Ist die Meritokratie am Ende?

Ein Interview mit David Brooks, Autor des Bestsellers “Bobos in Paradise".
© Andrian Kreye



Bild Für den amerikanische Publizisten David Brooks, der als Redakteur der Zeitschrift Weekly Standard und als Autor für Newsweek, das Atlantic Monthly und das New York Times Magazine arbeitet, war das Wirtschaftswunder der 90er Jahre der Siegeszug der Meritokratie. Die Meritokratie ist das amerikanische Ideal einer Gesellschaftsform, in der die Eliten von Menschen bestimmt werden, die durch persönliche Leistungen und durch die Kraft ihrer Ideen an die Spitze gelangten.

In seinem Bestseller “Bobos in Paradise" (auf Deutsch “Die Bobos. Lebensstil der neuen Elite" bei Ullstein) betitelte Brooks im Sommer 2000 die neue Generation der amerikanischen Bildungsbürgerelite als Bourgeoise Bohèmiens, kurz Bobos. Die Bobos der 90er Jahre verbanden die Moral der 60er mit dem wirtschaftlichen Ehrgeiz der 80er Jahre, pflegten den lässigen Lebensstil der Bohème, während sie im Beruf Höchstleistungen brachten.

Für David Brooks waren die Bobos der Höhepunkt der Entwicklung Amerikas zu einer wahren Meritokratie, die begann, als John F. Kennedy's zum Präsidenten gewählt wurde. Mit Kennedy war zum ersten Mal kein Mitglied der eingesessenen Elite der White Anglo-Saxon Protestants an der Macht, sondern der katholische Sproß eines irischen Einwandererklans. Dreißig Jahre später zeigten die Bobos mit dem Boom der neuen Märkte, dass den alten Eliten auch in der Wirtschaft die Zukunft nicht automatisch gehört.


Andrian Kreye: Stellen der Zusammenbruch der neuen Märkte und die Wirtschaftsskandale das Prinzip der Meritokratie in Frage?

David Brooks: Nein. Was ganz sicher in Frage gestellt wird, ist die Maßlosigkeit der letzten Jahre. Die Geschäftsleute der Bobo-Generation haben sich eingebildet, dass die alten Regeln und Gesetze für sie nicht gelten. Sie sahen sich als Rebellen, die an der Schwelle zu einem vollkommen neuen Zeitalter stehen, das den alten Regeln und Gewohnheiten den vollkommenen Garaus machen würde. Sie haben sich so einiges herausgenommen und dann eben auch noch mit der Buchhaltung Schindluder getrieben. Solange sie brav ihr Biobrot aßen, haben sie sich dabei auch noch gut gefühlt.

AK: Die so genannte aggressive Buchhaltung war aber nicht nur eine Praxis in den Firmen der Neuen Märkte.

Brooks: Die größten Skandale, wie Enron und WorldCom, waren schon in Firmen, die neuartige Konzepte verfolgten. Da herrschte die Stimmung vor, dass dies eine Zeit der Revolution und nicht der Evolution sei. Wenn man sich heute die Ideologie anschaut, die in den 90er Jahren von den Wirtschaftsmagazinen verbreitet wurde, dann lief der Zeitgeist darauf hinaus, dass die alten Geschäftsformen tot seien. Da wollte niemand auf dem Sperrmüll der Geschichte landen. Manche Doktrinen lasen sich wie futuristische Manifeste aus den 20er Jahren, in denen die gesamte Vergangenheit für irrelevant erklärt wurde.

AK: Aber kreative Buchhaltung ist schlichtweg Betrug. Wo ist da der revolutionäre Aspekt?

Brooks: So wurde das eben rationalisiert. Wenn man sich die ganze Zeit einredet, dass altmodische Standards und Regeln überflüssig geworden sind, kann man so ziemlich alles vor sich selbst rechtfertigen. Das fing schon im Detail an. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass Geschäftsleute in den 50er und 60er Jahren auf Fotos immer weiße Hemden und Krawatten trugen und sich in holzgetäfelte Büros stellten. Sie versuchten so konservativ und vertrauenerweckend wie möglich auszusehen. Wenn sich Geschäftsleute in den letzten Jahren fotografieren ließen, trugen sie immer schwarze Rollkragenpullis, Cordhosen und hatten ein Bungeeseil oder eine Supersoaker-Wasspistole im Arm, um möglichst radikal zu wirken. Jeder wollte plötzlich als Rebell und Visionär dastehen. Da sind über die Jahre so einige der alten Anstandsregeln ausgehöhlt worden.

AK: Wird man zu diesen Anstaltsregeln jetzt zurückkehren?

Brooks: Prinzipiell schon, auch wenn man niemals ganz zum alten Stil zurückkehren wird. Die Nachricht dieser Woche, dass Coca Cola seine Aktienoptionen als Ausgaben deklarieren wird, ist allerdings ein Zeichen dafür, dass die Leute in diesen Tagen doch wieder Wert darauf legen, nicht mehr nur nach dem Schlagwort der 90er “out of the box", also jenseits der traditionellen Parameter, denken zu wollen. Eine Werbekampagne von Burger King hat das damals ganz gut auf den Punkt gebracht. Der Slogan hieß: ’sometimes you gotta break the rules' (manchmal muß man einfach Regeln brechen). Das war irgendwie von der Rebellion der 68er inspiriert. Enron hat dann eben gleich alle Regeln auf einmal gebrochen.

AK: Die Ära der Bobos als Symbolfiguren der Meritokratie war nur von kurzer Dauer. Hat die Zeit überhaupt ausgereicht, um wirklich etwas zu verändern und ein Erbe zu hinterlassen?

Brooks: Da gibt es schon einiges und einige Errungenschaften dieser Zeit werden sich halten. Die Bürokratien sind beispielsweise nicht mehr ganz so schlimm wie früher. Es gibt mehr Flexibilität im Management. Es wird nicht mehr so viel Wert darauf gelegt, sich nach den Älteren zu richten. Was natürlich auch mit ein Grund für die Maßlosigkeit war.
Es ist ja nicht nur die kreative Buchhaltung, die jetzt so bitter aufstößt. Es ist auch die Idee, dass man Firmengelder als eine Art privaten Schmiergeldfonds benutzt hat. Es ist zwar nicht illegal, einem CEO 60 Millionen Dollar im Jahr zu bezahlen. Frühere Generationen hätten da aber noch einen Riegel vorgeschoben. Irgendwie wurden die gesellschaftlichen Standards etwas zu entspannt Sie haben sich unglaubliche Gelder bezahlt, ganz egal, ob die Leistungen das gerechtfertigt haben oder nicht. Sie haben sich gegenseitig riesige Kredite zu minimalen Zinsen gegeben, haben sich gegenseitig die Firmenjets für einen Dollar pro Tage ausgeliehen und so weiter.

AK: War George W. Bushs Aufstieg zum Präsidenten nicht schon ein erstes Symbol für das Ende der Meritokratie der Bobo-Ära?

Brooks: Das war nach den Clintonjahren mit Sicherheit ein Rückschlag. Ich halte Bush allerdings durchaus für einen Meritokraten, auch wenn sein Vater Präsident war. Ich glaube auch nicht, dass diese Zeit einen bleibenden Effekt auf die Meritokratie haben wird. Sehen Sie sich die Collegestundenten von heute an. Die werden sorgfältiger ausgewählt, sind ehrgeiziger als je zuvor. All diese Skandale werden nichts daran ändern, dass eigene Leistungen immer wichtiger werden, während gleichzeitig Herkunft und Stand immer weniger damit zu tun haben, wie weit man kommen kann in der Welt.
Die Skandale werden höchstens Wertungen verändern. In den 90ern lief halt alles bestens. Die globalen Konflikte waren zu Ende, die Börse ging nach oben, es schien als gäbe es kein Übel mehr auf dieser Welt. Und wenn es eines gab, wenn jemand doch mal log oder mogelte, dann hatte das zumindest keine gravierenden Folgen. Dann sind plötzlich die Dotcoms zusammengebrochen, darauf folgten der 11. September, die Skandale in der katholischen Kirche, die Skandale in der Wirtschaft, und mit einem Mal zog Fehlverhalten auch ganz massive Konsequenzen nach sich. Ich glaube, dass es vor allem die Ansammlung von Ereignissen war, die zu diesem massiven Stimmungswandel geführt hat.

AK: Das klingt fast, als hätte die Meritokratie einen ähnlichen Fehler begangen, wie der Kommunismus - an das Gute im Menschen und der Welt zu glauben.

Brooks: Nur dass wir kein System aufgebaut haben, das dann nicht funktioniert hat. Aber es stimmt schon. Man hat ein bißchen zu blauäugig daran geglaubt, dass alles schon irgendwie gut ausgehen wird. Dass es nichts ausmacht, wenn man einen Präsidenten hat, der lügt. Dass es nichts ausmacht, wenn die Leute mit der Buchhaltung jonglieren, weil es immer genug Wachstum geben wird, mit dem man das irgendwie vertuschen kann.

AK: Parallel zur Krise steigt weltweit der Antiamerikanismus, nicht nur in den moslemischen, sondern auch in europäischen Ländern.

Brooks: Das stimmt, aber das hat weniger mit den Skandalen zu tun, als damit, dass Amerika auf die Schläge des 11. September mit einem Hohen Maß an Selbstbewußtsein reagiert hat. Plötzlich gab es hier einen unglaublichen Zusammenhalt. Da hatte man eigentlich eher das Gefühl, dem Land geht es ganz ausgezeichnet. Außerdem hat Amerika den Krieg gegen den Terrorismus sehr aggressiv geführt. Da wurde sich der Rest der Welt plötzlich der militärischen und ich glaube auch der wirtschaftlichen Macht bewußt.

AK: Liegt diesem Antiamerikanismus also nach wie vor jene Burgeoisophobie zu Grunde, die sie in einem Essay im Weekly Standard kürzlich beschrieben haben? Eine Art globaler Sozialneid auf die Erfolge der USA?

Brooks: Genau. Der Begriff stammt ursprünglich von Flaubert. Dieser Haß auf alles, was nach oberflächlichem und materialistischem Erfolg aussieht, und den repräsentiert in den Augen vieler Amerika. Wenn man Amerika also von vorneherein als oberflächliches, geldgieriges Land sieht, dann bestätigen die Skandale diese Sicht der Dinge nur noch.

AK: Es ist aber immer Amerika, das als oberflächliches, geldgieriges Land gesehen wird, auch wenn es genügend Länder gibt, die auf dem gleichen System basieren.

Brooks: Sicher gibt es andere Länder, die so funktionieren, aber in Amerika gab es keine jener Aristokratien, die so viel Wert auf Hochkultur und Kunst legten. Gleichzeitig ist Amerika sehr schnell sehr reich geworden. Amerika hat den Lebensstandard in den europäischen Ländern schon 1740 überholt. Dabei war es immer ein enorm dynamisches und krasses Land mit zyklischen Boom- und Bust-Phasen, in denen Vermögen unglaublich schnell gemacht und zerstört werden. Am Ende jeder Boomphase gab es dann übrigens Skandale wie diese.

AK: Dann leben wir gar nicht in so außergewöhnlichen Zeiten?

Brooks: Wirtschaftshistoriker sagen, dass das alles sehr typisch ist. Nach dem großen Boom durch den Bau der Eisenbahnen in den 1890ern gab es ganz ähnliche Skandale.

AK: Wie wird die Meritokratie durch diese Phase kommen?

Brooks: Mit ein bißchen neuem Respekt für Anstand und ein bißchen weniger Toleranz für wirtschaftlichen Radikalismus.

AK: Aber waren die Bobos nicht die ultimative Verkörperung der Meritokratie?

Brooks: Ich glaube schon. Allerdings hatten sie ein massives Problem mit Autoritäten. All das was seit letztem Jahr geschehen ist, hat das Prinzip der Autorität neu etabliert. Vor allem in den USA. Die Leute schöpfen plötzlich wieder Vertrauen in das Pentagon, in das FBI und die CIA. Genauso werden sie geschäftliche Autoritäten wieder respektieren. Diese ganze antiautoritäre Pose ist ein bißchen unattraktiv geworden.

AK: Aber sind diese antiautoritären Haltungen vor allem in der Form von Deregulierungen nicht eigentlich die Grundsätze des wirtschaftlichen Liberalismus und des freien Marktes?

Brooks: Das war ja dieser eigenartige Widerspruch der Bobos. Sie haben die Selbstbefreiung der 60er mit den wirtschaftlichen Liberalisierungen der Reagan-Ära verbunden, und beide Bewegungen haben großen Wert auf individuelle Autonomie und Freiheit gelegt. Davon muß man wieder abkommen. Jetzt geht es wieder weniger um persönliche Unabhängigkeit, mehr um Gemeinschaften und sogar wieder um die Anerkennung von Autoritäten. Es ist eben alles ins Schlingern geraten und man muß wieder die Balance finden.

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