WILDE TAGE IN MANHATTAN

Bei den Parteitgagsprotesten feierte New York
seine Renaissance als Hauptstadt der Subkulturen.

© Andrian Kreye


New York 03.09. '04 - Als Richter John Cataldo die Stadt New York am Donnerstagnachmittag per Androhung eines saftigen Bußgeldes anwies, bis zum frühen Abend 550 inhaftierte Demonstranten freizulassen, sammelte sich im Park vor dem Gerichtsgebäude in der Centre Street eine Menschenmenge, um die Befreiten zu begrüßen. Mütter warteten dort auf ihre halbwüchsigen Protestrabauken, Anwälte der Verteidigungskollektive auf ihre Klienten und Protestler auf ihre Mitstreiter. Die Mädchen von Code Pink hatten Bottiche mit Gemüsesuppe und Chili aufgestellt, denn einige der Freigelassenen hatten über sechzig Stunden in einer der New Yorker Sammelzellen ausgeharrt, in denen es traditionell nur trockenes Weißbrot mit einer Scheibe glibschiger Gelbwurst gibt. Andere verteilten Limonaden, Aspirin und Zigaretten. Da herrschte nicht nur Erleichterung, die Aktion überstanden zu haben, sondern ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das weit über den Tag hinausging. Vielleicht hatte man ja Geschichte gemacht. Deswegen waren die meisten schließlich gekommen.

1735 Demonstranten hatte die New Yorker Polizei vor und während des Parteitages der Republikaner verhaftet und die meisten erst einmal in das ehemalige Busdepot am Pier 57 gesperrt, das von den Demonstranten “Guantanamo on the Hudson" getauft wurde. Nach Angaben der Polizei waren 1135 der Verhafteten aus Bundesstaaten außerhalb New Yorks angereist. Der statistische Beweis, dass Manhattan eine Woche lang als Fluchtpunkt des amerikanischen Volkszorns diente, aber eben nicht nur das. Eine Woche lang feierte New York eine Renaissance als amerikanische Hauptstadt der Subkulturen und Dynamo der kreativen Experimente, eine Rolle die den Mythos der Stadt so entscheidend geprägt hat, auch wenn sie die schon lang nicht mehr spielt. Ginge es nach den Stadtvätern, dann wäre das wilde, aufregende New York der Subkulturen längst vergessen. War es doch nur ein Planungsfehler, dass sich im Prozess der Wandlung von der Hafen- und Manufakturstadt zum Finanz- und Medienzentrum ein gut zwanzig Jahres Loch des urbanen Niedergangs auftat, das so viele Nischen und Räume schuf, die von Pop Art und Disco bis Punk und Hip Hop so vieles möglich machten.

Doch eine Woche lang waren es wieder die wilden Tage von Manhattan, in der sich die Stadt zusammenraufte. Da gab es plötzlich wieder jene längst verloren geglaubten Sammelpunkte, an denen die Gruppen und Bewegungen wie instinktiv zusammenliefen. Am Union Square zum Beispiel. Da standen die Protestler bis spät in die Nacht, machten Pause zwischen den Aktionen. Irgendjemand wusste dort immer, wo es weitergeht. Wo der nächste Marsch, die nächste zivile Widerstandsaktion oder auch die nächste Party stattfand. Denn es ging ja nicht nur ums Protestieren.

Der Bowery Poetry hatte 24 Stunden geöffnet. Da stellten sich dann auch wirklich in den frühen Morgenstunden noch wackere Slam-Poeten ans Mikro, um ihre Wut auf Bush loszuwerden. Das Imagine Festival überzog die ganz Stadt mit mehreren hundert Veranstaltungen, denn der Impresario Chris Wangro hatte kaum dass der Parteitag verkündet war, sämtliche kleinen und mittleren Veranstaltungsorte gebucht. Selbst eine neue Form der Prominenz hatte sich um die Proteste herum etabliert. Aktionskünstlergruppen wie die Yes Men, die Billionaires for Bush, die Axis of Eve, Reverend Billy und das Arts Collective wurden wie Rockstars gefeiert. Die Aktivisten der spektakulärsten Aktionen, wie dem Bannerprotest auf der Fassade des Plaza Hotels wie Helden gefeiert. Das kulminierte in einer großen Party im Konzertsaal des Irving Plaza, bei dem Soulbands aufspielten und sich Legenden der Protestkultur wie der 68er-Protestler Alternativmedienpionier Don Hazen unter die junge Protestmenge mischten.

Trotz des unübersichtlichen Programms war es nicht schwer, sich auszukennen. An der Bowery, jener ehemaligen Elendsmeile, hatte sich über einem Lampengeschäft gleich neben dem Luxusrestaurant Capitale ein Kommunikationszentrum eingerichtet, in dem die Meldungen von der Straße zusammenliefen und gleich weitergeschickt wurden. Per E-Mail, SMS und über Webseiten. Wer sich in dieses Kommunikationsnetz eingeklinkt hatte, der wusste mit wenigen Minuten Verzögerungen bescheid, was abgeht, eine Art Überschallausgabe der Untergrund- und Hipstermedien aus der Vergangenheit. Und darauf gründete sich die Dynamik der Woche. Denn bei allem politischen Esprit, allen Inhalten, allem berechtigten Zorn, die Flut der Popreferenzen wollte in dieser Woche nicht abbrechen. Von den Irokesenschnitten der Anarchopunks bis zu den rührend authentischen Ausstattungen der Neohippies schien die Bewegung von vergangenen Zeiten zu träumen. Da reckten viele die Faust zum alten Gruß der Revolutionäre in die Höhe und selbst esoterische Symbole der Vietnamproteste wurden wieder ausgegraben. Als die Menge der republikanischen Delegierten nach einem Seitenhieb des Senator John McCain den Filmemacher Michael Moore im Presserang ausbuhten, streckte er der Menge nur Zeigfinger und Daumen entgegen, das Zeichen für L 7, das ein Quadrat, also ein “Square" ergibt, das amerikanische Slangwort für Spießer.

Denn hinter dem Protest versteckte sich auch eine tiefe Sehnsucht. Eine Nostalgie nach der Zeit der Bürgerrechtskämpfe, als sich die Jugendrevolte der Nachkriegsjahre zur Bewegung mit Potential für gesellschaftliche Veränderungen emanzipierte. Nach 68, als diese Bewegung die verkrusteten Strukturen aufbrach, die sich all die Jahre so hartknäckig als Status Quo gebärdet hatten. Und auch ein wenig nach den längst vergangenen Zeiten von Beat, Punk und Downtown Chic, als die Spaßinsel Manhattan seine Impulse in das fade Meer der Mittelmäßigkeit aussandte. Kurz, nach Zeiten, als Subkulturen in Politik, Gesellschaft und Kultur noch etwas bewegten. Bevor selbst ein Friedensmarsch von Millionen nur als lästige Fußnote zur Kenntnis genommen wurde.

Hatte New York 2004 das Potential, eine ähnliche Stellung im Kanon der Subkulturgeschichte einnehmen, wie Chicago 68 oder Seattle 99? Das traditionell beste Gespür für relevante Momente haben traditionell die großen Fotografen. Es schien fast wie ein Prädikatssiegel für Relevanz und Geschichtsträchtigkeit, an jeder Ecke Legenden zu treffen. Richard Avedon bei der Fahrraddemo quer durch die Stadt. Gilles Peress und Susan Meiselas beim großen Marsch vor dem Madison Square Garden. James Nachtwey und Ron Haviv beim Aufmarsch der Axis of Eve im Battery Park. Auf den Straßen fand sich ja auch kaum jemand, der Zeit gehabt hätte, die Berichterstattung der Fernsehsender zu verfolgen. Lediglich Tom Hayden erkundigte sich besorgt, was denn die europäischen Medien für Bilder von den Straßen bringen würden. Denn die amerikanischen Medien übten sich in Schweigen.

Nur der Partei der Republikaner war von vorneherein klar, dass sie von den Demonstrationen nur profitieren würden, egal was passiert. Wäre es zu Ausschreitungen gekommen, hätten sie die Ausschreitungen der Kampagnen von Kerry in die Schuhe schieben können. Stattdessen schwiegen sie die friedlichen Proteste tot, eine Strategie, die Richard Nixon 1972 beim Parteitag der Republikaner in Miami erfolgreich anwendete. Den wahren Sieg hat Bürgermeister Bloomberg davongetragen. Weil die Medien den Protest totschwiegen, konnte er der Welt beweisen, dass seine Stadt auch große Herausforderungen an die Sicherheit bewältigt. Das ist für den Antrag der Stadt als Austragungsort für die olympischen Spiele 2012 wichtig. Das wäre das endgültige Siegel, dass New York seine Vergangenheit als Hochburg der Subkulturen und bedrohlicher Moloch weit hinter sich gelassen hat. Dafür ist der Strafbescheid von Richter Cataldo ein günstiger Preis. 168.000 Dollar muss die Stadt New York bezahlen, weil sie 168 Demonstranten nicht fristgerecht freiließen. Der bürokratische Aufwand sei zu groß gewesen, hieß es. Eine Beamtin verplapperte sich da allerdings am Telefon. Der harte Kern der Demonstranten werde entgegen der gesetzlichen Regelung festgehalten, bis Präsident Bush die Stadt verlassen habe, sagte sie einer Mutter, die sich nach dem Verbleib ihres 17jährigen erkundigte.





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