DIE DARWINISMUSLÜGE

Ein Besuch in Dr. Hovinds biblischem Dinosaurierpark.

© Andrian Kreye


Pensacola im Juli '05 - Doktor Kent Hovinds Dinosaurierabenteuerland ist ein Vergnügungspark für Kinder, der im Küstenstädtchen Pensacola am nordwestlichsten Zipfel von Florida zwischen dem Bahndamm und dem Highway 95 auf einem rund 8000 Quadratmeter großen Grundstück untergebracht ist. Eine Tafel mit bunten Dinosauriern zeigt die Einfahrt zum Parkplatz an, dazu der Werbespruch “Dinosaur Adventureland - wo sich Dinosaurier und die Bibel treffen", sowie die Unterzeile “Evolution - was für eine dumme Idee". Denn was die lieben Kleinen zwischen den Gipsdinos, Schaukeln und den Exponaten in der zweistöckigen Aluminiumbaracke des Schöpfungsmuseums lernen sollen ist die Geschichte unseres Planeten Erde, wie sie sich gemäß der absoluten biblischen Wahrheit vollzogen hat.

Mit seinem zweigeteilten Tor, über den sich ein Schriftbogen mit großen, poppigen Lettern wölbt, und der Aluminiumfassade des Schöpfungsmuseums, aus dem der überdimensionale Gipskopf eines grimmigen Tyrannosaurus hervorbricht, erinnert der Park ein wenig an den Jurassic Park aus Steven Spielbergs Dinosaurierfilmen. Das ist durchaus beabsichtigt, schließlich gehören Dinosaurier für die geistig formbare Zielgruppe der Vier- bis Zehnjährigen zu den beliebtesten Geschöpfen der Popkultur, über die es schon unzählige Filme, Bücher und Comic Strips gibt, mit denen Doktor Hovinds Abenteuerland konkurrieren muss. Und die gehen samt und sonders von der Annahme aus, dass Dinosaurier unseren Planeten während des Mesozoikums bevölkerten, das vor rund 65 Millionen Jahren zu Ende gegangen ist, eine Jahreszahl, die mit den Lehren der Bibel unvereinbar ist. Denn eines muss klar sein, sagt Doktor Hovind. Die Erde wurde vor sechstausend Jahren von Gott geschaffen. Wer etwas anderes behauptet lügt. Und die Dinosaurier sind allesamt vor 4400 Jahren zu Grunde gegangen. In der großen Flut, vor der sie auch Noahs Arche nicht retten konnte. Obwohl - nicht alle. Aber dazu später.

Doktor Hovind macht einen prinzipiell sympathischen Eindruck. Der 52jährige hat seine blonden Haare zu einem altmodischen Schulbubenschnitt gestutzt, trägt kurze Pfadfinderhosen und ein kanariengelbes Freizeithemd, auf dem “Dr. Dino" steht. Zur Einführung bittet er in einen Laubenbau, in dem mit Campingtischen eine Art Lehrsaal eingerichtet ist. Er trägt seine Thesen mit der Routine eines langgedienten Dozenten vor, klappt einen der herumstehenden Laptopcomputer auf, um eine Powerpointpräsentation aufzurufen. Da sind die Dinosaurier dann auch nur eines von vielen Beispielen für den Irrglauben der Naturwissenschaften, der Planet Erde und seine Bewohner seien durch den Urknall und die darauf folgenden evolutionären Prozesse entstanden.

Wissenschaftliche Erkenntnisse über Erdmagnetismus, Kontinentaldriften, Entstehung von Kohle, Diamanten und des Grand Canyon, Ernst Haeckels biogenetische Grundregel und das menschliches Steißbein entlarvt Doktor Hovind mit knappen Sätzen und simpel gestalteten Tafeln als Irr- und Wirrglauben. Es würde etwas zu weit führen jeden einzelnen von Doktor Hovinds Punkten auszuführen und zu widerlegen, doch eines wird während es Vortrages bald klar. Er hat es gar nicht in erster Linie auf den Urknall, die Dinosaurier und ihre Geschichte abgesehen. Nein - Charles Galton Darwin mit seinen Theorien vom Überleben des Stärkeren ist der wahre Feind der Christenheit. Schlimm genug, so Hovind, dass diese hanebüchenen Theorien von der Wissenschaft als Grundlage genommen werden. Viel schlimmer sei aber, dass diese Lügen an den Schulen unterrichtet werden.

Eines muss man Doktor Hovind lassen. Mit der Menge an vermeintlichen wissenschaftlichen Fakten, Fußnoten und Querverweisen kann er nicht nur Halbgebildete beeindrucken. Er schafft damit in kürzester Zeit eine in sich geschlossene Weltsicht, in die aus dem Stegreif nicht einzudringen ist. Für jeden nur möglichen Angriff hat er einen Gegenbeweis. Und man muss schon selbst etwas nachforschen, um herauszubekommen, dass der in einem der Hovindseminare zitierte Genforscher Barney Maddox in Wahrheit ein Urologe aus Texas ist, der seine Beiträge zur Genforschung für Rundbriefe kreationistischer Organisationen schreibt.

Doch wer sich auf den Streit um die Ungenauigkeiten in den säkularen und christlichen Weltbildern einlässt, der ist den Kreationisten schon in die Falle gelaufen, denn dann haben sie ihr erstes Ziel erreicht - ihren Kulturkampf als Wissenschaftsstreit zu inszenieren. Währen der letzten Jahre haben die Kreationisten ihre Rhetorik dafür entscheidend verfeinert und die Theorie vom “Intelligent Design" entwickelt (siehe SZ Wissen vom 8. Juli), nach der das komplexe Zusammenspiel der Organismen auf dieser Erde unmöglich von Zufällen, sondern nur von einer höheren, also göttlichen Existenz geschaffen werden konnten. In Staaten wie Texas und Kansas haben sie es mit dieser Taktik schon geschafft, dass Evolutionslehre und Kreationismus an Schulen als “gleichberechtigte Theorien" unterrichtet werden.

Doktor Hovind gehen die Anhänger der “Intelligent Design"-Theorien allerdings zu viele Kompromisse ein. Einige räumen ja sogar die Möglichkeit ein, dass die Erde vielleicht schon viel länger als sechstausend Jahre existiert. Nein, er hält die Evolutionstheorie für regelrecht gefährlich. Wie gefährlich? “Die mörderischen Ideologien von Hitler und Stalin beruhten auf den Ideen der Evolution", sagt er und guckt dabei sehr streng.

Draussen im Park entspannt er sich dann wieder. Ein paar Kinder stehen mit den jungen Aufsehern in ebenso kanariengelben Hemden auf einer Plattform in einem Baum und lassen sich an einem Tau über eine Wiese schwingen. Ein harmloser Spaß in einer Gegend, in der die Vergnügungsparks sonst Millionen für den Bau von immer aufwendigeren Achterbahnen ausgeben. Dafür gibt es bei Doktor Hovind wertvolle Lektionen in Physik und Theologie. Doktor Hovind stellt sich an die Absprungstelle und wartet, bis das Tau mit einem kleinen Schulbub wieder zurückschwingt. Als sich die Bewegung kurz vor seinem Gesicht wieder umkehrt, belehrt er die Umstehenden, dass die Schwerkraft dafür sorge, dass man nie höher schwingen könne, als beim Absprung und dass Gott selbst dafür sorge, dass dieses Gesetz auch immer eingehalten werde, weswegen man ihm auch blind vertrauen könne.

Dann geht es schon weiter ins Schöpfungsmuseum, wo zuerst ein Film gezeigt wird und Doktor Hovind dann stolz in den letzten Ausstellungsraum führt, wo die endgültigen Beweise erbracht werden, dass Dinosaurier und Menschen die Erde gemeinsam bewohnten. Ja, auch nach der Sintflut gab es sie noch. In den Märchen und Sagen seien sie ja noch reichlich vertreten. Als Drachen. Die Drachentöter des Mittelalters dezimierten sie dann erheblich. Heute seien nur noch wenige Exemplare am Leben. Im Loch Ness beispielsweise. Ein Zeitungsausschnitt zeigt ein Foto auf dem japanische Fischer ein totes Dinosaurier bergen.

Die Kinder und Eltern sind begeistert. Doktor Dino macht einen äußerst belehrten Eindruck und bezeichnet sich selbst als Kryptozoologe. Das klingt, als ob er so einiges vom Fach versteht. Nun hat Kent Hovind keineswegs über Dinosaurier promoviert. Er hat überhaupt keinen naturwissenschaftlichen Titel, sondern lediglich eine Zeitlang als ’Science Teacher' an einer High School gearbeitet. Seinen Doktortitel hat er nach einem Fernstudium in christlichem Schulwesen von der Patriot Bible University in Colorado erhalten, die Kritiker als “Diploma Mill" bezeichnen, wie die zweifelhaften Privatschulen in tropischen Zwergstaaten und der amerikanischen Provinz genannt werden, an denen man ohne Arbeitsaufwand gegen die Zahlung von relativ geringen Gebühren einen akademischen Grad erwerben kann.

Auch dafür hat Kent Hovind schlüssige Antworten parat. Er lächelt wissend, weiß um die ewigen Zweifler und seine säkularen Feinde, die ihn doch als Ketzer verfolgen, weil er ihr Weltbild zerstören will. Dabei ist er ihnen doch allen überlegen. 92 Debatten hat er an Universitäten schon geführt. “Bisher habe ich noch jede gewonnen", sagt er. Die größten Namen der Evolutionstheorie habe er schon herausgefordert. Das stimmt. Richard Dawkins und Stephen Jay Gould wissen sehr wohl um ihre Nemesis in Florida und sie wissen auch, wie gefährlich solche rhetorischen Zweikämpfe sein können. Sie haben es wiederholt abgelehnt mit Kent Hovind aufzutreten, weil sie ihn nicht ernst nehmen, sondern weil solche Debatten wissenschaftlich nicht vertretbar seien und Scharlatanen bei solchen Auftritten den Methoden der systematischen Forschung rhetorisch durchaus überlegen seien. Aus dem gleichen Grund haben sich naturwissenschaftliche Experten geweigert bei den Anhörungen vor den Bildungsausschüssen in Texas und Kansas gegen die Kreationisten zu argumentieren.

Doch Doktor Hovind nutzt auch die Verweigerung der Wissenschaft für seine Zwecke. Er hat einen Forschungsreis ausgeschrieben: wer ihm beweisen kann, dass sich die Evolution wirklich so abgespielt habe, dem will er eine Viertelmillion Dollar bezahlen. Ein verschmitztes Lächeln huscht über sein Gesicht. Bisher hat sich noch niemand gemeldet.





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