SOUND AND VISION

Eine Begegnung mit David Bowie
Für das Bowieheft der Zeitschrift DU.

© Andrian Kreye

Der freundliche, junge Mann gleitet durch die Designerlandschaft des Hotelfoyers und sagt lächelnd: “Mr. Bowie erwartet Sie im siebten Stock." Das spielt sich natürlich nicht irgendeinem Hotel ab, sondern im 60 Thompson, jenem New Yorker Hotel, in dem New Yorker absteigen würden, wenn sie nicht in New York lebten. Ein elfstöckiger Neubau im Boutiquenviertel SoHo, unaufdringlich aber nach modernstem Geschmack gestaltet, im Aufzug läuft elektronische Loungemusik und ganz oben gibt es eine Dachbar mit Blick über die ganze Stadt. Das macht Sinn. David Bowie wohnt nicht weit von hier mit seiner Frau Iman und ihrer dreijährigen Tochter Alexandria Zarah Jones. Und so ein modernes Designerhotel an der stilistischen Schnittstelle zwischen Pop und erwachsenem Luxus paßt ja auch für einen 56jährigen, der gerade sein 26. Rockalbum produziert hat und schon bald eine Konzerttournee durch die großen Sportstadien der westlichen Welt antreten wird.

Meistens ist es ein Fehler, einem Mythos im wahren Leben zu begegnen, vor allem, wenn einen dieser Mythos durch die frühe Jugend begleitet hat. Warum sollte das bei David Bowie anders sein? Die Wahrscheinlichkeit, dass die Realität das Wunschbild zu einer kleinen, faden Erinnerung reduziert, ist relativ hoch. Man hat sich den Zauber mit der journalistischen Arbeit ja oft genug selbst genommen, hat die Stars mit Fragen gelöchert, versucht ihnen auf die Schliche zu kommen und ganz selten hatte man da den Eindruck, dass sich hinter dem großen Werk ein noch größerer Mensch verbirgt. Außerdem ist man mit 40 Jahren doch sowieso zu alt, um sich noch ernsthaft mit Rockstars zu unterhalten. Rockmusik funktioniert am besten, wenn man als Teenager drei Minuten lang das Gefühl hat, da ist einer, der versteht einen und jetzt ist er direkt hierher gekommen, um einem das Leben und die Welt zu erklären.

1976 war ein gutes Jahr, um David Bowie zu entdecken. Da hatte er dieses ganze anzügliche “Ziggy Stardust"- und “Alladdin Sane"-Theater schon hinter sich. Später waren ihm seine Glamrockposen ja selber peinlich, vor allem dieser wohlfeile Spruch, er sei schon immer bisexuell gewesen, den er in einem Anfall von pubertärem Größenwahn einem Reporter vom Melody Maker ins Mikrofon diktiert hatte. Das hatte ihm damals den lebenslangen Ruf als androgyner Bilderstürmer sexuellen Rollenverhaltens eingebracht, der sich dann endgültig zementierte, als seine Exfrau Angie viele Jahre später in der Talkshow von Joan Rivers die Legende in die Welt setzte, sie habe Bowie mal mit Mick Jagger im Bett erwischt.

Dabei hatte David Bowie ein Gespür für Zeitgeist und Lebensgefühl, das sich nicht bloß auf karnivalesken Sex reduzieren ließ. Nein, 1976 veröffentlichte er mit “Station To Station" ein Album, das die gesamten 80er Jahre vorwegnahm. Das minimalistische Dandytum als Auflehnung gegen die erstarrten Ideologien. Die Mischung aus Synthesizer-Avantgarde und Funk, die bewies, dass es auch einen eigenständigen weißen Soul geben konnte. Die vieldeutigen Drogenreferenzen, die der Sinnsuche ein Ende bereiteten und dem Hedonismus den Weg ebneten. Von all dem verstand man als Teenager natürlich nichts. Da gab es nur diese dunkle Vorahnung, dass es mit den Utopien und Horizonterweiterungen der elterlichen Hippiegeneration nicht so weit hersein konnte. Und dieses grandiose Foto aus dem Nicholas-Roeg-Film “Der Mann der vom Himmel fiel" auf dem Plattencover, mit dem man schnurstracks zum Friseur marschieren konnte, um ihm zu zeigen, wie er die langen Kinderhaare abzuschneiden hatte.

Kurze Zeit später zog Bowie nach Berlin und produzierte dort mit “Low", “Heroes" und Iggy Pops “Lust For Life" den Soundtrack für den Teenage Weltschmerz mitteleuropäischer Bildungsbürgerkinder. Er hatte es geschafft, die euphorische Melancholie, die einen genialen Popsong ausmacht, in ein intellektuelles Gerüst zu packen, das mit dem Spagat zwischen proletarischem Punk und verkopfter Avantgarde die Sehnsucht nach einem anspruchsvollem Hipstertum befriedigen konnte.

Dazu kam, dass er der deutschsprachigen Jugend viel näher war, als all die anderen Rockstars, weil einem dieses graudüstere Berlingefühl viel vertrauter war, als der ganze Glamour aus London, New York und Los Angeles. Kai Hermanns Reportage über die heroinsüchtige Mädchen Christiane F. vom Berliner Babystrich adelte David Bowie damals endgültig zur Ikone jugendlicher Verwirrungen. Und man mußte nicht einmal die Texte verstehen. Er hatte es ja selbst formuliert, um was es in seiner Musik gehen sollte: “Sound and Vision".

Das neue Album heißt nun “Reality". Dazwischen lagen Ausflüge in Disco, Hardrock, Techno, Filmrollen, ein paar musikalische Tiefpunkte und ein langsames Comeback. Alles keine Meilensteine. Nicht einmal für ihn selbst. Jetzt hat man ihm die Rolle als graue Eminenz der Popkultur zugeschrieben, weil er schon immer zu groß war, um ihn zu vergessen, und gleichzeitig zu kompromißlos, um seine eigene Legende zu pflegen. Bei Konzerten weigert er sich bis heute standhaft, seine alten Hits zu spielen. Thomas Hüetlin vom Spiegel erzählte er vor vier Jahren, dass er seine bekannteste Textzeile “Ground Control to Major Tom" aus dem Song “Space Oddity" höchstens noch als selbstironischen Kalauer seiner Frau vorsingt. Den Abgesang an seine multiplen Bühnenpersönlichkeiten hatte er ja schon 1980 in “Ashes To Ashes" besungen: “We know Major Tom's a junkie, strung out in heaven's high, hitting an alltime low." Und jetzt also gleich die Komplettkehrtwende zu den eigenen Wurzeln - “Reality". Das klingt weder besonders glamourös, noch rebellisch, aber damit ist man auch schon beim Thema.

David Bowie öffnet die Türe zur Suite selbst. Er trägt Turnschuhe, eine knittrige, olivgrüne Hose, die sicherlich viel Geld gekostet hat, ein ausgewaschenes schwarzes T-Shirt mit einem Sportemblem ohne weitere Bedeutung, und volles, aber kurzes Haar unter dem ein Paar Koteletten hervorlugen. Das alles könnte man ihm nun als betont jugendlichen Auftritt auslegen, aber so laufen tagsüber New Yorker jeder Altersstufe herum. Erstaunlich ist dagegen der drahtige Yogakörper mit dem er durch den Raum federt. Muskeln, aber kein Gramm Fett. Er besorgt Wasser aus der Minibar und setzt sich, ein Bein untergeschlagen, auf den Stuhl neben der Polstergruppe. Jetzt käme eigentlich gleich die Frage nach “Reality", aber der kommt er gleich zuvor, weil er auf der Visitenkarte als Hauptberuf des Besuches Tageszeitungskorrespondent erspäht hat.

“Wissen Sie, was mit der Webseite des 'Project for the New American Century' passiert ist?" Das ist der rechtskonservative Think Tank in Washington, dessen Mitglieder zusammen mit George W. Bushs zukünftigen Falken wie Dick Cheney, Paul Wolfowitz und Richard Perle schon vor Jahren die entscheidenden Strategiepapiere zur derzeitigen Außenpolitik geschrieben haben. Es folgt eine kurze Unterhaltung über die Neokonservativen, Robert Kagans essayistische Europaverwünschung “Macht und Ohnmacht", William Kristols Wochenzeitung “Weekly Standard". Das alles hat zwar weder etwas mit David Bowies Werk, noch mit seiner neuen Platte zu tun, aber auf den Einwand, man würde zwar gerne die Tagespolitik diskutieren, es ginge jedoch eigentlich um ihn und das Album “Reality" gelingt ihm der Bogen dann selbst.

“Es gibt so viele Realitäten, über die wir hier in Amerika nichts zu lesen bekommen. Man wacht jeden Tag mit der neuen Zeitung auf und bekommt dann nicht einmal eine Ahnung davon, was drüben in Europa oder im Nahen Osten passiert. Es sei denn man macht sich die Mühe, sich im Internet Zeitungen aus anderen Teilen der Welt herauszusuchen. Als Engländer sehe ich mir jeden Morgen als erstes den Independent und den Observer an, und dann vergleiche ich das mit den Artikeln aus der Washington Post und der New York Times. Dann bekommt man so eine ungefähre Ahnung, was wirklich passiert." Er schüttelt den Kopf und lacht. “Paßt doch, dass da jemand vor zehn Jahren das Wort virtuell vor das Wort Realität gesetzt hat. Ich glaube, das war damals gar nicht so klar, wie opportun das ist. Das ist doch die perfekte Beschreibung, wie wir heute Leben - wir leben in einer virtuellen Realität, vielleicht sogar in einer parallelen Wirklichkeit."

Nun ist am 11. September 2001 allerdings eine ganze brutale Wirklichkeit über David Bowies Wahlheimat New York hereingebrochen. Er war an diesem Tag gute hundert Meilen den Hudson River flußaufwärts in einem Landhaus bei Woodstock, wo er gerade seine letzte Platte “Heathen" aufnahm. Ausgerechnet. Als lebenslanger Kosmopolit hatte er sich dort oben sowieso schon fehl am Platz gefühlt. “Als das erste Flugzeug einschlug, war meine Frau downtown in unserer Wohnung, die wir ja auch deswegen gekauft hatten, weil sie einen so großartigen Blick auf das World Trade Center hatte. Sie fütterte gerade das Baby und hat alles gesehen. Als das zweite Flugzeug einschlug haben wir schon telefoniert und ich habe nur noch gesagt, dass sie sofort da raus muß. Sie ist dann zu Fuß nach Uptown gelaufen, weil es keine Taxis gab."

David Bowie hat dann erstmal Panik erfaßt. “Für mich war das so traumatisch, weil ich nicht nach New York zurückkam. Die Stadt war für die ersten 24 Stunden ja komplett abgeriegelt. Und als ich dann endlich zurückkam war unser Viertel mit diesen gelben Plastikstreifen abgesperrt, mit denen die Polizei sonst Tatorte versiegelt. Da stand ich dann, sie wollten meinen Paß sehen, der war allerdings in der Wohnung. Ein Polizist hat mich sogar erkannt, aber das hat nichts genützt." Iman mußte ihm den Paß an die Straßensperre bringen.

In der Wohnung war alles mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Aus dem Fenster sah er den Qualm über Ground Zero. “Das hat mich schon ziemlich mitgenommen. Als Europäer ist man sich der Gefahren des Terrors ja eher bewußt. Auch wenn ich damals nicht in London war, als überall die Bomben der IRA hochgingen. Die Amerikaner haben natürlich gemeint, dass sie nun ihre Unschuld verloren hätten. Obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, was ein Land, das auf Sklaverei und Korruption gebaut wurde mit Unschuld meint."

Im ersten Song auf “Reality" singt David Bowie über diesen Blick auf die Katastrophe und den Schock: “See a great white scar over Battery Park, then a glare glides over, but I won't look at that scar, oh my nuclear baby, oh my idiot trance, all my idiot questions, let's face the music and dance." Es soll aber bloß niemand auf den Gedanken kommen, “Reality" sei ein Album zum 11. September. Solche Platten überläßt er den Fürsprechern der amerikanischen Volksseele wie Bruce Springsteen, Neil Young oder John Mellencamp. “Reality" soll nicht einmal ein New-York-Album sein. Natürlich haben ihn Orte bei seiner Arbeit an Songs schon immer beeinflußt. Er läßt sich auch auf den Vergleich ein, dass New York als Zentrum des weltweiten Krieges gegen den Terror eine ähnliche Spannung bestimmt, wie das Berlin des Kalten Krieges. “Momentan befindet sich New York noch in einer Art Übergangsphase", sagt er. “Da herrscht noch eine vorsichtige Ängstlichkeit. Die sich natürlich zu so einer Spannung entwickeln kann, wie damals, als Berlin noch von den Realitäten des Kalten Kriegs umzingelt war. Allerdings mußte man in Berlin nie wirklich um sein Leben fürchten. Das war mehr so ein Gefühl in einem Gefängnis zu stecken. Hier wäre das eine ganz andere Art von Spannung, hätte aber ähnliches Gewicht. New York war aber schon immer ein grandioser Ort, um Songs zu schreiben."

New York ist allerdings auch ein grandioser Ort, um andauernd den Anschluss zu verpassen. An Trends, Pop und die Jugend. In seinem neuen Song “She'll Drive the Big Car" beschreibt Bowie diese Stimmung und plaziert dieses Ende der Jugendlichkeit sogar an die korrekte Strassenkreuzung: “She'll drive the big car, he'll sit behind, bursting her bubbles of Ludlow and Grand". Dazu muß man wissen, dass auf der Ludlow Street vor ein paar Jahren die Eroberung des ehemaligen Armenviertels Lower Eastsisde anfing. David Bowie weiß das. “Jaja, damals im Max Fish", sagt er und lacht. Wobei es einen doch wundert, dass er als Rockstar eine leicht gammlige Künstlerkneipe kennt, die in erster Linie von jungen Menschen frequentiert wird, die er im Titelsong beschreibt: “Tragic youth was looking young and sexy, tragic youth was wearing tattered black jeans." Mal davon abgesehen, dass die Vorreiter der Szene längst weitergezogen sind. Die meisten davon nach Brooklyn.

Bowie nickt. “Dumbo scheint ja gerade zu so einem neuen Viertel zu werden. Ich kenne eine Menge Künstler, die sich dort in den alten Fabriken eingerichtet haben." Die New Yorker in den kaputten schwarzen Jeans würden ihn nun wahrscheinlich belehren, dass die Lower Eastside längst von BWL-Studenten bewohnt wird und Dumbo fest in den Händen der Immobilienhaie ist. Aber den Einwand fegt er mit einem Lachen weg. “Die alte Avantgarde wird immer sagen, das ja nichts mehr so ist wie früher, und dass es keine ernstzunehmende Künstler mehr gibt, und dass sich überall Cafés und Boutiquen eingenistet haben. Das mag ja für die Gegend, in der sie früher gelebt haben stimmen, aber in New York wird es immer arbeitende Künstler geben. Die Gegenden verändern sich eben nirgendwo so schnell wie in New York, und die Künstler ziehen weiter."

Dieses subkulturelle Nostalgiegejammer ist ja auch nichts Neues. Das gab es schon, als Bowie gerade anfing, als Liedermacher die Hippieszene zu erobern. “Ich erinnere mich noch, dass ich in den 60ern einen Artikel über irgendein Hippiefestival gelesen habe", sagt er. “ Das haben sie dann Jack Kerouac interviewt. ’Was für ein Scheiss', hat der geschimpft, ’diese Kids haben doch keine Ahnung, um was es wirklich geht'. Ich habe mir damals nur gedacht, oh nein, der Mann ist doch eines meiner Idole und da macht er meine Generation so runter. Wir sind ihm doch alle nachgefolgt. Er hat uns doch überhaupt erst inspiriert."

Erwischt er sich nie dabei, dass er nach drei Jahrzehnten als Rockstar die Jugendkultur betrachtet, und sich dabei denkt, dass das alles ganz furchtbar ist und die Kids keine Ahnung haben? Bowie schmunzelt. “Na klar. Ich zwinge mich dann allerdings immer, dranzubleiben. Man findet immer etwas gutes Neues. Zugegeben - die Suche ist etwas schwerer geworden. Die Medien helfen einem dabei ja nicht gerade. Im Radio hört man ja kaum noch was Gutes. Es gibt viel zu viel kommerzielle, vorgefertigte Ware, die sich immer weiter aufbläst. Aber dann muß man sich eben die Mühe machen, herauszufinden, wer die guten neuen Bands sind, die guten neuen Autoren."

Und dann driftet das Gespräch auch schon wieder zu seiner zweiten Leidenschaft, der Kunst. Er erzählt von Meret Oppenheim, von Balthus, Clive Barnes und Matthew Barney. Er fragt, was es denn im Brooklyn Museum of Art zu sehen gibt, und ob es da draußen auch neue Galerien gibt. Und er seufzt: “New York erfindet sich ja immer und ewig auf Neue."

Eigentlich war das früher seine Stärke. Dieser immerwährende Zyklus der eigenen Definition, der im Popgeschäft längst zum Status Quo geworden ist. Wenn man sich allerdings seine neue Musik anhört, dann klingt das jedoch, als habe er endgültig zu sich selbst zurückgefunden. Da gibt es immer noch die neuen Klänge und Visionen, aber letztendlich hält sich Bowie heute selbst konsequenter die Treue, als je zuvor in seiner Karriere. Kein Zufall, dass er da an seine beste Zeit anknüpft. Sein alter Mitstreiter Tony Visconty hat “Reality" produziert. Der Song “Looking For Water" ist eine Hommage an sich selbst, als er 1976 in “Der Mann der vom Himmel fiel" als Außerirdischer auf der Erde nach Wasser suchte. Und selbst das Glamourmärchen vom Rockstar und dem Supermodel hat sich inzwischen entlarvt - Iman war eigentlich Politikstudentin in Nairobi, und keine Ziegenhirtin, wie es die Legende behauptet. So kann ein Mythos überleben. Denn nur wenn ein Rockstar in Würde altern kann, beweist er wahre Größe.





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