LUST AUF ZERSTÖRUNG

Ein Besuch beim Demolition Derby auf dem traditionsreichen
Riverhead Raceway von Long Island.
© Andrian Kreye





Die Regeln des Demolition Derby sind denkbar einfach. Ein bis zwei Dutzend schwerer Straßenkreuzer fahren in einer Arena so lange ineinander, bis sich nur noch ein einziger aus eigener Motorkraft bewegen kann. Für ein Startgeld von zehn Dollar darf jeder antreten, der einen Wagen von Plastik, Glas und was sonst noch splittern kann, befreit und die Türen zugeschweißt hat. Wer nicht mindestens alle 60 Sekunden einen Blechschaden verursacht wird disqualifiziert, wer einem anderen in die verletzungsgefährdende Fahrertüre rauscht, scheidet aus.

“Verstanden?" Den kurzen Schweigemoment quittiert Frankie mit einem belustigten Rasseln seiner Bronchien und der Beruhigung: “Da gibt es nichts zu verstehen." Der breite Mittzwanziger mit dem Schmiß über der linken Augenbraue packt bei den Demolition Derbies auf Long Island schon seit drei Jahren als Mechaniker mit an. Für seinen Kumpel Joey, der seine wulstige Figur gleich durch die Fensteröffnung des 78er Chrysler Imperial zwängen wird, um in die erste Runde des Riverhead Demo Derby zu gehen, nach der Frankie die zerbeulte Karosserie und die verbogene Chassis auf der Wiese hinter den Tribünen so lange mit dem langstieligen Vorschlaghammer bearbeiten wird, bis die Karre wieder fährt. Die meisten Wagen beim Demolition Derby sind solche schweren Achtzylinder aus den 70er Jahren. Erstaunlich was die so alle aushalten.

Seit über 40 Jahren treffen sich die Demolition-Derby-Fahrer jeden Sommer von Riverhead auf Long Island bis Ventura County in Kalifornien auf Rennstrecken, Kirmes- und Rodeoplätzen, um ihre präparierten Wagen zu Schrott zu fahren. Nicht mehr. Nicht weniger. Kein Sport für Memmen. Allerdings auch keiner für die Massen. Demolition Derby rangiert im Ansehen nur wenig vor den Schweinerennen und Kraftproben für Traktoren bei den sommerlichen Landwirtschaftsmessen. Weswegen Demolition Derbies nicht einmal auf den obskuren Sportsendern im Kabelfernsehen übertragen wird und der Dachverband der International Demolition Derby Association in Maryland nur 34 feste Mitglieder zählt.

Die gut 2000 Zuschauer, die an diesem Samstagabend die Freilufttribünen um das Asphaltoval des Riverhead Raceway besetzen, schert das nicht weiter. Sie haben ihre eigenen Champions, auch wenn die jenseits der Landkreisgrenzen keiner kennt. Sie tragen Namen wie Westernhelden. “Slim Jim" Donaldson, “Irish Mike" O'Keefe, “Hot Rod John" Montecalvo. Den größten Applaus bekommt Bob “Whiplash" Genovese aus Farmingdale, der schon seit 13 Jahren Long-Island-Derbies fährt und viermal Meister war.

Für einen Mann, der den amerikanischen Begriff für Schleudertrauma als Spitznamen trägt, schlüpft der rundliche Drucker mit dem Schnauzbart und der blauen Bandana um den Kopf recht behende durch das Fenster seines 76er Chevy Wagon, auf den er mit weißer Farbe die Startnummer 44 und den Namen seines Sponsors “Quality Auto Body Shop" gesprüht hat. Mit kurzen Tritten aufs Gaspedal läßt er die acht Zylinder warmlaufen, die sich ohne Schalldämpfer vom sonoren Blubbern bis zum Gebrüll eines Düsentriebwerks steigern. Signal für die anderen Fahrer, ihren Maschinen ebenfalls ein Maximum an Dezibel zu entlocken. Für Sekunden scheint eine Wetterfront aus Lärm über der Wiese niederzugehen, gegen die sich das Geheul von Formel-1-Wagen wie das Kläffen hysterischer Schoßhunde ausmachen würde.

Die Fahrer gehen in Position. Mit dem Kühler nach außen stellen sie sich entlang der Bande auf. Der Ansager zählt den Countdown, das Publikum fällt ein. Bei “Drei" ist schon nichts mehr zu hören. “Slim Jim" eröffnet den Kampf. Mit Anlauf setzt er seinen roten Chevrolet Kombi in das Heck eines blauen Fords, das sich zusammenknüllt wie Schokoladenpapier. Dafür schiebt ein beigefarbener Chevy Impala “Slim Jim" mit Wucht in vier verkeilte Wagen.

Der Impala stößt zurück. Die Kollision hat ihn den rechten Vorderreifen gekostet. Das Heck hat sich keilförmig aufgebeult. Mit schwerem Rechtsdrall schlittert er über den Asphalt. Funken sprühen von der Felge. Doch der Impala nimmt trotz der Behinderungen Geschwindigkeit auf, zielt und rast Heck voran in die Front von “Irish Mike". Dem platzt der Kühler, aus dem eine weiße Dampffontäne in den Nachthimmel schießt. Von der Erlebnisqualität kann man ein Demolition Derby am ehesten mit einem Heavy-Metal-Konzert vergleichen. Der Motorenlärm läßt das Brustbein vibrieren. Es riecht nach verbranntem Gummi. Die pyrotechnischen Effekte mögen ungeplant aus den Wagen stieben, der Kitzel bleibt der gleiche. Doch zum Spektakel kommt hier noch die ungebremste Lust an der Zerstörung. Das sind keine Posen Beim Demolition Derby gibt es keinen Applaus für Geschick, sondern für den, der mit größter Wucht und Scheppern in das Blech des Gegners rammt.

Wer hier nach einem tieferen Sinn sucht, ist wahrhaft fehl am Platze. Dabei befinden wir uns an diesem Samstagabend an einem historischem Ort. 1964 beschrieb Tom Wolfe im Sonntagsmagazin der New York Herald Tribune die Ursprünge des Demolition Derby auf dem Riverhead Raceway, gut 75 Meilen östlich von Manhattan. Demnach wurde der 28jährige Stock-Car-Fahrer Lawrence Mendelsohn im Sommer 1958 während der 10. Runde um den Islip Speedway von seinem Hintermann zwölf Reihen weit in die Tribüne hinaufbefördert. Niemand kam zu Schaden. Dafür schien sich kein Mensch mehr für das Rennen zu interessieren. Im Nu umringten Schaulustige den Schrotthaufen und eine Idee war geboren. Warum, so fragte sich Mendelsohn, sollte man den Zuschauern bei Autorennen nicht bieten, auf was die meisten eigentlich insgeheim warten? Einen ordentlichen Unfall. Noch besser - gleich ein paar Dutzend ordentlicher Unfälle. Und so begann er auf dem nahe gelegenen Riverhead Raceway allwöchentlich gut 100 Fahrer in den neuen Sport einzuweisen, die nach den regulären Rennen ausgemusterte Straßenkreuzer zu Schrott fuhren.

Auch an diesem Samstag hat das Publikum schon gut drei Stunden regulärer Autorennen hinter sich. Der Applaus überschlägt sich allerdings erst, als “Wild Man" Jimmy Hubble als letzter mit den Resten seines Buicks über die Rennbahn rutscht. Die Stock Car-Fahrer mit ihren dreißig- bis vierzigtausend Dollar teuren, zu Rennwagen frisierten Serienwagen, bewundern sie. Die Derbyfahrer feiern sie als Helden. Sie sind die wahren Gladiatoren, die sich nicht hinter komplizierten Regelwerken verstecken, wie Footballspieler, und nicht hinter ausgeklügelten Choreographien wie die Kämpfer des Wrestling.

Demolition-Derby-Fahrer riskieren in ihren Schrottwagen die gesamte Palette orthopädischer Notfälle. Das Preisgeld kann es nicht sein. Hauptgewinne um die fünfhundert Dollar sind die Norm. Ein Derby-tauglicher Wagen kostet meist um die zwei- bis dreihundert Dollar. Für die meisten Fahrer ist das viel Geld. Slim Jim arbeitet auf einem Schrottplatz, Irish Mike verdingt sich als Abschleppfahrer und Hot Rod John verlegt tagsüber Asphalt.

Nein, die Derbyfahrer steigen stellvertretend für ihr Publikum in den Ring. Das besteht zu hundert Prozent aus jener benachteiligten Mehrheit im Land, die sich immer mehr als Minderheit fühlt - der weißen Unterschicht. Jenem Teils Amerikas also, der mit dem stetig sinkenden Lebensstandard im Land eine ohnmächtige Wut hegt, die viel zu selten ein Ventil findet. Für die meisten von ihnen war der amerikanische Traum schon immer ein leeres Versprechen. Kein Wunder, wenn sie mit anarchischer Lust dabei zusehen, wie die Derbyhelden das teuerste aller Konsumgüter mit Brachialgewalt zerstören.

Aber dann wiederum - es gibt nichts zu verstehen. Am Ende der dritten Runde haben die Fahrer den Riverhead Raceway in ein dampfendes Trümmerfeld verwandelt. Frankie hat die letzte Runde vom Zaun aus beobachtet. Er hat Joeys Imperial trotz heftiger Schläge gegen die verbogene Achse nicht mehr flottgekriegt. “Wild Man" Jimmy Hubble bleibt an diesem Abend Sieger. Stolz nimmt der seinen Pokal entgegen. Den größten Applaus bekommt trotzdem Bob “Whiplash" Genovese. Auch wenn sein Wagen in der Endrunde schon früher aufgegeben hat - er hat die besten Kollisionen geliefert, bei denen sich die Blechplatten aufbäumten, die Kabel und Innereien wie Eingeweide aus den Wagen quollen und das Öl wie Blut über den Asphalt spritzte. Und darum geht es in letzter Instanz. Um die unverblümte Lust an echter Gewalt.





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