sind. Gleich im ersten Raum hängt da jene legendäre Arbeit, mit der Gordon 1993 seinen Mythos begründete - “24 Hour Psycho". Dafür hat Gordon eine Projektion von Hitchcocks “Psycho" so weit gebremst, dass der Film 24 Stunden dauert. Wenn man den Raum dann in dem Moment betritt und Janet Leigh gerade zum ersten Mal mit Anthony Perkins spricht, erstarren die kristallinen Kontraste der Schwarzweißbilder zu einer Art Glamour in Aspik und nur das eigene Vorwissen konstruiert aus den fast bewegungslosen Dialogszenen das Vorspiel zu der vielleicht bekanntesten Mordszene der Filmgeschichte. “24 Hour Psycho" nimmt in der Ausstellung eine Sonderstellung ein, denn inzwischen ist bei der Arbeit eine zweite Ebene dazugekommen, die ihr ganz realen Glamour verleiht, denn “24 Hour Psycho" gehört zu jenen Kunstwerken, über die man schon so viel gehört und gelesen hat, ohne sie zu sehen, dass man beim Betreten des verdunkelten Raums dann kurz jene Entdeckungsfreude erlebt, wie wenn man zufällig einem Prominenten begegnet.

Auch das macht Sinn, denn Gordon zitiert mit dieser Arbeit nicht nur Hitchcock und Hollywood, sondern auch den Großmeister des Glamours Andy Warhol, der mit seiner achtstündigen Aufnahme des Empire State Buildings den Minimalismus seiner Zeit in das Medium des Films übersetzte. Warhols Spiel mit den Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen hat Gordon perfekt für sich umbesetzt und damit seine Videoarbeiten vor der allgegenwärtigen Falle neuer Medienkunst. Denn je einfacher der technische Fortschritt die Bedienung der kreativen Mittel macht, desto schwieriger wird es, ein Werk zu schaffen, das über diese Mittel hinauswachsen und etwas Substantielles ausdrücken und darstellen kann.

Schlüssel zur Substanz ist in der Videokunst meist die Fähigkeit des Schöpfers, die zweidimensionalen Grenzen des Mediums zu überwinden, um Raum, Zeit und Bewegung erlebbar zu machen. Das gelingt Gordon fast immer. Die beeindruckendsten Arbeiten sind dabei nicht unbedingt seine dekonstruktivistischen Beschäftigungen mit Hollywood. Er kann zwar verstören. Wenn er für “left is right and right is wrong and left is wrong and right is right" Otto Premingers “Whirlpool" in zwei gespiegelten Projektionen zeigt, bei denen er mit Hilfe digitaler Techniken auf der einen Seite nur die Filmbilder mit geraden, auf der anderen mit ungeraden Nummern zeigt, was zu einem verwirrenden Stroboskopeffekt führt. Für “Deja Vu" nutzt Gordon einen ähnlichen Ansatz und zeigt Rudolph Matés Film-Noir-Klassiker “D.O.A." auf drei Leinwänden, wobei er den Film auf der mittleren Leinwand im normalen Tempo von 24 Bildern pro Sekunde vorführt, links mit 23 und rechts mit 25. In dem Kontext funktionieren dann sogar seine Kalauerminiaturen, wie die obszönen Handbewegungen in “Blue" und die sterbende Fliege in “B-Movie".

Letztlich sind es jedoch die Arbeiten in Echtzeit, mit denen Gordon Raum und Bewegung in den Griff bekommt, die überzeugen. "M: Futile Fear" zeigt auf drei Leinwänden im Anschnitt die Bewegungen eines Dirigenten, während einer Orchesteraufführung von Bernard Hermanns Filmmusik für "Vertigo". Für “Play Dead; Real Time" ließ er vor drei Jahren in den Räumen der New Yorker Gagosian Gallery einen dressierten Elefanten die Hinrichtung eines Elefanten namens Topsy nachstellen, der 1903 drei Menschen getötet hatte und dessen Tod durch Stromstöße in Coney Island von der Edison Manufacturing Company gefilmt wurde. Auf zwei frei im hängenden Leinwänden und einem Monitor umkreisen die Bilder die umgedrehte Bewegungsabfolge des Elefantentodes und transformieren so den gesamten Raum zur Skulptur in Bewegung. So bekommen der Abend und der Glamour dann auch das gebotene Gewicht, die zur Moderne gehören.

“Douglas Gordon: Timeline", noch bis zum 4. September im Museum of Modern Art, 11 West 53rd Street, New York, Info: moma.org, Katalog US $ 50,-.



Ausschnitte aus Douglas Gordons Videos



Zurück zum Inhalt