LEGENDENBILDUNG

Für das 50. Bühnenjubiläum seiner
Company ließ der New Yorker Choreograph Merce Cunningham
die Rockbands Radiohead und Sigur Rós die Musik schreiben.

© Andrian Kreye

Letzte Woche gehörte die New Yorker Kulturwelt ein paar Abende lang Merce Cunningham. Alle anderen tanzten nur nach seinen Anweisungen, die der 84jährige Choreograph immer noch in dem Übungsatelier seiner Ballettkompanie in der Bethune Street am äußersten Westrand des einstigen New Yorker Bohèmeviertel Greenwich Village mit jenen fließenden Handbewegungen gibt, die seine Tänzer in aufwendig abstrakte Choreographien umsetzen. Da kann es sogar passieren, dass gestandene Rockstars in den Orchestergraben delegiert werden. Kein Wunder also, dass die Abschußvorstellungen des 50. Bühnenjubiläum seiner Dance Kompanie beim Next Wave Festival an der Brooklyn Academy of Music als Sensation des Kulturherbstes gehandelt wurden. Immerhin hatte Cunningham Radiohead und Sigur Rós engagiert, um die Musik für sein neues Stück “Split Sides" zu schreiben.

Zwei Bands, die auch in Amerika eine Fangemeinde haben, die jede noch so abseitige Idee ihrer Idole mit Inbrunst verfolgen. Vor drei Jahren produzierten Radiohead mit ihrer CD “Kid A" das wohl eigenartigste Album, das in der Geschichte der amerikanischen Popcharts je auf Platz eins landete. Für Merce Cunningham Musik zu schreiben ist allerdings selbst für Intellektuellenrockstars eine ganz andere Größenordnung, denn von der Kompaniegründung 1953 bis zu seinem Tode 1992 hatte der Komponist John Cage als Cunninghams musikalischer Direktor fungiert. Das flößte Radioheads Bandleader Thom Yorke einen so gewaltigen Respekt ein, dass er auf der Webseite der Band die Frage eines Fans, wie es denn um die Musik für Cunningham stünde, vor einem Monat noch mit dem panischen Eintrag beantwortete: “aaAAAAAAAHHH! Das verdrängen wir noch. Prima. Nein, wirklich prima. Wir verschweigen dir jetzt nicht, was zu erwarten ist, weil wir das etwa nicht wüßten. Weil wir das natürlich wissen. Ehrlich, das tun wir."

Für die Benefizgala am vergangenen Dienstag, bei der die Stars höchstpersönlich im Orchestergraben saßen, waren die wenigen Karten, die es im freien Verkauf gab dann trotz des stolzen Preises von 500 Dollar innerhalb einer Stunde ausverkauft. Als Festredner kamen Bürgermeister Michael Bloomberg auf die Bühne, sowie die Maler Jasper Johns und Robert Rauschenberg, die neben Frank Stella und Andy Warhol zu den legendären Bühnenbildnern der Kompanie gehörten.

Auftakt der vier Abende war die Choreographie “Fluid Canvas" aus dem letzten Jahr. Eine Motion-Capture-Projektion von Cuninghams Hand als Schemata aus Lichtpunkten im Bühnenbild gab Einblick in seine Regieanweisungen und zeigte so noch einmal, dass die Bilderstürmer der 50er und 60er Jahre jeden Akt der künstlerischen Befreiung mit höchster Disziplin aufführten, weil absolute Freiheit nur auf der Grundlage von kollektiver Virtuosität ihre Berechtigung hat.

Zu Beginn der Abende Stieg Cunningham selbst auf die Bühne gestiegen, weil er das Grundprinzip seiner Arbeit, bei dem Tanz, Musik, Bühnenbild, Licht und Kostüm gleichberechtigt und unabhängig voneinander existieren, zum Leitmotiv von “Split Sides" gemacht hatte. Vor jeder Vorstellung würfelten Mitarbeiter und Freunde, Reihenfolge und Kombination der jeweils zwei verschiedenen Choreographien, Musiken, Bühnenbilder, Kostümausstattungen und Beleuchtungen. So erwürfelte der Modeschöpfer Isaac Mizrahi am vergangenen Donnerstag, dass das Stück mit der Choreographie A, Beleuchtungsplot 200, den zweifarbigen Kostümen, der Musik von Radiohead und dem Bühnenbild des 18jährigen Fotografen Robert Heishman beginnen sollte. Gefolgt von Choreographie B mit Sigur Rós.

Beide Bands bewiesen, dass sie die bittersüße Melancholie eines Popsongs so weit abstrahieren können, dass sie der Vorgabe einer nonlinearen Musikstrecke von 20 Minuten gerecht werden können, ohne die Grundstimmung ihrer regulären Arbeit zu verlieren. Radiohead legten ihre typischen, wehklagenden Akkorde auf dem Fender-Rhodes-Piano vor, die sie dann mit Weißrauschen, Radiostimmen und arhythmischen Technopunktierungen auflösten. Sigur Rós zerpflückten ihre Harmonielandschaft mit den metallischen Stakkati manipulierter Spieluhren und eigens für diese Arbeit konstruierten Instrumenten, wie einer Art Xylophon aus einer mit Mikrofonen versehenen Batterie von Ballettschuhen.

Cunninghams Kompanie meisterte die komplexem Beziehungsgeflechte der Doppelchoreographie voller Ausdruck und technischer Bravour. Wie immer verlangte Cunningham von seinen Tänzern höchste Disziplin, was seinen Abstraktionen ein Höchstmaß an Klarheit verleiht. Als der gebeugte Pionier des Modern Dance am ebenhölzernen Gehstock zum Schlußvorhang noch einmal die Bühne betrat, wollten die Ovationen kein Ende nehmen. Die nächsten Monate wird die Merce Cunningham Dance Kompanie auf Tournee verbringen. In Europa wird “Split Sides" vom 2. bis 7. Dezember im Theatre de la Ville in Paris aufgeführt werden.





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