Im Bus gegen Bush

Der Protest gegen den drohenden Krieg im Irak vereint die gesellschaftlichen Reformbewegungen Amerikas und weckt Hoffnungen, dass 2002 ein zweites 1968 werden könnte.
© Andrian Kreye



Am letzten Wochenende hat der Funken Hoffnung, den die Friedensbewegung in den letzten Monaten geschlagen hat, in Washington ein kleines Feuer entfacht. Kann die neue Friedensbewegung die zerstreuten Protest- und Reformbewegungen bündeln? Geht nun der längst überfällige Ruck durch die Gesellschaft, der die Rückschläge der Bürgerrechtsbewegungen in den 80er und 90er Jahren revidieren kann? Der die falschen Versprechungen der Globalwirtschaft entlarvt und die schwelenden Klassenkonflikte zum Ausbruch bringt? Der 2002 ähnlich viel bewegt, wie die Protest- und Bürgerrechtsbewegungen von 1968? Die Stimmung in dem Reisebus mit der Nummer 26 ist am frühen Samstagmorgen jedenfalls ein wenig wie damals, auch wenn die meisten der Passagiere zu jung sind, um sich an die Zeit erinnern zu können, als schon einmal ein weit entfernter Krieg die gesellschaftlichen Reformbewegungen vereinte und ein gewaltiger Ruck durch die Gesellschaft ging.

Bus Nummer 26 ist einer von über hundert, welche die Friedensbewegung International Answer gechartert hat, um die Demonstranten von New York nach Washington zu bringen. Dieser Samstag soll beweisen, ob den vielen Worten, den offenen Briefen der Intellektuellen, Wissenschaftler, Historiker, Hollywood- und Popstars, die in den letzten Wochen als Zeitungsanzeigen veröffentlicht wurden, ob den Umfrageergebnissen, Meinungsartikeln und Internetaufrufen gegen einen möglichen Krieg auch Taten folgen.

Es sieht gut aus um halb sechs Uhr morgens vor dem Büro des International Action Center IAC in der 14. Straße, das der Friedensbewegung als Hauptquartier dient. Mehrere tausend haben sich in der Dunkelheit zwischen den noch verschlossenen Rolläden der Fastfoodbuden und Discountläden eingefunden, obwohl seit Mitternacht ein eisiger Regen über New York niedergeht. Schlaftrunken sammeln sie sich vor der Aluminiumphalanx der Reisebusse. Das erste Vorgefühl, dass dies nicht nur ein weiterer der unzähligen Protestmärsche wird, die das IAC und International Answer seit dem 11. September unermüdlich veranstalten. Man trifft viele Freunde und Bekannte, mit denen man nicht gerechnet hätte. Und die Menge besteht nicht nur aus den üblichen Aktivisten und Protestveteranen.

Im Bus Nummer 26 zum Beispiel - da findet sich neben dem Reporter der linken Radiosendung “Democracy Now" und einem Trio kurzgeschorener Riot Girls ein älteres Ehepaar, das seit 30 Jahren nicht mehr auf einer Demonstration war, ein Trupp europäischer und asiatischer Designer, eine junge Architektin, ein Filmtechniker, zwei Gewerkschaftler. Ganz hinten sitzt John, ein Protestprofi mit ergrautem Langhaar und Vollbart, der versucht, zwei Jurastudentinnen mit Geschichten von “damals" zu beeindrucken. Auch damals seien sie mit Bussen durchs Land gefahren, um die Welt zu verändern. Ganz aufgekratzt ist er, und als er später im Waschraum der Autobahntankstelle zu einem Song von James Taylor herumtänzelt, scheint er gar nicht zu bemerkten, dass das Liedgut seiner Generation hier lediglich die Darmtätigkeit von Langstreckenfahrern anregen soll.

Als der Bus gegen Mittag am Denkmal für die Opfer des Vietnamkrieges ankommt, ist die Kundgebung schon im Gange. Dicht an dich steht die Menge vor der Bühne. Die Oscarpreisträgerin Susan Sarandon hat gerade gesprochen, Pattie Smith singt ein Lied, Jesse Jackson und Al Sharpton treiben die Menge mit dem dramatischen Crescendo der Schwarzenprediger zu Jubelstürmen.

Doch erst als sich der Marsch zum Weißen Haus auf der Constitution Avenue in Bewegung setzt, sieht man das ganze Ausmaß des Protestes. Sechs Straßenblocks weit drängen sich die Menschen auf der Straße. Ein Wald aus Schildern und Transparenten tanzt über ihren Köpfe. “Kein Blut für Öl" steht da, “Feuert Bush statt Bomben", “Regimewechsel ja, aber in den USA", und immer wieder der Protestruf der New Yorker nach dem 11. September, der zum bestimmenden Slogan der neuen Bewegung geworden ist: “Nicht in unserem Namen!" Und wieder der Eindruck, dass sich hier keine Protestbewegung, sondern ein Volk aufgemacht hat, um gegen einen Krieg zu protestieren, den selbst laut Gallup-Umfrage nur noch ein Drittel der Bevölkerung so dringend will, wie die Regierung. Da sieht man Familien mit Kinderwagen, brave Bürger in Freizeitmode, ganze Seniorengruppen, modische Teenager und Einwanderer in Tracht.

Neutrale Quellen schätzen die Menge später auf ein- bis zweihunderttausend Menschen, sind sich jedoch einig: dies war der größte Friedensmarsch seit den Vietnamprotesten. Berechtigte Euphorie herrschte dann gegen Abend. Auf der Webseite der alternativen Nachrichtengentur Indymedia schreibt der ehemalige Kriegsdienstverweigerer John Schoonover: “Ich habe als Vietnamgegner neun Jahre im Exil in Kanada verbracht. So eine gewaltige Mobilisierung zu sehen, bevor das Schießen im Irak überhaupt begonnen hat gibt mir Hoffnung, dass es doch möglich ist, eine Welt zu schaffen, die frei von Krieg ist, und eine menschliche Gesellschaft."

Doch die ständigen Vergleiche mit der Zeit um 1968 stehen nicht nur für eine große Hoffnung, sie stehen auch für eine trügerische Nostalgie nach einem Jahr, in dem sich gesellschaftlichen Strömungen und Konflikte aus drei Jahrzehnten entluden. Doch 2002 kann nicht 1968 sein. Der entscheidende Unterschied der Protestepochen: 1968 wurde von Utopien beflügelt, 2002 wird von Realismus bestimmt. Niemand rief in Washington “Hu, Hu, Hussein", obwohl sich der Name mindestens so rhythmisch skandieren ließe wie “Ho, Ho, Ho Tschi Minh". Kein Mensch trug ein T-Shirt mit dem Bild Osama bin Ladens, obwohl sich das Konterfei des Terrorführers ähnlich zur Ikone eigenen würde, wie Alberto Kordas legendäres Porträt von Che Guevara. Weil die neuen Feinde Amerikas keine Hoffnung auf eine bessere Welt mehr verkörpern, sondern den Grundwerten des Humanismus diametral entgegenstehen.

Selbst Jesse Jackson räumte in seiner Ansprache ein: “Es gab notwendige Kriege. Der amerikanische Bürgerkrieg hat unsere Einheit gerettet. Der Zweite Weltkrieg dem Faschismus ein Ende bereitet." Es sind die Lügen, die seit dem Ende des Kalten Krieges hinter den Floskeln von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten stehen, die den Protest provozieren. Es haben sich ja nicht einmal die alten Hoffnungsträger gehalten.

Betrachtet man die Plakate des kubanischen Druckerkollektivs OSPAAAL, die damals die Büros der Solidaritätsbewegungen und Studentenbuden zierten, bleibt nicht mehr viel übrig von den Utopien einer besseren Welt. Fidel Castro wandelte sich zum verbitterten Diktator, Yassir Arafat drangsaliert seine Autonomiegebiete mit sieben verschiedenen Geheimdiensten, der Befreier Zimbabwes Robert Mugabe mutierte zum rassistischen Despot, Che Guevaras einstiger Waffenbruder Laurent Kabila stürzte den Kongo in einen afrikanischen Weltkrieg, die kolumbianische Befreiungsbewegung FARC scheffelt heute Millionen mit Drogenhandel und Entführungen.

Kein Wunder also, wenn die Mitglieder der neuen Protestgeneration nicht von Humor und Optimismus geprägt sind, wie ihre Vorväter Abbie Hoffman und Tom Hayden, ja nicht einmal von der Wut der Black Panthers oder Young Lords. Die jungen Stimmen wie Naomi Klein, Thomas Frank oder Michel Hardt sind kluge Denker, wenn nicht sogar Visionäre. Doch ihr abgeklärter Realismus läßt keinen Raum für Utopien, höchstens noch für Perspektiven.

Und doch wird die Kriegsdebatte derzeit auf einer rein moralischen Ebene geführt. Für beide Parteien ist der Krieg zu einer rein abstrakten Größe geworden. Auf der einen Seite die so genannten “Chicken Hawks", frei übersetzt die feigen Falken. Die Zeit der Kriegshelden im weißen Haus ist längst vorbei. Eisenhower war selbst General, Kennedy's Patrouillenboot wurde von einem japanischen Zerstörer versenkt, Nixon kämpfte im Südpazifik und Bush Senior wurde als Pilot abgeschossen. Weder George W. Bush, noch Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminiter Donald Rumsfeld oder sein Vize und Architekt der Irakpolitik Paul Wolfowitz haben Erfahrungen mit dem Krieg.

Auch den Kriegsgegnern fehlt der Bezug, der in der Vietnamgeneration einen so gewaltigen Leidensdruck erzeugte. Damals gab es eine Wehrpflicht und kaum eine Familie, die nich direkt vom Krieg betroffen war. Wer nicht selbst einen Sohn oder Bruder an der Front hatte, der hatte zumindest Freunde, Neffen oder Vettern. Seit 1973 kämpfen nur noch Berufssoldaten für die USA. Seit dem Golfkrieg auch unter strengem Ausschluß der Medien.

Doch woher soll ein Optimismus der Protestgeneration auch kommen? Ende der 60er Jahre trug eine Bürgerrechtsbewegung Früchte, die von einem kontinuierlichen Wirtschaftsaufschwung getragen wurde, der seit dem Zweiten Weltkrieg den Wohlstand auf einer bis dahin nicht gekannten Breite verteilte. Während der 80er und 90er Jahre wurden Errungenschaften der Bürgerrechtsära kontinuierlich abgebaut, und schließlich vom Gesetzespaket des US Patriot Act, das die Bush-Regierung nach dem 11. September erließ, ernsthaft in Frage gestellt. Dem wohlhabenden Mittelstand machte dagegen das trügerische Wirtschaftswunder der 90er Jahre den Garaus, so dass sogar das New York Times Magazine letzte Woche einen neuen Klassenkonflikt verkündete.

Und doch kann die Protestgeneration, die in Seattle 1999 debütierte, den diffusen Volkszorn gegen einen möglichen Angriff auf den Irak nutzen. Der Mittelstand muß aus seiner Lethargie erwachen und erkennen, dass Regierung und Wirtschaft längst nicht mehr in seinem Interesse handeln. Nur dann kann aus der Stellvertreterdebatte ein gesellschaftlicher Diskurs entstehen. Einen neuen zentralen Slogan sollte sich die Bewegung vielleicht noch überlegen. “Make Love, Not War" mag eine naive Forderung gewesen sein. Aus “Not In Our Name" spricht allerdings nur noch Fatalismus.

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