Es konnte gar nicht mehr um die Kunst gehen. Zu lange hatten die Debatten schon getobt, bevor die Ausstellung “Mirroring Evil: Nazi Imagery/Recent Art" nun am Sonntag im New Yorker Jewish Museum unter den empörten Protestrufen der Demonstranten eröffnet wurde. Mit der Zusammenstellung von 13 Künstlern aus Amerika, Israel und Europa wollte der Kurator Norman Kleeblatt das Verhältnis der heute 30- bis 40jährigen zur Vergangenheit des Dritte Reiches ergründen. Doch dann ist ihm die Ausstellung zu einer Art “Best of Nazi Shock"-Potpourri geraten. Fast alle Werke junger moderner Kunst, die in den letzten Jahren mit Nazi- und Holocaustthemen für Aufregung sorgten, sind mit dabei. Zbigniew Liberas “Lego-KZ", Tom Sachs' Modell eines Konzentrationslagers auf einem aufgefalteten Prada-Karton und Alan Schechners photomontiertes Selbstporträt, das ihn mit einer Dose Diätcola inmitten ausgemergelter KZ-Insassen von Buchenwald zeigt. Kein Wunder also, dass prominente Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Amerika schon Sturm liefen, bevor die Ausstellung überhaupt zu sehen war. Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, Abraham Foxman von der Anti Defamation League und Menachem Rosensaft vom Holocaust Museum in Washington protestierten in den Medien mit teils heftigen Worten gegen die Ausstellung.
Aus dem Museum hieß es, man habe sich nun schon seit 1958 mit den verschiedensten Formen der Holocaust-Aufarbeitung beschäftigt. Auch mit den unbequemen. Eher ausweichend reagierte Norman Kleeblatt auf dem Pressetermin letzte Woche allerdings auf allzu politische Fragen. “Ich bin hier am Jewish Museum als Kurator angestellt und beschäftige mich mit Kunst", sagte er. “Ich bin kein Kurator für Geschichte." Und setzte hinzu: “Das hier ist eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst. Das mag nicht jedermanns Sache sein, schließlich ist das hier keine Chagall-Retrospektive für alle."
Doch eine öffentliche Kunstausstellung ist eben kein intellektueller Essaytext, der sich mit einem heiklen Thema vor erlesenem Fachpublikum auseinandersetzt. Bestenfalls kann man den Kuratoren anrechnen, dass sie die jüdische Gemeinde Amerikas dazu zwingen, sich einem Generationskonflikt zu stellen, der schon länger im Verborgenen schwelt. Es sind vor allem die jungen amerikanischen Juden der dritten und vierten Einwanderergeneration, die den Holocaust als grausames Kapitel der Geschichte, aber nicht mehr als bestimmenden Teil ihrer Identität betrachten. So sagte Jennifer Bleyer, die 26jährige Chefredakteurin des jüdischen Popmagazins Heeb kürzlich: “Die Identität der Generation unserer Eltern baut in erster Linie auf Israel und den Holocaust. Das hat mit unserer Realität als junge amerikanische Juden nur periphär zu tun."
Auf der anderen Seite kann man dem Jewish Museum vorwerfen, mit der Kontroverse zu spekulieren. Mag sein, dass einer vergleichsweise kleinen und abgelegenen Institution wie dem Jewish Museum gar nichts anderes übrig bleibt, als mit einer Kontroverse auf sich aufmerksam zu machen. Schließlich haben sich die mächtigen Konkurrenten wie das Guggenheim oder das Metropolitan Museum in den vergangenen Jahren mit Erfolg zu Vergnügungsparks der Hochkultur stilisiert, die Besucher zu Tausenden mit Motorradausstellungen, Modeinstallationen und den Sammlungen von Popartefakten anlocken.
Ausstellungen über jüdische Kunst aus Marokko oder den Aufstieg jüdischer Künstler im Europa des 19. Jahrhunderts mögen ein ausgewähltes Publikum interessieren. Die Demonstranten aber, die an diesem kalten Sonntagmorgen wütend auf der 92. Straße ihre Plakate auf- und abtrugen, brachten die Kamerateams der großen Fernsehsender zum Jewish Museum, und die garantieren, dass der Ansturm auf Wochen hinaus nicht abreißen wird.
Entsprechend angespannt ist die Stimmung am Eröffnungstag. Vor dem Eingang steht ein alter Herr mit katatonischem Gesichtsausdruck, ein Schild mit der Anklage: “Kein Missbrauch meiner Vergangenheit!" um den Hals gebunden. Auf die Frage, was ihn an der Ausstellung so verletzte, wirft er unsichere Blicke um sich, worauf sich ein kräftiger Mittvierziger vor ihm aufbaut, der losschimpft, sie würden hier nicht mit der deutschen Presse reden und dadurch die Erinnerungen seines Vaters schänden. “Keine Deutschen!", ruft er noch einmal, als er merkt, dass sein Poltern bei den Besuchern irritierte Blicke provoziert.
Die drängeln sich vor den Metalldetektoren am Eingang. Sicherheitsmannschaften scheuchen die Publikumsströme mit nervösen Kommandos zur Garderobe, zur Kasse, in die Ausstellungsräume. Dann beginnt der Rundgang. Der erste Raum macht die schleichende Erotisierung der Nazi-Bösewichter in Hollywoodfilmen zum Thema. Auf den 145 Drucken aus Piotr Uklanskis Serie “The Nazis" wirken die kantigen Gesichter der Filmnazis wie heroische Ikonen. Daneben haben die Kuratoren ein Zitat aus Susan Sontags Essay “Fascinating Fascism" von 1974 gehängt: “Uniformen sind nicht das Gleiche wie Fotografien von Uniformen - das sind erotische Materialien und Fotografien von SS-Uniformen sind Teil einer besonders heftigen und verbreiteten sexuellen Fantasie." Oder wie es der “Atlantic Monthly"-Kolumnist P.J. O'Rourke knapp 30 Jahre später formulierte: “Niemand hat sich je vorgestellt, von einem Sozialdemokraten vergewaltigt zu werden."
Auf die Filmnazis folgt Mischa Kuballs Skulptur “Hitler's Cabinet", die aus einem Holzkreuz besteht, das Projektionen von Szenen aus Spielfilmen der Weimarer Republik zum Hakenkreuz ergänzt. Danach ein Raum mit den drolligen Statuetten von Alain Séchas, der Comic-Katzen mit Hitlergesichtern in Hakenkreuz-Laufställe gesetzt hat. Dann steht eine Tafel im Durchgang, die davor warnt, die folgenden Werke könnten Überlebende des Holocaust und ihre Angehörigen verstören, diese könnten durch die Türe links ins Freie gelangen. Das hat natürlich in erster Linie den Effekt, dass die Besucher sich nun nicht mehr selbst ein Urteil bilden müssen, welchen Teil der Ausstellung sie kontrovers zu finden haben.
Und dort verfängt man sich dann auch in den Fußangeln der Debatte. Es ist unmöglich, die Arbeiten nach objektiven Kriterien zu beurteilen. Man hat sich auf die eine oder andere Seite des Diskurses zu schlagen. Punkt. Gerne würde man die Stücke nun verteidigen, eine Lanze für die Freiheit der Kunst brechen, die Kritiker der Ausstellung engstirnige Idioten schimpfen. Die Video-Installation des polnischen Künstlers Maciej Toporowicz begnügt sich jedoch damit, Bilder aus Leni Riefenstahls Olympiafilmen und Herb Ritts' Werbefotografie für Calvin Klein plump aneinanderzureihen. Tom Sachs, der sich im New York Times Magazin mit so pubertären Zitaten wie “Mode und Faschismus sind sich so ähnlich" profilierte, entpuppt sich als Fließband-Provokateur. Die Pointe der Lego-KZ-Schachteln hat sich in den wochenlangen Medienberichten längst zum Kalauer abgenutzt. Schechtners Selbstporträt in Buchenwald erinnert an die Copyshop-Kunst anachronistischer Punkbands.
Und so reduziert sich die Debatte auf den Austausch von Posen. Die Argumente hinken. Die Emotionen kochen. Es müffelt nach Manipulation. John Ranz aus Brooklyn hat es an diesem Sonntag vielleicht am Besten auf den Punkt gebracht. Als letzter Demonstrant harrt er am späten Nachmittag noch vor dem Eingang aus. 82 Jahre ist er alt, Überlebender des KZs Buchenwald. Eigentlich demonstriert er gar nicht. Er verteilt Flugblätter der Organisation “The Generation After & Holocaust Survivors Association", die zum Kampf gegen Nazi-Aktivitäten in den USA aufrufen. “Wir versuchen die Leute für die Gefahren zu sensibilisieren, die uns heute bedrohen", sagt er. Den antisemitischen Multimillionär Lyndon LaRouche, den Populisten Pat Buchanan und die so genannten New Patriots führt er auf, und hebt zu einer ausführlichen Abhandlung an. Die Ausstellung hat er sich schon am Vormittag angesehen. “Gar nicht so schlecht ", sagt er mit seinem altmodischen, Regensburger Dialekt. “Aber was soll die Aufregung? Wenn ich ganz ehrlich bin - das ist alles ein bißchen sehr trivial."
“Mirroring Evil: Nazi Imagery/Recent Art", bis zum 30. Juni 2002, The Jewish Museum, 1109 Fifth Avenue, New York. Öffnungszeiten: So-Mi 11:00-17:45, Do 11:00-20:00, Fr 11:00-15:00. Katalog bei Rutgers University Press, 164 Seiten, ca. Euro 80,-.