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In Ländern wie Kolumbien und Mexiko gehören Entführungen zu einem Risikogeschäft, das auf beiden Seiten von Profis geführt wird
© Andrian Kreye



Der erste Anruf kam an einem Freitag. Die Stimme des Diplomaten klang freundlich. Man erinnerte sich kurz an das gemeinsame Mittagessen in Bogotá. Dann das Angebot. Die Rebellen hätten einen Journalisten als Unterhändler angefordert. Acht Monate dauerten die Verhandlungen um die Freilassung der deutschen Geisel nun schon an. Das Problem - die Entführer glaubten, einen wichtigen Vertreter der deutschen Industrie in ihrer Gewalt zu haben. In der Realität war der Mann nur Vertreter. Weder seine Familie noch die deutsche Botschaft hätten die drei Millionen Dollar Lösegeld aufbringen können. Man einigte sich auf Dienstag in Bogotá.


Die deutsche Presse hatte den Fall bis dahin nicht wahrgenommen. Nicht einmal bei den Agenturen lief eine Meldung. Die Botschaft gab die meisten Fälle längst nicht mehr an die Presse. Um sich nicht auch noch mit Journalisten herumschlagen zu müssen, die sich vielleicht auf die Fährte der Entführten setzten und selbst zum Opfer würden. Um keine Öffentlichkeit zu schaffen, die nur Druck erzeugen würde, die den Entführern zu Gute käme.


In Kolumbien sind den Medien Entführungen schon seit Jahren kaum mehr als ein paar Zeilen wert, und auch nur dann, wenn es sich bei den Entführten um hochrangige Offizielle oder bekannte Persönlichkeiten handelt. Alltag stumpft ab, und bei statistisch zehn Entführungen pro Tage wird das Verbrechen zur Normalität. Nur für die Betroffenen verliert es nicht an Schrecken.


Zweiter Anruf, erste Zweifel - der Kollege von der kolumbianischen Tageszeitung El Espectador warnte davor, sich einzumischen. Man wäre nicht der erste Unterhändler, den die Entführer gleich dabehalten, sagte er. Auf die Unterstützung der kolumbianischen Kollegen könnte man nicht zählen. Schon gar nicht in Fällen, die Ausländer betreffen. Die glaubten, sie ständen unter besonderem Schutz, hätten keine Ahnung, dass die Angst vor Entführungen für die kolumbianische Mittel- und Oberschicht längst zum normalen Leben und Risiko gehört. 3076 Entführungsfälle wurden letztes Jahr in Kolumbien gemeldet. Tendenz steigend. Vor fünf Jahren waren es noch weniger als die Hälfte. In Bogotá gibt es sogar eine eigene Radiosendungen, bei der Angehörige ihren entführten Verwandten Nachrichten schicken können. Warum sollte den ausländischen Opfern da eine Sonderrolle eingeräumt werden? Wer in den Urwald fahre, müsse ja auch damit rechnen, sich die Malaria zu holen. Das Argument mit der Impfung ließ er nicht gelten.


Eine Art Impfung - Versicherungsgesellschaften wie Lloyd's in London, Chubb in Kanada und Black Fox in den USA bieten Policen für den Schutz gegen Entführungen schon ab 2500 Dollar pro Jahr an. Damit sind eine Million Dollar anfallende Kosten wie die Dienste professioneller Unterhändler (meist ehemalige Mitglieder von Geheimdiensten wie CIA, SAS oder Mossad) und Lösegeldzahlungen inbegriffen. Wichtigste Vertragsverpflichtung für den Versicherungsnehmer - kein Dritter darf von der Police erfahren. Dafür haben Entführungsfälle, die von Versicherungsgesellschaften und sogenannten Sicherheitsberatungen übernommen werden, eine vier- bis fünfmal so hohe Überlebens- und Lösungsrate, wie Fälle, bei denen Regierungsorgane oder gar Privatpersonen die Verhandlungen führen. Für Kolumbien wurde eine Mindestabdeckung von fünf Millionen Dollar empfohlen. Die billigste Police für dieses Land war für 70.000 Dollar im Angebot.


Ein kurzes Telefonat mit dem Sohn der Geisel, ein junger Mann schätzungsweise 25, 30 Jahre alt. Die Stimme klang ruhig. Er hatte sich an die tagtägliche Verzweiflung schon gewöhnt. Dann sagte er, nein, er wollte nicht in die Berge, um sich mit den Entführern zu treffen. Sein Vater habe sich in den Bergen die Malaria geholt. Jetzt hätten ihn Bekannte gewarnt, die Kidnapper würden eine kranke deutsche auch gerne gegen eine gesunde deutsche Geisel eintauschen. Und nein, die Entführer hätten eigentlich keinen Journalisten angefordert. Doch nach den vergeblichen Verhandlungen der Familie, des Regierungsbeauftragten für Entführungsfälle und der Kirche, meinte er, wäre das doch einen Versuch wert.


Es passiert selten, dass sich Innenminister, die lokalen Behörden und Organisationen gemeinsam für entführte Ausländer einsetzen, wie derzeit im Fall der drei Verschleppten Mitarbeiter der GTZ. Es passiert sogar immer seltener, dass Entführungsfälle an die Öffentlichkeit geraten. In Ländern wie Kolumbien, Mexiko, Brasilien und Ecuador, im Jemen, den Philippinen und auf dem indischen Subkontinent gehört Menschenraub inzwischen zu den wichtigsten Einnahmequellen des organisierten Verbrechens. Sicherheitsfirmen schätzen die Zahl der Entführungsfälle auf weltweit rund 30.000 pro Jahr. In Mexiko läuft das Geschäft inzwischen so routiniert ab, dass sich Banden in der Hauptstadt auf Schnellentführungen spezialisiert haben, die nicht länger dauern, als ein paar Stunden. Die Lösegelder in der Höhe von ein paar hundert oder wenigen tausend Dollar sind niedrig genug, um den organisatorischen Aufwand auf beiden Seiten niedrig zu halten.


In Kolumbien haben die Entführer allerdings langjährige Erfahrungen mit ihrem Geschäft. Entführungsfälle ziehen sich meist über Monate hin. Die Verhandlungen um eine Gruppe von amerikanischen Missionaren, die 1993 entführt wurden, dauerten mehr als sechs Jahre lang. Und 1999 entführten Mitglieder der FARC gleich 150 Menschen aus einer Kirche in Cali, die sie allesamt einzeln verhandelten. Auf 500 Millionen Dollar wird der Umsatz der kolumbianischen Kidnappingindustrie geschätzt. Die meisten Entführungen gehen dabei auf das Konto der Rebellengruppen der FARC und der ELN, die damit ihren Kampf im schon seit 37 Jahre andauernden Bürgerkrieg finanzieren. Ein Ende ist nicht abzusehen, denn viel zu viele Machtgruppen leben ganz hervorragend vom Geschäft mit dem Krieg.


Da sind zuerst einmal die Guerilla, die offiziell im Süden des Landes ein Gebiet von der Größe der Schweiz, inoffiziell aber schätzungsweise rund die Hälfte des kolumbianischen Staatsgebietes kontrollieren. Sie bestreiten inzwischen rund die Hälfte der kolumbianischen Kokainproduktion und den Großteil der Entführungen.


Da sind die rechten Todesschwadrone, die von Rinder- und Drogenbaronen wie Carlos Castaños unterhalten werden. Nachdem sie oft die dreckige Arbeit erledigen, die sich die Armee unter den strengen Augen der amerikanischen Militärberater nicht erlauben kann, läßt man sie gewähren. Und so vertreiben sie nicht nur die Guerilla, sondern auch die Kleinbauern und Indianer, die auf wertvollem Land siedeln.


Da ist die Armee, die vom offensiven Charakter des Plan Colombia profitieren, einem Hilfsprogramm der USA, das Kolumbien für den Kampf gegen die Drogen und die Guerilla rund 1,3 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen wird. Die Verlierer sind die kolumbianische Regierung, die Zivilgesellschaft, die legitime Industrie.


Noch ein Anruf. Der Kollege einer Nachrichtenagentur warnte dringend davor, sich auf das Abenteuer einzulassen, ganz egal wie edel das Anliegen, wie gut die Geschichte, wie dringend der Fall seien. Mal davon abgesehen, dass die Entführer einen gesunden Unterhändler gegen die kranke Geisel austauschen könnten - die Einmischung in solche Fälle gilt nach dem kolumbianischen Gesetz als Zusammenarbeit mit terroristischen Vereinigungen und darauf stehen fünf bis zehn Jahre Gefängnis.


Der Deutsche im Urwald hatte Glück. Ein Bischof setzte sich für ihn ein. Nach elf Monaten Gefangenschaft kam er frei. Wie bei den meisten Fällen hüllten sich die Beteiligten in Schweigen ob oder wieviel für die Freilassung gezahlt wurde. Denn selbst in der Welt des Verbrechens spricht man nicht gern über Geld. Das bleibt unter Profis reine Verhandlungssache.



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