Glückliche Zufälle gibt es im Politik- und Medienbetrieb nur selten. Im besten Falle handelt es sich um Fingerspitzengefühl, im schlechtesten um Berechnung. Es ist auch mit Sicherheit kein Zufall, dass David Brooks pünktlich zum Ausbruch einer nationalen Identitätskrise sein neues Buch "On Paradise Drive" veröffentlicht. Brooks hat schon mehrfach ein treffsicheres Gespür für politische und soziologische Strömungen bewiesen. Weil er zudem komplexe Phänomene ganz hervorragend in humorvolle Verallgemeinerungen verpacken kann, gilt er als einer der führenden Kulturkritiker des Landes.
Brooks positioniert sich mit seinem Buch auch für den aufkeimenden ideologischen Grabenkrieg innerhalb der amerikanischen Konservative, in dem große Teile der republikanischen Partei die Linie der Machtclique um Bush als ideologischen Extremismus anzweifeln. Zufall ist nur, dass Brooks just zum Ableben des Urvaters der neokonservativen Revolution Ronald Reagan eine Rückbesinnung auf den grundlegenden Optimismus der amerikanischen Konservative fordert, mit dem Reagan zu Beginn der Achtziger Jahre das Land aus der schwersten Identitätskrise seiner Geschichte gerissen hatte.
In den USA gilt David Brooks gerade wegen seines versöhnlichen Humors als der Lieblingskonservative der Liberale. Und er spielt diese Rolle gern. Dafür hat er sogar seinen Job als leitender Redakteur beim Zentralorgan der neokonservativen Vordenker "Weekly Standard" aufgegeben. Stattdessen profiliert er sich in traditionell liberalen Medien als Stimme der konservativen Vernunft - er gehört zu den festen Kolumnisten auf der Meinungsseite der New York Times, tritt im National Public Television regelmäßig bei der Nachrichtensendung "The NewsHour with Jim Lehrer" und im National Public Radio im Magazin "All Things Considered" auf.
In "On Paradise Drive" verscheucht auch David Brooks die Selbstzweifel der amerikanischen Nation mit einem Loblied auf den amerikanischen Traum. Der wurzelt für ihn immer noch im Prinzip Hoffnung und dem unerschütterlichen Glauben an die Zukunft, den Reagan so oft beschwor. "Was bringt Amerikaner dazu, so hart zu arbeiten und so fieberhaft herumzuhasten?", fragt er zu Beginn des Buches. Und beantwortet diese Fragen im Schlußabsatz: "Wir werden vom Gefühl getrieben, dass irgendwo vor uns eine glorreiche Bestimmung liegt." Damit setzt sich Amerika vom Rest der Welt ab, ganz besonders aber von Europa: "Wir sind vielleicht nicht sonderlich nachdenklich, brüten nicht düster über das Leben. Wir sind auch nicht in einer tiefen, mysteriösen Vergangenheit verwurzelt. Aber wir sind mit dem Kopf in einer weiten und komplizierten Zukunft, und das gibt dem amerikanischen Geist eine Dimension, die nicht so leicht zu verstehen, aber auch nicht so leicht abzutun ist."
Um den zu erklären, zerlegt er die amerikanische Gesellschaft zunächst in unzählige Soziotope, in denen jeder einzelne die Chance hat, an die Spitze seiner gesellschaftlichen Nische aufzusteigen. Genau dieser Ultrapluralismus begründe auch die vermeintliche politische Apathie der Amerikaner. "Es gibt keine bestimmende Elite in Amerika", schreibt er. "Es gibt kein definierbares Establishment, von dem man sich unterdrücken lassen oder gegen das man rebellieren könnte."
Damit greift er das Leitmotiv seines Vorgängerbuches "Die Bobos - der Lebensstil einer neuen Elite" auf, in dem er die Boomjahre der Neunziger als Siegeszug einer egalitären Bildungselite definiert hatte. Mit den bourgeoisen Bohemiens "The Bobos" war für David Brooks der Traum eines jeden Publizisten in Erfüllung gegangen, eine Wortschöpfung als stehenden Begriff im allgemeinen Wortschatz zu etablieren. Er hatte das Etikett für neue Generation Amerikaner gefunden, denen es vergönnt war, Hochschulbildung mit den marktwirtschaftlichen Instinkten des freien Unternehmertums und den rebellischen Impulsen des Rock'n'Roll zu einer soziologischen Melange zu verschmelzen, die althergebrachte Oligarchien durch eine Leistungselite ersetzen sollte.
Es ist allerdings zu bezweifeln, dass Brooks mit "On Paradise Drive" einen ähnlich populären Meilenstein abgeliefert hat, wie mit "Die Bobos".
Auf die gesamte Gesellschaft umgelegt sind seine humorigen Verallgemeinerungen und seine Rückschlüsse zu simpel. Wenn er Realitäten außer Acht läßt oder sie seinen Argumenten unterordnet, begibt er sich auf das schlüpfrige Terrain der Demagogen wie Bill O'Reilly oder Michael Moore. Man mag ihm anrechnen, dass er mit seinem Kampf für ein konservatives Utopia dem Kulturpessimismus der Linken den Wind aus den Segeln nimmt. Doch darf man nicht vergessen, dass David Brooks als Publizist mit und durch eine ganz bestimmte Ideologie groß geworden ist - in den USA gibt es seit dem Amtsantritt der Bushregierung kaum ein intellektuelles Forum, das einen solch direkten Einfluß auf die Mächtigen der Nation hat wie der "Weekly Standard".
Dieser Einfluß beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, dass hier die Theoretiker der neokonservativen Ideologie für die Praktiker derselben schreiben. Und weil jeder Ideologie ein naiver Glaube an das grundsätzlich Gute im Menschen zu Grunde liegt, birgt auch der Neokonservatismus jenes Moment der Weltfremdheit, das bisher noch jede Ideologie zu Fall gebracht hat. Der Glaube an die selbstregulativen Kräfte des Freien Marktes sind mindestens so naiv, wie der Glaube, eine Gesellschaft würde im Geiste der Solidarität für das gemeinsame Ganze arbeiten. Die Überzeugung, man müsse einem Volk nur die Chance geben, den demokratischen Freiheiten des Westens nachzueifern, ist ungefähr so realistisch, wie die Annahme, der Sozialismus könne ganze Kontinente aus jahrhundertealter Knechtschaft befreien.
David Brooks weiß sehr wohl um die Grenzen des amerikanischen Zukunftsglaubens. Deswegen schließt er das Buch auch mit einem Zitat aus Saul Bellows Roman "Die Abenteuer des Augie March". Da sagt eine der Figuren zum Helden: "Du leidest unter einem Edelmutssyndrom. Du kannst dich einfach nicht auf die Realitätssituation einstellen." Das sei eine ziemlich gute Beschreibung des Lebens im heutigen Amerika. Amerikaner hätten ein Edelmutssyndrom und ziemliche Schwierigkeiten, sich auf die Realität einzustellen. Für genau solche Sätze werden ihn nun auch die Liberalen in Europa lieben. Denn damit hat David Brooks dem Vorwurf seines ehemaligen Kollegen beim Weekly Standard Robert Kagan widersprochen, der in seinem epochalen Essay "Macht und Ohnmacht" schrieb, die Politik Europas sei von weltfremder Naivität geprägt, und nur die USA hätten einen Sinn für die weltpolitischen Realitäten. Dagegen klingt Brooks zumindest versöhnlich.
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