* BERICHTE AUS AMERIKA

DER TAG DANACH

Was wird aus der Anti-Bush-Bewegung?

© Andrian Kreye


New York 04.11. '04 - Was wird jetzt eigentlich aus der Bewegung? Wer kümmert sich um die Millionen, die gegen Bush auf die Strasse, in die Swing States und zu den Rockkonzerten gegangen sind? Für eine so leidenschaftslose Führerfigur wie John Kerry war die Politisierung der amerikanischen Gesellschaft ja doch ganz erstaunlich. Film, Musik, Theater, Literatur - die gesamte Kulturszene hatte sich geschlossen hinter ihn gestellt. Von der Basisbewegung und der Jugend ganz zu schweigen. Ein paar elektrisierende Worte von Kerry zum Tag danach? Eher Homöopathenjargon: “Ich hoffe, wir können nun den Heilungsprozess beginnen."

Hat John Edwards nicht gesagt, der Kampf hätte nun erst begonnen? Na gut, der muss seinen Senatskollegen jetzt erstmal erklären, warum er als große liberale Hoffnung im amerikanischen Süden nicht einmal seinen Heimatstaat North Carolina gewinnen konnte. Doch halt, am Nachmittag findet sich im Posteingang schon eine E-Mail mit Absender John Kerry. Betreffzeile: “Ein aufrichtiges Dankeschön". Aufrichtig? Das ist das rhetorische Äquivalent zur vergoldeten Betriebsjubiläumsuhr. Dagegen klingt Bush in der Dankesmail an seine Basis geradezu revolutionär: “Unsere Bewegung hat sich erneuert!" - “Ich sehe einen neuen Tag kommen!" - “Ich bin stolz, euch vorwärts zu führen!"

Aber da sind ja noch all die Stars, die in den letzten Monaten so großartig die Rebellen gaben. Sollte sich da nach einer kurzen Kontrolle der einschlägigen Medien nicht eine wahre Zitatenflut über uns ergießen? Weit gefehlt. Bruce Springsteen hüllt sich auf seinem Anwesen in New Jersey wieder in Schweigen. Dito Jon Bon Jovi. Tim Robbins packt gerade für einen Dreh in Irland. Wenigstens Sean Penn, der zornigste aller Hollywoodstars, hat deutliche Worte gefunden. Allerdings nicht für George W. Bush, sondern für Matt Stone und Trey Parker, die politisch unkorrekte Zeichentrickserien und Puppenfilme wie “South Park" und “Team America" drehen.

“Wähl oder Stirb"-Initiator P.Diddy? Klagte in der Wahlnacht über Bauchweh, gelobte, nicht mehr so böse über Bush zu reden, und muss jetzt erstmal seine Geburtstagsparty beim Promi-Italiener Cipriani vorbereiten, zu der Mariah Carey und Sarah Jessica Parker geladen sind. Polit-DJ Moby, der in New York auf keiner Basisparty fehlte? Schreibt in seinem Blog: “Ich hoffe, dass die Demokraten im Unter- und Oberhaus den extremeren Tendenzen des erstarkten rechten Flügels vernünftige Einschränkungen auferlegen." Will jetzt eigentlich noch jemand das neue Krawallvideo von Eminem sehen?

Wie ein roter Faden hatte sich die Sehnsucht nach den großen Zeiten der Anti-Vietnam-Proteste durch die Opposition gegen die Politik der Bushregierung gezogen. Sub- und Popkulturen vereint mit dem Volk gegen das Establishment! Mit kleinen entscheidenden Unterschieden. Die institutionalisierte Diskriminierung der Gegenwart wird niemals so umwälzende Dynamiken in Gang setzen, wie die offene Diskriminierung des Jahrhunderts zwischen dem amerikanischen Bürgerkrieg und der Bürgerrechtsbewegung. Überseekriege, die von einem Freiwilligenheer geführt werden, schaffen niemals den Leidensdruck, den der Vietnamkrieg mit seiner Wehrpflicht erzeugte, weil erstens nicht jede Familie des Landes direkt oder indirekt betroffen ist, und zweitens die Familien der kämpfenden Truppe schon aus psychologischer Notwehr hinter ihrem obersten Befehlshaber Bush stehen müssen. So wird die Opposition zum leidenschaftslosen Moralisieren.

John Kerry war aber nicht nur eine leidenschaftslose Führerfigur, er war auch ein denkbar ungeeigneter Katalysator für eine Volksbewegung. Latenight-Talker David Letterman brachte den Mangel an Überzeugungskraft auf den Punkt: “Der Arme muss nun wieder in sein kärgliches Leben als Senator, Milliardärsgatte und Windsurfer zurück."

Die Leidenschaften kochten in Amerika an ganz anderen Orten. Es hat sich ja wirklich das Volk für George W. Bush entschieden, und so wie es aussieht eindeutig. Michael Moore hatte in Florida und Ohio zwar 1200 Filmteams ausschwärmen lassen, musste dann aber nach der Wahlnacht kleinlaut vermelden, es sei zu keinen besonderen Unregelmäßigkeiten gekommen. Worauf der Fernsehsatiriker Jon Stewart meinte: “Wißt ihr, was ich so richtig vermisse? Wahlbetrug." Denn während eine liberale Volksbewegung rückblickend doch nur der Wunschtraum eines moralisierenden Bürgertums geblieben ist, hat sich rechtsaußen eine Volksbewegung formiert, die den Marsch durch die Institutionen im Eiltempo durchlaufen hat.

So schrieb der Historiker der Princeton University Sean Wilentz als Antwort auf die Frage, wie es denn weitergehen soll: “Wir müssen jetzt erst einmal das volle Ausmaß des religiösen Fanatismus zu fassen kriegen, der sich hier die Kontrolle über die Bundesregierung geschnappt hat. Senatoren, die Abtreibung mit der Todesstrafe ahnden wollen. Ein oberster Gerichtshof der bald schon auf die nächsten 40 Jahre hinaus mit Revanchisten des alten Südens und Theokraten besetzt wird. Ein Präsident, der sich für ’den richtigen Gott' stark macht. Massenmedien, die sich offensichtlich dazu verschrieben haben, das amerikanische Volk zu lobotomisieren. Wir müssen einsehen, dass hier niemand betrogen wurde, sondern dass es das ist, was die momentane Stimmung aus dem Wahlvolk gemacht hat. Und wir müssen begreifen, dass wir nun und für die absehbare Zukunft wirklich zwei verschiedene Länder sind."

Man darf die Anstrengungen der außerparlamentarischen Protest-, der Umwelt- und Antiglobalisierungsbewegungen auch nicht überschätzen, die in der Abwahl von Bush plötzlich ein legitimes und vor allem erreichbares Ziel vor Augen hatten. Auch die Urväter der Protestbewegung aus der Bürgerrechts- und Anti-Vietnam-Ära haben in der amerikanischen Bundespolitik nicht viel ausrichten können.

Ach ja die Basis. Die hätte man beinahe vergessen. Lakshmi Chaudhry hat die Stimmung der Basis in ihrer Kolumne für die Webseite Alternet zusammengefasst: “Niemand schreibt über das Offensichtliche: Es tut weh!", klagt sie. “Das war nicht nur irgendein konservativer Wahlsieg. Es geht nicht so sehr darum, eine Wahl zu verlieren, sondern um die Angst, den Glauben zu verlieren."

Und die letzen Meldungen von der Front? Loid wartet in Ohio darauf, dass der Mietwagen repariert wird, mit dem er und seine Freunde aus New York angereist waren, um letzte Zögerer zur Wahl zu mobilisieren. Evan muss sich erstmal einen Job, suchen, weil man als Reporter für eine linke Onlinenachrichtenagentur nicht einmal die U-Bahnfahrtkosten ersetzt bekommt. Alexandra, die vor einem Monat ihr Filmausstattungsbüro geschlossen hatte, um in Iowa allein stehende Frauen zur Wahl zu mobilisieren, und ihre Freunde und Bekannte in New York mit herzzereissenden E-Mails von den Frontlinien im Mittleren Westen geschickt hat, fehlen die Worte. Sie schickt ein Zitat aus “Der große Gatsby": “Der Traum muss so nahe geschienen haben, dass er ihn kaum verfehlen konnte. Morgen werden wir schneller rennen, unsere Arme noch weiter ausstrecken. Wie Boote gegen den Strom kämpfen wir uns weiter, unablässig in die Vergangenheit zurückgeworfen."





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