MANN VON WELT

Bei seiner Buchtour in New York führt
Bill Clinton wieder einmal vor, warum Europa
demokratische US-Präsidenten so liebt.

© Andrian Kreye

New York 22. 06. '04 - Da ist er wieder: Bill Clintons unschlagbarer Händedruck. Höchstens eine Sekunde dauert er, ist aber kräftig genug, um sein Gegenüber davon abzuhalten, selbst zuzudrücken. Das hat er auf seiner ersten Wahlkampfreise als Präsidentschaftskandidat gelernt, als er vom vielen Händeschütteln eine Nervenentzündung in der rechten Hand bekam. Dabei gibt er seinem Gegenüber gleichzeitig das Gefühl, dass er sich ihm für diese Sekunde voll und ganz widmet. So einen Händedruck haben nur wenige hingekriegt. Ronald Reagan war zu väterlich, George Bush der Ältere zu höflich, der Jüngere eine Spur zu kumpelhaft.

Dieses Talent will Clinton jetzt bei seiner Buchtour nutzen, die am Dienstagmittag in der Filiale der Buchhandelskette Barnes & Noble im New Yorker Rockefeller Center begann. Die ergebensten Fans haben sich schon am Mittag zuvor in die Schlange gestellt, mussten tropischen Sommerregen über sich ergehen lassen. Clinton entschuldigt sich bei den Durchnässten für das Wetter. Fans mit Akzent fragt er nach ihrer Herkunft, sagt dann ¸¸Ich liebe Ihr Land" und ein paar freundliche Worte zur dortigen Politik. Nur auf der anderen Straßenseite stehen ein paar Demonstranten und wedeln mit Transparenten. Auf einem steht ¸¸Wäre bin Laden ein scharfer Hintern gewesen, hätte Clinton ihn genagelt".

Heute erinnert sich kaum noch jemand daran, dass es Bill Clinton war, der sein eigenes Land so stark polarisierte, auch wenn der Rest der Welt ihn so verehrte. Vor allem in Europa. Dort war Clinton das Musterbeispiel dafür, wie emotional der alte Kontinent auf die Präsidenten der Neuen Welt reagiert. Europäer lieben Demokraten, Republikaner verstehen sie nicht.

Demokraten haben ein eher europäisches Weltbild und Politikverständnis. Für sie trägt der Staat Verantwortung für seine Bürger und sein Land. Sie glauben an die staatliche Regulierung der Wirtschaft, an Umweltschutz, Gleichberechtigung und daran, dass ein Staat die Schwachen unter seinen Bürgern zu schützen und zu fördern hat. Republikaner bleiben dagegen eher dem uramerikanischen Freiheitsgedanken treu. Der sieht staatliche Einflussnahme auf die freie Marktwirtschaft, die Abhängigkeit der Unterschichten von Sozialprogrammen sowie die Sonderbehandlung von Minderheiten als einen Verlust genau jener Eigenverantwortung, die Grundlage jeder persönlichen Freiheit sei.

Nun hat die Sozialpolitik amerikanischer Präsidenten für Europäer wenig Bedeutung und vor allem einen Sympathiewert. Doch das Mitgefühl für die Heerscharen der Armen und Unterdrücken in den USA hat Europäer traditionell verleitet, sozial gesinnten US-Präsidenten eine ebenso menschliche Außenpolitik zu unterstellen. Das war oft ein Irrtum, und gerade dafür ist Bill Clinton das beste Beispiel. Seine Kubapolitik war von Unerbittlichkeit im Dienste der rechten Exilkubaner geprägt, die Intervention in Haiti ein Musterfall neoliberaler Kolonialgesinnung, und seine Irakpolitik bestand aus sporadischen Luftangriffen und einem erbarmungslosen Embargo. Die Balkankriege waren für Clinton vor allem ein weltpolitisches Schachspiel, in dem das nun nicht mehr vom Ostblock bedrohte Europa seine Unfähigkeit bewies. Unter amerikanischer Führung ließen die westlichen Allianzen die Situation im Kosovo so weit eskalieren, bis die Nato bedenkenlos Einsätze gegen die eigenen Grundsätze und verschiedene internationale Verträge durchführen konnte. Gleichzeitig wurden die Vereinten Nationen nicht lange gefragt, ob sie den militärischen Operationen amerikanischer Streitkräfte zustimmen und diese somit entscheidend in ihrer Macht beschnitten. Dabei gab Bill Clinton stets sehr diplomatisch. Das Kyoto-Protokoll ließ er beispielsweise erst unterzeichnen und dann im Parlament scheitern.

Selbst innenpolitisch war Bill Clinton keineswegs der mitfühlende Sozialpolitiker, den Europa so verehrte. Er sah in der Todesstrafe nicht nur ein legitimes Mittel der Justiz, er nutzte sie sogar, um Härte zu beweisen - während seines ersten Präsidentschaftswahlkampfes ließ er als damaliger Gouverneur von Arkansas einen nach einer Lobotomie geistig behinderten Häftling hinrichten. Diese Politik der Härte setzte er später fort. Unter seiner Regierung wurde der Strafvollzug weitreichend privatisiert. Um den Nachschub für die neue Industrie zu garantieren, führte Clinton den Krieg gegen die Drogen mit zunehmender Schärfe im eigenen Land, so dass die Anzahl der Häftlinge während seiner Präsidentschaft auf zwei Millionen stieg, von denen fast die Hälfte wegen Drogenvergehen einsaßen.

Sicher, außenpolitisch war Bill Clinton diplomatischer und zögerlicher als sein Nachfolger Bush. Innenpolitisch war er zunächst ein Idealist, der erst später an den Realitäten in Washington scheiterte. Denn er war ja auch ein Außenseiter, ein Aufsteiger aus der Provinz und ein Intellektueller. Helmut Kohl habe ihn für seine Freundschaft mit Senator Fulbright bewundert, weil Fulbright-Stipendien in Kohls Jugend ein Wunschtraum jedes Studenten waren, schreibt Clinton, der selbst ein Rhodes Scholar war und in Oxford studierte. Aber solch akademische Referenzen machen eben vor allem in Europa Eindruck. Den USA ist der traditionelle Intellektualismus der alten Welt suspekt. Ein Wirtschaftsabschluss aus Harvard und Yale zählt da mehr. Und genau dort liegt die tektonische Störungszone der transatlantischen Kulturen. Europäische Grübelei gegen amerikanischen Aktionismus - da versteht keiner den anderen und sucht stattdessen verzweifelt nach vertrauten Momenten.

Vier Stunden dauerte Bill Clintons Signierstunde im Rockefeller Center dann letztendlich. 1810 Fans schleusten die Verlagsangestellten und Leibwächter vom Secret Service durch den ausgeklügelten Parcours aus Handschlag, persönlichem Wort, Unterschrift und Abgang. Gleich nach dem Auftritt in der Barnes & Noble-Filiale ging es nach Harlem zum Hue-Man Bookstore and Café, einem unabhängigen Buchladen vier schwarzer Frauen nicht weit von seinem Büro in der 125. Straße, nicht weit von seinem eigenen Büro entfernt. Dort begrüßen sie ihn mit Jubelchören und afrikanischen Trommeln. "Bill, wir lieben Dich", rufen sie. Und das ist ernst gemeint. "Alleine dadurch, dass er sich zu uns bemüht und zeigt er uns Respekt", sagt ein Fan. Kleine Geste, große Wirkung. So gut ist der Mann.





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