Truppenbetreuung

Beim “Concert for New York City" rekrutierte Paul McCartney die Elite der Rockmusik, um für die neuen Helden der Stadt zu spielen.
© Andrian Kreye



Am Freitagnachmittag kam Paul McCartney kurz beim Feuerwehrhaus der Ladder Company 6 and Engine 9 vorbei. Unten an der East Canal Street in Chinatown, wo man bei Westwind immer noch den Qualm der schmorenden Unglücksstelle riechen kann. Freikarten für sein “Concert for New York City" hatte er mitgebracht. Zwei für jeden Feuerwehrmann. Die waren erst einmal belustigt. Rummel sind sie inzwischen gewohnt, denn zur Ladder 6 gehören auch die Magic Seven, jene sieben Feuerwehrmänner, die den Zusammenbruch des Nordturms überlebt haben, weil sie eine Großmutter die Treppen hinunterschleppten und die Trümmer wie durch ein Wunder eine Luftkammer um sie herum bildeten. Da schauen fast jeden Tag irgendwelche Fernsehteams vorbei.

Aber weil Paul McCartney ohne Presse kam, schien es ihm wirklich ein ehrliches Anliegen zu sein, die Karten selbst vorbeizubringen. Als er dann auch noch Geschichten über seinen Vater James erzählt, der während des Zweiten Weltkriegs Feuerwehrmann in Liverpool war, und immer wieder mitten in der Nacht ausrücken mußte, weil die Krauts andauernd den Hafen von Liverpool bombardierten, hatte er die Männer von der Ladder 6 endgültig für sich gewonnen.

Solche Gesten sind den New Yorkern in diesen Tagen wichtig. Feigheit lassen sie nicht gelten. “Lamest of the Famous" hatte die New York Post an diesem Morgen gereimt, und all die Promis aufgezählt, die sich in diesen Tagen die Allüre Angst erlauben. Die Schauspielerin Heather Graham zum Beispiel, die lieber in der Talkshow von Jay Leno in Hollywood auftrat, anstatt wie geplant bei David Letterman in New York, weil sie sich vor Milzbrandsporen fürchtete. Liza Minelli, Naomi Campbell, Elizabeth Hurley und Placido Domingo, die dieser Tage ihre Termine absagen, weil sie sich nicht mehr trauen, in ein Flugzeug zu steigen. “Wenn es darum geht, dagegen zu protestieren, dass irgendwelche Kälber zu Kalbfleisch verwurstet werden, lassen sie sich normalerweise bei jeder Veranstaltung mit vegetarischer Speisekarte blicken", schimpfte die Post. “Und wo bleiben sie, wenn die Menschen sie brauchen?"

Für jeden Star, der sich drückt scheint es jedoch fünf zu geben, die Solidarität mit New York beweisen wollen. Da sah man Ben Stiller im Traviskonzert, John Lithgow beim Einkaufsbummel in SoHo, Ben Affleck spazierte alleine den West Broadway entlang und Harrison Ford verteilte unten bei Ground Zero tagelang Gratismahlzeiten, die Starkoch David Bouley für die Arbeiter gekocht hat. Und auch die Benefizauftritte haben diesmal nichts mit dem üblichen Betroffenheitszynismus zu tun, mit dem Stars ihre Konterfeis und Stimmen pflichtbewußt guten Zwecken zur Verfügung stellen. Für sie alle war New York irgendwann einmal das Ziel ihrer Träume. Die meisten Schauspieler begannen hier am Theater, die Musiker in den Clubs. Der 11. September ging ihnen an die Substanz.

Genauso fiel das Concert For New York City aus der Reihe. Der Rolling Stone hatte es mit Live Aid verglichen, Billy Crystal, der einen Teil des Abends moderierte, mit Woodstock. Beide Vergleiche hinken. Im besten Fall war es ein lokales Konzert, das die Reichen, Schönen und Berühmten für die Toten, Mutigen und Fleißigen der Stadt ausrichteten. Über sechstausend Feuerwehrleute, Sanitäter, Polizisten und Arbeiter hatten Freikarten bekommen. Die gesamte Arena war für sie reserviert. Selbst Expräsident Clinton mußte sich mit Rangplätzen begnügen, wo er zusammen mit seiner Frau Hillary und seinem Kumpel Dennis Quaid saß.

Unten auf den guten Plätzen saßen sie dann stolz in ihren Ausgehuniformen. Viele hatten Bilder ihrer verstorbenen Kameraden mitgebracht, die sie für die Übertragung im Fernsehen in die Kameras hielten. Denn bei allem Mut und aller Härte - die Arbeit in Ground Zero geht den Helden von der Zivilfront immer noch an die Substanz. So baten sie erst kürzlich darum, dass man die Lichter, welche nachts die Spitze des Empire State Building beleuchten, nicht mehr wie üblich um Mitternacht löscht. So leuchtet der nun höchste Wolkenkratzer der Stadt bis auf weiters wie ein monumentales Nachtlicht für Kinder bis zum Sonnenaufgang.

Und es war auch im Parkett, wo die Emotionen hochkochten, wo die Tränen flossen und die Jubelwellen durch die Menge gingen. Alle schienen froh, die Mizlbrandmeldungen und Ängste zu vergessen und wenn überhaupt an das wirkliche Drama zu denken. An die Tragik des 11. Septembers. “Eigentlich wollten wir heute wieder Preise verleihen", sagte Billy Christal. “Aber wir haben niemand gefunden, der Briefumschläge aufmachen wollte." Und auf die Lacher setzte er nach: “Ich war ja schon bei vielen Konzerten hinter der Bühne. Aber ich habe noch nie so viele Rockstars gesehen, die vor weißem Pulver davonlaufen."

Es war aber auch der Versuch der Stars, nach einer Tradition der Inhalte zu suchen. Woodstock oder Live Aid waren es nicht. Das wurde spätestens klar, als ein paar Cops der Transit Police ihre Zeit auf der Bühne benutzten, Osama Bin Laden zu beschimpfen, was frenetische Sprechchöre auslöste, die minutenlang “U - S - A!" skandierten. Später dann trat Hollywoodbuddhist Richard Gere ans Mikro. “Ich hoffe, wir können die Energie von heute Abend in Liebe und Verständnis umwandeln", sagte er, was ihm einen wahren Sturm von Buhrufen einbrachte. Da lachte man lieber über die Kriegstreiberwitze des Komikers Will Ferrell.

In Woodstock ging es um den Durchbruch der Protestgeneration. Bei Live Aid um eine Art Solidarität mit der Dritten Welt. Das Concert For New York aber war Truppenbetreuung in der Tradition von Bob Hope im befreiten Europa oder John Denver in Vietnam. Selbst die Popsignale haben eine neue Bedeutung. Wenn Johnny Rzeznik von den Goo Goo Dolls eine Tarnhose trägt, Jay Z ein Armeehemd, dann ist das seit dem 11. September die Antithese zur Armymode aus der Zeit des Vietnamkrieges. Was damals als Dekonstruktion der Kriegsästhetik gedacht war, bedeutet heute die modische Affirmation der amerikanischen Kriegsanstrengungen.

Musikalisch gibt es von Revueshows dieser Art wie immer nicht viel zu berichten. David Bowie eröffnete nach einem kurzen Vorpsiel mit seiner Hymne “Heroes". Bon Jovi und John Cougar Mellencamp bewiesen, dass Stadionrock in einem Stadion ganz hervorragend funktioniert, Jay Z dagegen einmal mehr, dass Hip Hop als Livemusik nichts taugt. Destiny's Child brillierten mit klassischem Gospel, die Goo Goo Dolls mit modernem Poprock. Die Backstreet Boys schlugen sich trotz fremder Begleitband wacker. Der atemlose Roger Daltrey von den wiedervereinigten Who traf kaum einen Ton, was auch in Zukunft niemanden stören sollte, solange Pete Townsend immer noch mit einer solch überzeugenden Wut auf seine Stratocaster eindrischt, dass er eine Sporthalle voll trauernder Feuerwehrmänner in die Ekstase treiben kann.

Keith Richards und Eric Clapton führten vor, dass auch weiße Jungs den Blues spielen können, und Macy Gray, dass man Beatleslieder selbst mit ferienlaunigen Reggae-Arrangements nicht kaputtkriegt. Billy Joel und James Taylor brachten die Menge mit den Texten von “New York State of Mind" und “Fire and Rain" zum Weinen. Irgend jemand sollte vielleicht David Bowie und Mick Jagger vorsichtig beibringen, dass Sexsymbole im Rock'n'Roll eine gewisse Halbwertszeit haben, auch wenn sie immer noch solide Sangesleistungen erbringen. Dafür schaffte es Elton John, ganz alleine am Flügel große Trauergesten zu zelebrieren, ohne in Pathos abzurutschen.

John Lennons Benefizklassiker “Give Peace A Chance" singen in diesen Tagen allerdings nur noch die Friedensdemonstranten auf der Straße. Im Madison Square Garden kam Paul McCartney in einem verwaschenen T-Shirt der Ladder Company 6 and Engine 9 auf der Bühne und stellte ein neues Stück vor, das er gleich nach dem Anschlag geschrieben hat. “We're talking about freedom ", sang er da. Und: “We will fight for the right to live in freedom. Anyone who wants to take it away, will have to answer." Kein Protestschrei. Ein Kampfruf, den die Menge jubelnd aufnahm. Denn seit dem 11. September hat der Rock'n'Roll wieder einen Inhalt, der Stars und Publikum vereint.


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